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Mitgliederversammlung des TSV 1860 – im Zenith oder online?

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TSV 1860 Mitgliederversammlung blanker hohn
Stimmkarte, TSV 1860 München

Dass die Mitgliederversammlung eines Sportvereins eine Präsenzveranstaltung sein sollte, ist klar. Die Gründe dafür liegen auf der Hand und wurden auch beim TSV 1860 München in den vergangenen Jahren eindrucksvoll vor Augen geführt. Bestes Beispiel: Die letzte Wahl zum Verwaltungsrat, als das “Team Profifußball” sich auf der MV vorstellen durfte und von den anwesenden Mitgliedern zu ihren Beweggründen, Ideen und Visionen befragt wurde. Noch heute bin ich mir sicher, dass Ex-Profi Bernhard Winkler da locker gewählt worden wäre, hätte er sich auf der Bühne nicht um Kopf und Kragen geredet.

In Zeiten von Corona ist jedoch vieles anders und so stellt sich auch bei den Löwen die Frage, ob die diesjährige MV zwingend im Zenith durchgeführt werden muss oder auch eine Online-Variante möglich wäre. Fakt ist: Dieses Jahr finden keine Wahlen statt, dieser Kelch geht also schon mal an uns vorüber. Inwiefern eine Präsenzveranstaltung, wie sie für den 20.09. geplant ist, überhaupt genehmigt wird und abgehalten werden darf, steht in den Sternen. Rückt die von bestimmten Personen seit Jahren geforderte Online-MV nun in greifbare Nähe? Für 2020 scheint dies zumindest eine realistische Option, für die Zukunft hingegen sollte dies keine Alternative sein, zumal es einer entsprechenden Satzungsänderung bedarf. Anträge auf Online- bzw. Briefwahl wurden in der Vergangenheit wiederholt mit überwältigender Mehrheit abgelehnt, bei der letzten MV wurde ein derartiger Antrag gar nicht erst gestellt.

Warum aber ist es so wichtig, dass die Mitglieder einmal im Jahr persönlich zusammenfinden? Fußball-Abteilungsleiter Roman Beer begründet dies in der Süddeutschen Zeitung schlüssig; er halte es für kritisch, wenn sich die Mitglieder sagen: “Ich höre mir doch keine stundenlangen Debatten an, sondern gebe einfach meine Stimme ab.” Präsident Robert Reisinger steht einer Online-MV prinzipiell offen gegenüber, solange es sich dabei um eine reine Informationsveranstaltung ohne Abstimmungen handle und die Kosten nicht explodieren.

Dass die Gegner des Vereinskurses (Konsolidierung der ausgegliederten KGaA) durch die Online-Variante Morgenluft wittern, ist klar. Ob es die vielzitierte “schweigende Mehrheit” jedoch überhaupt gibt, ist fraglich. Gerade bei den Mitgliedern des Vereins genießt die aktuelle Vereinsführung und ihr Vorgehen breites Vertrauen – wie die Wahlergebnisse auf den vergangenen Mitgliederversammlungen zeigten. 1860 ist halt deutlich mehr als nur Profifußball und ganz ehrlich: Wer alle zwei Wochen zu den Spielen anreisen kann, der sollte auch bereit dazu sein, mal einen Tag in einer Halle zu verbringen, um die Vereinspolitik aktiv mitzugestalten. Aber natürlich ist es viel einfacher, daheim auf der Couch zu sitzen, rumzujammern und sich zu beschweren. Man kennt das ja.

Selbstverständlich darf man bei der Online-Variante auch eventuelle Manipulationsmöglichkeiten nicht komplett außer Acht lassen: So ganz abwegig wäre es ja nicht, dass im Falle einer Änderung des Wahlmodus plötzlich ganz viele Menschen aus aller Welt ihre Liebe zum TSV 1860 entdecken und dann am Wahltag wie gebannt am Computer sitzen und ihre Stimmen abgeben. Bei Facebook und Twitter soll sich ja so manch einer auch schon massenhaft Follower zugelegt haben…

 

Sechzig und die MVG – ein paar Gedanken zu einem aktuellen Thema

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TSV 1860 Dauerkarte

Seit einer Woche können die Löwenfans – völlig unabhängig von den Fragen rund um die Zulassung von Zuschauern in die deutschen Fußballstadien – ihre Dauerkarten für die Saison 2020/21 bestellen.  Angesichts der aktuellen Diskussion, wann und in welcher Form wieder Zuschauer im Sechzgerstadion zugelassen werden, geht ein anderes nicht ganz unwichtiges Thema etwas unter: Wie geht es eigentlich mit der Berechtigung weiter, die öffentlichen Verkehrsmittel des MVV mit den Eintrittskarten für die Löwen-Spiele nutzen zu dürfen?  In den letzten drei Spielzeiten ermöglichte jede Einzel- und jede Dauerkarte dem Besucher des Sechzgers ganztägig im kompletten MVV-Tarifgebiet zu fahren.

Schon im ersten Hinweis auf den kurz später beginnenden Dauerkartenvorverkauf auf der offiziellen Website war in einem Nebensatz zu lesen, dass die neuen Dauerkarten „eventuell mit eingeschränkten MVV-Tarifzonen“ ausgestattet sein werden. Mehr ist aktuell noch nicht bekannt. Offensichtlich befinden sich die Münchner Verkehrsgesellschaft und die TSV 1860 KGaA noch in Verhandlungen.

Aber blicken wir kurz ein wenig zurück: Als die Löwen im Sommer 2017 nach dem Absturz in die Regionalliga in ihr  Sechzigerstadion als Spielstätte zurückkehren wollten, machten die Münchner Behörden zur Bedingung, dass in sämtlichen Eintrittskarten eine (für den Fan) kostenfreie MVV-Berechtigung enthalten sein müsse, um ein Verkehrschaos rund um das Stadion am Spieltag zu vermeiden. Die An- und Abreise der Fans funktionierte von Anfang an auch entsprechend perfekt. Die Gelehrten streiten sich zwar darüber, wie viele Zuschauer eigentlich wirklich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Stadion kommen, aber faktisch ist der TSV 1860 mit diesem Modell in Zeiten, in denen viel über die Entlastung urbaner Lebensräume vom lauten und dreckigen Individualverkehr diskutiert wird, ein absolut zukunftsweisendes Vorbild!

Aber zu welchem – im wahrsten Sinne des Wortes – Preis üben wir diese Vorbildfunktion aus? Nehmen wir einmal an, 1860 müsse pro Spiel und Ticket 2,50 Euro an die MVG überweisen, was unserer Kenntnis nach kein ganz unrealistischer Betrag ist, dann käme in einer regulären Spielzeit die satte Summe von mehr als 700.000 Euro zusammen, die das Verkehrsunternehmen einstreicht. Dass die Verantwortlichen der KGaA die von ihnen überall geforderte Sparsamkeit gerne auch bei diesem Thema zeigen würden, liegt auf der Hand. Jedoch müsste eine deutlich niedrigere Abgabe an die MVG wohl mit einem Entgegenkommen der KGaA einhergehen. Eine Verkleinerung des durch die Fans nutzbaren Tarifgebiets wäre ein kooperativer Ansatz.

Internen Zählungen zufolge haben etwa 40% der Dauerkartenbesitzer der letzten Saison ihren Hauptwohnsitz in der sogenannten Zone M, rund 20% außerhalb der Zone M, aber noch innerhalb des MVV-Gebiets. Eine Lösung wäre also, die MVV-Berechtigung der Eintrittskarten auf genau diese Zone M, die im Prinzip das komplette U-Bahn-Netz und auch zahlreiche S-Bahnhöfe in den Außenbezirken umfasst, zu beschränken (Details zu den MVV-Tarifzonen findet der interessierte Leser übrigens hier). Der MVV-Aufschlag auf jedes Ticket könnte dann auf beispielsweise einen Euro pro Ticket reduziert werde. Einsparpotenzial für den TSV 1860: Über 400.000 Euro!  Freilich wäre es für die Löwenfans außerhalb der Zone M ein spürbarer wirtschaftlicher Nachteil, dass sie zum Erreichen der Zone M zukünftig einen zusätzlichen Fahrschein benötigen würden. Im Prinzip wäre das eine Erhöhung der ansonsten heuer stabilen Dauerkartenpreise für einen Teil der Anhängerschaft. Auf der anderen Seite zahlte Sechzig alljährlich einen hohen Geldbetrag an die MVG, damit alle 15.000 Stadionbesucher am Spieltag das ganze Tarifgebiet, von Petershausen bis Holzkirchen und von Geltendorf bis Wasserburg am Inn nutzen können. Macht das wirklich Sinn? Es sollen hier keineswegs die Fans aus der Stadt gegen die Fans aus dem Umland gegeneinander ausgespielt werden (was in einem anderen Löwenblog  gerne gemacht wird)! Aber ist es nicht seltsam, dass von 1860 auch den vielen Fans, die mit dem Radl oder zu Fuß ins Stadion kommen, die nur fünf Stationen mit Bus oder U-Bahn fahren oder die – egal aus welcher Ecke des MVV-Gebiets sie kommen – sowieso schon eine Monatskarte besitzen, quasi 19 Mal im Jahr ein kompletter Tag im kompletten MVV-Tarifgebiet spendiert wird?

Mit einer Bitte, einem Appell an zwei Parteien endet dieser Beitrag: Zum einen an die Löwenfans außerhalb der Münchner Stadtgrenzen, die beschriebene finanzielle Kröte zu schlucken und sich zu freuen, dass auch durch sie in der KGaA eingespartes Geld in den Kader fließen kann – und das sogar ohne eine Entscheidung für die Dauerkartenvariante „Löwenherz“. Der andere Appell geht an die MVG und auch da geht es um ein Herz für die Löwen: Dieses sollten die Verhandlungsführer zeigen und dem TSV 1860 in der Frage der MVV-Berechtigung spürbar entgegenkommen. Wie sagt nicht zuletzt Stadionsprecher Stefan Schneider immer so schön: Vergelt’s Gott!

Mitgliederversammlung im September: Der TSV 1860 arbeitet an einem Hygienekonzept für 1200 Leute – oder gibt es eine Online-Versammlung?

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Wie die tz heute online berichtet, arbeiten der TSV 1860 derzeit an einem Konzept um die für den 20. September angesetzte Mitgliederversammlung mit 1200 – 1300 Mitgliedern durchführen zu können – zeitgleich prüft man jedoch auch die Möglichkeit einer Online-Versammlung.

 

Zum Artikel:

https://www.tz.de/sport/1860-muenchen/tsv-1860-muenchen-robert-reisinger-praesident-mitgliederversammlung-2020-zenith-13859008.html

Trainingslager-Testspiel: Erster Löwenauftritt vor Fans nach 175 Tagen bereits fast ausverkauft!

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Das ging schnell!
Die Löwenfans sind ganz offensichtlich, aber natürlich wenig überschend, richtig heiß darauf, ihre Helden wieder einmal live und hautnah spielen zu sehen.
Am gestrigen Mittwoch um 15:21 Uhr durften wir die frohe Kunde hier vermelden, dass zum Testspiel der Löwen im Rahmen des Trainingslagers in Windischgarsten gegen FC Juniors Oberösterreich 400 Zuschauer zugelassen werden. Keine 24 Stunden später vermeldet das Dilly Wellness-Resort, das den Verkauf der Tickets direkt über seine Gutschein-Website abwickelt, dass nur noch rund 60 Karten zu haben sind. Wer also einen Tripp nach Windischgarsten plant, sollte nun nicht mehr zögern.
Einen kleinen Service-Hinweis haben wir an dieser Stelle dann auch noch für Euch: Die Bestellung der Tickets, die es als VIP- (für 50,- EURO inklusive Schmankerlbuffet und Getränke eine Stunde vor Anstoß bis eine Stunde nach Abpfiff) und als normale Variante (für 15,- EURO) gibt, sollte idealerweise über den Chrome-Browser abgewickelt werden. Mit Firefox hatten einige Löwenfans in den gestrigen Abend- und Nachtstunden Probleme bei der Bestellung, wie ein Mitarbeiter des Hotels gegenüber sechzger.de erklärte.

Im Interview: Ernst Tanner (Teil 2)

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Heute Morgen gewährte uns Ernst Tanner interessante Einblicke in seine aktuelle Tätigkeit bei Philadelphia Union und blickte zurück auf seine Zeit als NLZ-Leiter beim TSV 1860 München. Im zweiten Teil des Interviews analysiert er das heutige Fußball-Business und wagt einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Lesen!

 

sechzger.de:

Wie stehst Du persönlich denn zu 50+1? Du hast ja in Hoffenheim und bei RB bei zwei Clubs gearbeitet, bei denen diese Regelung geschickt umschifft wurde und wird. Ist 50+1 noch zeitgemäß? Oder erkennst Du bei Wegfall der Regel auch Gefahren? Gerade wir Löwen sind durch die Saison 2016/17 da ja durchaus auch ein gebranntes Kind…

Ernst Tanner:

Es kommt immer darauf an, wer dahinter steht und welche Interessen er verfolgt. In Hoffenheim steht ein regionaler Entwicklungsansatz dahinter, der zudem auch philanthropischer Natur ist. Red Bull ist ein Weltkonzern und verfolgt ein Sportmarketingkonzept auch in anderen Sportarten. Zudem wird auch hier gerade in einer Akademie wie in Salzburg viel Entwicklung betrieben. Das ist grundsätzlich schon mal nicht zu verurteilen und ich glaube auch nicht, dass hier jemandem was weggenommen wird, sondern diese Vereine mit ihren innovativen Konzepten die Klublandschaft bereichern. Was gerade in den letzten Jahren im Klubsektor mit vielen Vereinen im Ausland passiert ist, die an Investoren und sogar Berater verkauft wurden, spottet eigentlich jeder Beschreibung und das ist eben dort leichter machbar, wo 50+1 nicht besteht. So gesehen sehe ich die Regel durchaus als wichtiges  Regulierungsinstrument an, nachdem wir ja auch gelernt haben, dass die FIFA mit ihrem Financial Fair Play durchaus Schwierigkeiten in der Umsetzung hat. Ich denke auch nicht, dass 50+1 ein allzu großer Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu anderen Ligen ist und es gibt auch Vereine hierzulande, die diese Aussage untermauern. Der solideste Wettbewerbsvorteil ist nach wie vor organisches Wachstum und das ist halt nicht kurzfristig zu generieren.

 

sechzger.de:

Kannst Du mal kurz skizzieren, welche Unterschiede Du bei Deinen Tätigkeiten zwischen 1860, Hoffenheim und RB kennenlernen durftest? Warum läufts woanders so viel besser und reibungsloser? Ist es wirklich nur eine Frage des Geldes, das bei uns nicht zuletzt aufgrund der hohen Ausgaben für die Arena nicht vorhanden ist?

Ernst Tanner:

Geld ist natürlich ein Faktor, ohne den man bei der heutigen Professionalisierung im Sport nicht mehr auskommt. Das fängt beim Einsatz von Technologien an und geht bei den Personalkosten für die Spieler – aber vielmehr auch gute Mitarbeiter – weiter. Der große Unterschied zwischen meiner Tätigkeit bei den Löwen und den anderen Klubs war, dass ich in München versuchen musste, mit ständigen Einsparungen zurecht zu kommen und den Betrieb bestmöglich aufrecht zu erhalten, während ich bei den anderen Klubs in Projekte und innovative Ideen und auch Spieler investieren durfte. Bildlich gesprochen war das in etwa so wie auf der einen Seite im Hamsterrad und andererseits im „think tank“, wenn man das so auf den Sport projizieren kann.

Allerdings war bei den Löwen schon vor dem Arenabau kein Geld mehr da und wir mussten eigentlich damals schon unsere besten Spieler verkaufen, um die finanziellen Löcher zu stopfen.

 

sechzger.de:

Auch das (mediale) Umfeld ist bei den Löwen vermutlich deutlich anders, oder? Ich habe ja selber einige Jahre in Heidelberg, also in der Nähe von Hoffenheim gelebt, und quasi nie etwas Kritisches hinsichtlich der TSG gelesen. In München hingegen scheint man ja nur auf schlechte Neuigkeiten zu warten…

Ernst Tanner:

Kritisches gab es über die TSG zu der Zeit von allen anderen Seiten in Deutschland schon genug zu lesen. Da musste die Rhein-Neckar-Zeitung nicht auch noch einstimmen…

„Bad news sells“ heißt es ja so schön und das Mediengeschäft lässt dadurch seriösem und vor allem investigativem Journalismus heute fast keine Chance mehr. Mir hat mal ein Reporter einer großbuchstabigen Zeitung (und davon gibt es ja mehrere in München) auf die Frage, warum er denn so einen Mist in Form der Unwahrheit schreibe, geantwortet: „Sie wissen doch, Herr Tanner, wir müssen lügen!“ Damals hab ich mich mit der Aussage schwer getan, aber mittlerweile kann ich das gut verstehen. Die Löwen sind über die Jahre hinweg auch durch ihr eigenes Handeln zu einem Synonym für „bad news“ geworden und aus dieser Schublade kommen sie leider auch schwer raus.

 

sechzger.de:

Ein Großteil der Löwenfans ist sehr froh, dass 1860 wieder in Giesing spielt. Stadion, Drumherum, Heimatgefühl, Stimmung – das Gesamtpaket aus Fansicht stimmt also! Du siehst Du den Standort Giesing jedoch eher kritisch, oder? Wie könnte eine Alternative aussehen?

Ernst Tanner:

Ich mag das Grünwalder und hab dort tolle Spiele miterleben dürfen wie zum Beispiel mein erstes Spiel gegen Fürth in der Bayernliga. Allerdings hat sich der Fußball und vor allem seine wirtschaftliche Seite weiterentwickelt und mit den Einnahmen aus Giesing wird es auch eine Etage höher schwer zu überleben. Ich weiß nicht, ob die Fans sich in Giesing auf Dauer wohlfühlen und mit einem Dasein in der 3. oder 2. Liga zufrieden sind. Ich glaube nicht, dass in der Fanlandschaft Einigkeit darüber besteht, wo man hin will und wie zukunftsfähig dieses Konzept überhaupt ist. Die Stadt hatte sich ja klar positioniert und einen weitgehenden Ausbau des Grünwalder Stadions abgelehnt. Mein Vorschlag war, mal Verhandlungen mit der Stadt über einen Verzicht auf das Erbpachtrecht an der Hochleite und einen Neuanfang in Riem anzustreben. Aber das ist lange her, wäre auch nur mit einem potenten Investor gegangen und wird heute nicht mehr realisierbar sein.

 

sechzger.de:

Hast Du denn noch viele Kontakte zu 1860 und wenn ja, zu wem? Dein Abschied liegt ja nun doch schon einige Jahre zurück.

Ernst Tanner:

Der Fußball ist schnelllebig und meine Kontakte zu den Löwen haben sich auch entsprechend reduziert. Natürlich kenne ich noch die meisten Verantwortlichen in leitenden Positionen persönlich, aber durch mein Wirken in den USA hat sich das auf wenige Telefonate oder SMS reduziert.

 

sechzger.de:

Du bist jetzt 53, hast also noch einige Berufsjahre vor Dir. Siehst Du Deine berufliche Zukunft in den USA oder doch eher in Europa? Welche Aufgaben könnten Dich noch reizen?

Ernst Tanner:

Ich bin hierher gekommen, um nochmal ein komplett anderes Projekt umzusetzen, das ich so bisher nicht gekannt habe. Da gibt es schon noch gut Arbeit für ein paar Jahre. Was ich danach machen werde, ist relativ offen. Ob USA oder Europa, ich habe mir mal geschworen, dass ich nichts mehr mache, was mir keinen Spaß macht. Daran halte ich mich und Gott sei Dank kann ich es mir auch leisten.

 

sechzger.de:

Das Kapitel 1860 dürfte für Dich aber – zumindest beruflich gesehen – jedoch beendet sein, oder?

Ernst Tanner:

Ja klar, ich hatte eine tolle Zeit bei den Löwen und möchte sie keinesfalls missen, aber den Fußball in Deutschland und Österreich habe ich in allen Facetten erlebt und das reizt mich nicht mehr sonderlich.

 

sechzger.de:

Beim Blick auf die diesjährige 3. Liga: Was traust der jungen Mannschaft von Michael Köllner zu?

Ernst Tanner:

Zunächst mal finde ich es gut, dass der Michael junge und entwicklungsfähige Spieler einbaut. Das ist meines Erachtens der einzige – wenn auch manchmal steinige – Weg, das Ganze einigermaßen zukunftsfähig zu gestalten. Die meisten Klubs, die nachhaltig gearbeitet haben und geduldig geblieben sind, haben es am Ende aus der Dritten Liga rausgeschafft. Angesichts der Absteiger und sonstigen „Schwergewichte“ in der Liga wäre es vermessen, an einen Aufstieg zu glauben, aber die Löwen haben das Potential, im vorderen Mittelfeld mitzumischen und man muss dem Trainer auch die Zeit geben, eine Mannschaft zu entwickeln, um dann angreifen zu können. Das dauert halt mal zwei oder drei Jahre, aber dafür ist es dann umso stabiler.

 

sechzger.de:

Lieber Ernst, vielen Dank für die interessanten Einblicke und das tolle Interview. Ich wünsche Dir alles Gute in Philadelphia und hoffe, dass wir uns trotz allem bald mal wieder auf Giesings Höhen sehen.

Ernst Tanner:

Gerne und viel Grüße an die Löwenfamilie!

 

Das Interview führte Stefan Kranzberg.

 

Im Interview: Ernst Tanner (Teil 1)

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Ernst Tanner TSV 1860

Beim TSV 1860 machte sich Ernst Tanner als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) sowie Entdecker und Förderer zahlreicher späterer Profispieler einen hervorragenden Namen. Dies weckte natürlich auch andernorts Begehrlichkeiten und so wechselte der gebürtige Traunsteiner 2009 zur TSG Hoffenheim, wo er als Geschäftsführer und Vorstandsmitglied tätig war.

Seine nächste Station lautete Red Bull Salzburg, wo er als Nachwuchsleiter die komplette Organisation und Koordination innerhalb der österreichischen Fußball-Abteilung des Getränkeherstellers lenkte. Nach sechs erfolgreichen Jahren in Österreich verließ er Europa, um 2018 als Sportdirektor bei Philadelphia Union (Major League Soccer) anzuheuern.

sechzger.de:

Servus Ernst, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns nimmst. In der MLS ist die abgespeckte Saison ja gerade in vollem Gange. Was treibst Du gerade? Und wie hat man sich die aktuelle Spielzeit der MLS vorzustellen?

Ernst Tanner:

Ich bin gerade am Wochenende nach 5 Wochen Hotelquarantäne in Orlando zurückgekommen und ruhe mich noch davon aus…

Wir haben dort das „MLS is Back“ -Turnier gespielt, in dem die ersten drei Gruppenspiele zur Liga gezählt werden und unsere im März unterbrochene Saison quasi wieder aufgenommen.

sechzger.de:

Gerade die USA sind durch die Corona-Pandemie ja auch ziemlich stark betroffen und haben erst sehr spät auf die drohende Gefahr reagiert. Inwiefern warst Du mit Deiner Familie und auch Dein Club Philadelphia Union von den Restriktionen betroffen?

Ernst Tanner:

Ich weiß gar nicht, wie drohend die Gefahr überhaupt ist. Zumindest für meine Wenigkeit und auch für unsere Spieler scheint das kein großes Problem zu sein. Wir hatten hier fünf Infizierte und die haben es bis auf einen gar nicht wirklich gemerkt. Durch die Serology-Testung (auf Antikörper) kam das dann aber alles raus und seitdem testen wir praktisch viermal die Woche und hatten keinen einzigen Positiven mehr. Der Lockdown war hier wie bei euch und hat unser Leben natürlich eingeschränkt und als die Maßnahmen gelockert wurden, sind wir dann zum  Turnier nach Florida geflogen. Von daher bin ich mal froh, dass diese Phase gerade zu Ende ist.

Meine Familie ist ja in Bayern geblieben und da glauben auch alle, dass sie es schon gehabt haben, aber halt Mitte Januar und da war von Corona noch nicht großartig die Rede. Aber nachdem es auch keinen Test gab, wurde das auch nicht erfasst.

sechzger.de:

Ihr seid super ins „MLS is Back“-Turnier gestartet und erst im Halbfinale an Portland gescheitert. Überrascht Dich das oder hast Du das dem Team genau so zugetraut? Und wie geht es denn nun mit der regulären Saison weiter?

Ernst Tanner:

Ja, leider sind wir im Halbfinale gegen Portland mit 1:2 ausgeschieden (Anm. d. Red.: Portland Timber gewann auch das Finale gegen Orlando City mit 2:1 und qualifizierte sich damit automatisch für die CONCACAF Champions League), aber da waren wir selber schuld und hätten das auch gewinnen können. Ich weiß, dass wir heuer ein sehr gutes Team haben und grundsätzlich jeden schlagen können – und das mit einem der geringsten Budgets aller Klubs, aber das habe ich ja schon bei den Löwen gelernt. 🙂

Ab 21. August geht es dann zuerst mit sechs Spielen gegen die regionalen Gegner weiter. Wir spielen je nach Bundesstaat ohne oder vor stark reduzierter Zuschauerkapazität und nur innerhalb der Eastern Conference. Unter „regional“ versteht man hier weniger als zwei Flugstunden wie New England oder Columbus oder halt mit dem Bus zwei oder drei Stunden nach New York oder Washington. In der nächsten Phase spielen wir dann vom 19. September bis zum 9. November zwölf weitere Spiele gegen die anderen Teams im Osten und ab 20. November beginnen hier die Playoffs mit dem MLS Cup Finale am 12. Dezember.

sechzger.de:

In Europa wird die Major League Soccer ja gerne mal belächelt. Wie schätzt Du das Niveau der Liga im Vergleich zu Deutschland ein? Welche Spieler der Philadelphia Union könnten sich auch hierzulande durchsetzen? Und gibt es bei den Löwen aktuell einen Spieler, den Du Dir in Philly vorstellen könntest?

Ernst Tanner:

Die Liga hat in den letzten zehn Jahren stets an Niveau und Professionalität dazugewonnen. Gerade die vielen Spieler aus Südamerika und Mexiko haben massiv dazu beigetragen und es wird  mittlerweile auch viel Geld auch für junge Toptalente ausgegeben. Die MLS wird als Sprungbrett für Europa gesehen und wir sind vielleicht nicht mit den Top-Five-Ligen in Europa und damit auch der Bundesliga vergleichbar, kommen aber sicher gleich danach. Ich habe mit Aaronson und McKenzie zwei hochtalentierte Jungs im Kader, aber auch ein Kai Wagner kann es in der Bundesliga schaffen. Er hat sich mittlerweile als einer der besten, wenn nicht sogar als bester Linksverteidiger in der Liga etabliert und das mit gerade mal 23 Jahren. Die Dritte Liga und die Löwen habe ich leider nicht mehr so im Fokus, da wir uns natürlich auf unsere Hauptmärkte konzentrieren müssen.

sechzger.de:

Wie kam es denn eigentlich zu Deinem Wechsel in die USA? Man sollte meinen, dass man sich im RB-Konzern auch langfristig wohlfühlen kann… War es der Anreiz, doch nochmal in vorderster Front zu stehen, statt in zweiter Reihe im Nachwuchsbereich?

Ernst Tanner:

Ich war eigentlich bei Red Bull alles andere als in der zweiten Reihe, aber wer mich kennt, weiß, dass mich das überhaupt nicht interessiert. Ich wollte jedoch schon immer mal im Ausland und dann am besten in einem englischsprachigen Land arbeiten und nachdem ich 2012 eine Offerte aus Philadelphia noch zugunsten von Red Bull abgelehnt hatte, habe ich mich dann dafür entschieden, als die Möglichkeit im Sommer 2018 wieder kam und es keinesfalls bereut! Einer unserer Eigentümer kennt mich aus meiner Zeit bei Hoffenheim und wir halten seit über zehn Jahren Kontakt. Das half mir selbstverständlich bei meiner Entscheidungsfindung.

sechzger.de:

Apropos Nachwuchs: Bei den Löwen galtest Du ja als der Macher, als derjenige, der aus Talenten Profis geformt hat. Volland, Baumgartlinger, Schäfer, Johnson, die Benders, Holebas und viele mehr – sie alle sind unter Dir zu Profis geworden und später ihren Weg gegangen. Gibt’s für sowas ein Patentrezept oder ist da auch viel Glück dabei?

Ernst Tanner:

Ich habe mal zusammengezählt, wie viele Spieler aus unserer Jugendabteilung aus meiner Zeit bei den Löwen den Sprung entweder in die erste oder zweite Bundesliga oder in eine erste Liga im Ausland geschafft haben und das waren dann über 70. Da wir mit Individuen zu tun haben, gibt es wohl keine Patentrezepte und das wäre, glaub ich, zu einfach gedacht, aber der Faktor Glück spielt hier angesichts der Daten wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wir haben halt versucht, im Training  möglichst innovativ und akribisch zu arbeiten, den Markt an Talenten weitestgehend zu überschauen und eine gute Vorstellung davon gehabt, was einmal aus einem Jungen werden könnte, wenn wir ihn zu uns holen und in unser Programm integrieren. Das hat übrigens auch gut zum Credo des Klubs gepasst.

sechzger.de:

Wer war denn aus Deiner Sicht das größte Talent, mit dem Du bei 1860 gearbeitet hast und warum?

Ernst Tanner:

Das kann man nicht einfach so beantworten, da der Talentbegriff wie gesagt sehr weit gefächert ist und jeder Spieler seine eigenen Stärken ausprägt. Daher wird es den Spielern einfach nicht gerecht, jemanden heraus- oder überzustellen. Du hast aber vorhin schon ein paar erwähnt, die in jedem Fall zu potentiellen Kandidaten zählen würden.

sechzger.de:

Heute muss sich der TSV 1860 ja leider mit der 3. Liga begnügen und ob man im Kampf um die Aufstiegsplätze mitmischen kann, erscheint fraglich. Was muss sich denn aus Deiner Sicht ändern, um wieder nach oben schielen zu können?

Ernst Tanner:

So weit waren die Löwen im letzten Jahr ja nicht davon weg, oder? Die Dritte Liga ist eine finanziell schwierige Liga. Das hatten wir damals bei ihrer Einführung ja schon geprüft, als es darum ging, eventuell mit der U23 dort zu spielen. Ein Traditionsverein hat eigentlich einen Vorteil, wenn es um die Akquise von Geldern und Spielern geht. Allerdings müssten dann mal wieder alle an einem Strang ziehen und das ist bei den Löwen seit langer Zeit nicht mehr der Fall gewesen.

Im zweiten Teil des Interviews analysiert Tanner das heutige Fußball-Business und wagt einen Blick in die Zukunft.

 

Sechzig@18:60 – die News vom Tage kompakt:

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Die nächsten beiden Testspiele des TSV 1860 werden live im Löwen-TV übertragen:

https://sechzger.de/testspiele-live-im-loewen-tv/

Für das Testspiel im Rahmen des Trainingslagers werden 400 Zuschauer zugelassen – der Kartenvorverkauf ist heute gestartet:

https://sechzger.de/trainingslager-testspiel-gegen-fc-juniors-ooe-mit-zuschauern/

Trainingslager: Testspiel gegen FC Juniors OÖ mit Zuschauern!

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Im Rahmen seines Trainingslagers in Windischgarsten wird der TSV 1860 München am 30.08. ein Testspiel gegen den österreichischen Zweitligisten FC Juniors OÖ (2. Mannschaft des LASK, ehemals FC Pasching) bestreiten. Zu diesem Match in der DANA Arena Windischgarsten werden 400 Zuschauer zugelassen, Tickets sind ausschließlich online erhältlich!

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Jetzt heißt es: Schnell sein!

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Keine Dauerkarten beim 1. FC Magdeburg

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Bleiben die Kurven auch nach Corona leer? 1860
"Fußball gehört den Fans" - Bild von Anne Wild

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Gestern haben sich DFL und die Vereine der 1. und 2. Bundesliga dem Drängen der Politik gefügt und beschlossen, ohne Zuschauer in die neue Saison zu starten. Aufgrund der Argumentation ist davon auszugehen, dass sich auch die 3. Liga danach richten wird und die Saison entsprechend ohne Fans auf den Rängen beginnen wird. Das kann man gut finden oder nachvollziehen – muss man aber nicht!

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Während der TSV 1860 bereits letzte Woche zwei Dauerkarten-Modelle vorstellte (seitdem gingen rund 3.000 Bestellungen ein!), gab Liga-Konkurrent 1. FC Magdeburg heute bekannt, komplett auf Saison-Abos zu verzichten. Aufgrund des nicht absehbaren Verlaufs der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen sehe man derzeit keine Möglichkeit, ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten, hieß es aus Vereinskreisen. Die bisherigen Dauerkarten-Inhaber müssen jedoch nicht um ihre Stammplätze bangen – für die Saison 2021/22 werden ihre bisherigen Tickets reserviert.

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