Natürlich würde ich an dieser Stelle gerne über den souveränen 3:0-Heimsieg der Löwen gegen Cottbus schreiben, über eine stabile Defensive, Kampfeswillen, kreative Andeutungen nach vorne und taktisch ausgefeilte Wechsel. Ferner hätte ich gerne Einschätzungen zur Lautstärke der Beschallungsanlage und der längerfristigen Bestellung von Manfred Paula auf eine führende Position in der KGaA abgegeben. Doch leider scheint mir das nach den rassistischen Beleidigungen gegen den Spieler Justin Butler und weiteren Vorkommnissen auf den Rängen des Grünwalder Stadions nicht möglich.
Insbesondere der Umgang mit der Thematik, den verschiedene Personen direkt im Stadion, als auch im Nachgang in diversen Kommentarspalten im Internet an den Tag legten und immer noch legen ist moralisch verwerflich, aber leider nicht unerwartet. Darum möchte ich dieses Forum nutzen, um einige Gedanken zu diesem Thema aufzuschreiben.
“Und jetzt wurde uns alles versaut…”
Einlassungen wie diese habe ich im Nachgang des Spiels von verschiedenen Seiten gehört. Was die Löwenfans einte, war der Unmut über den zumindest teilweise verleideten Samstag. Der Sieg war etwas in den Hintergrund gerückt. Die einen ärgerten sich über den Rassisten aus Block F1, die anderen darüber, dass “so viel Aufhebens gemacht wurde”. Die zugrundeliegende Einstellung, die zu diesen Einschätzungen führt, hat mich seit Abpfiff des Spiels beschäftigt.
Als größtes Problem an den Geschehnissen wird die indirekte Auswirkung auf größtenteils weiße Fußballfans benannt. Die direkte Auswirkung auf den betroffenen schwarzen Spieler wird hingegen nicht thematisiert. Ganz zu schweigen von der indirekten Wirkung auf andere nicht-weiße Personen im Fußball oder den gesellschaftlichen Missständen, welche Räume schaffen, in denen es in Ordnung scheint, rassistische Äußerungen zu tätigen.
Natürlich ist das ein schwieriges Thema. Viele werden diese Punkte schon implizit vorausgesetzt haben oder wollten sich im Rahmen des Spieltags nicht tiefer mit der Thematik auseinandersetzen. Trotzdem sollte man in diesem Punkt wahrscheinlich einmal die eigenen Prioritäten reflektieren. Justin Butler wollte sich an diesem Tag vermutlich auch nicht in dieser Art mit seiner Hautfarbe auseinandersetzen, möglich war dies nicht…
“Da hätte man ja früher jedes Spiel abbrechen müssen”
Diese Relativierung geisterte am Samstag besonders häufig durch den Löwenkosmos und war oft begleitet von einer Relativierung der Relativierung. Heutzutage sei das natürlich nicht mehr in Ordnung – ernsthafte Folgen dürfte eine solche Tat, welche dadurch als Lappalie abgetan wird, aber auch nicht haben.
Der Hintergrund dieser Argumentationsketten ist mir nicht bekannt, wahrscheinlich möchte man sein eigenes Verhalten und die „guten alten Zeiten“ lieber in der Verklärung belassen als einen kritischen Blick zurück zu werfen. Aus ethischer Sicht – radikal konsequentalistische Ansätze einmal ausgenommen – sind z.B. Affenlaute jedoch nie rechtfertigbar. Ob eine Handlung geahndet wird oder nicht, darf in ihrer Bewertung keinen Eingang finden und genau deshalb spielt eine zeitliche oder kontextuelle Komponente in der moralischen Bewertung keine Rolle.
Warum ist Rassismus schlimm?
Die besonders Abgebrühten unter den Relativierer*innen werfen oft noch hinterher, dass man als Spieler Beleidigungen doch abkönnen müsse und dies (zu einem gewissen Grad) dazu gehöre. Doch unterscheiden sich rassistische Ausfälle in ihrer Qualität doch wesentlich von anderen Verunglimpfungen. Eine Erklärung der amoralischen Natur von Rassismus (und auch anderen Arten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit) sollte eigentlich nicht notwendig sein. Das sagt zumindest mein Bauchgefühl und normalerweise auch der gesunde Menschenverstand. Diese Kapazitäten scheinen aber bei Manchen auszusetzen, wenn es um die Reflexion eigener Verhaltensweisen und latenter gesellschaftlicher Strukturen geht.
Der Angriff in rassistischer Form erfolgt aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, für die man nicht verantwortlich ist. Gleichzeitig ist damit eine Verletzung der Menschenwürde verbunden, die gegen den menschlichen Gleichheitsgrundsatz verstößt. Am Samstag wurden durch die Affenlaute die Menschlichkeit des Spielers und seine Gleichwertigkeit mit dem Zuschauer (hier als Vertreter der Gruppe weißer Menschen) mindestens in Frage gestellt. Als Autorität zur Begründung des Ideals der Menschenwürde kann man nicht nur das Grundgesetz heranziehen. Auch religiöse Ideale, philosophische Ideen Immanuel Kants oder praktische Lehren aus Völkermord und Holocaust untermauern diesen Grundsatz, wenn er denn nicht schon intuitiv als erhaltenswert erscheinen sollte.
Weiters geschieht durch rassistisches Verhalten auch noch eine Ent-Individualisierung der betroffenen Person, die nicht mehr als eigenständiger Mensch, sondern nur noch als Zugehörige*r einer abstrakten, marginalisierten Gruppe gesehen wird. Wie groß ist immer wieder die Empörung, wenn Fußball/Löwenfans in der Presse pauschal verurteilt oder angegriffen werden…
Entmenschlichung als Grenze
Mit der Entmenschlichung ist eine Grenze überschritten, ab der man nicht mehr Weghören darf und als Betroffener sicherlich auch nicht kann. Insbesondere im Bezug auf Rassismus implizieren solche Anfeindungen auch immer mögliche Folgen, von denen die tödlichen praktischen Auswirkungen solcher Ideologien auf der ganzen Welt zeugen. Falls es in Reaktion auf solche Vorkommnisse dann also keine gravierenden Konsequenzen gibt – wofür ich eine längere Unterbrechung nur teilweise halte – befördert man die Persistenz und Akzeptanz von (latenten) rassistischen Verhaltensweisen. Dass sich deren Geistes Kinder im GWS leider nicht grundsätzlich unwohl fühlen, zeigen weitere Vorkommnisse während des Spiels (inklusive Hitlergruß), die zur Entfernung von mindestens vier weiteren Personen aus dem Stadion führten.
Ernsthafte Folgen
Taten wie diese sind die Spitze des Eisberges aus rassistischen Ressentiments und Einstellungen, die sich durch unsere Gesellschaft ziehen und von denen sich niemand – mich selbstverständlich eingeschlossen – komplett freisprechen kann. Diese wirken als Teil der Alltagsrealität und werden erst bei zufälliger oder bewusster Reflexion offenbar. Bestärkt werden diese durch Erziehung, den öffentlichen Diskurs und den notwendigen Drang nach Komplexitätsreduktion der im sozialen Leben unabdingbar ist.
So wenig irgendjemand einzeln verantwortlich für diese Probleme ist, so wenig kann eine einzelne Person sie lösen. Wenn jeder einen kleinen Teil dazu beiträgt, ist Veränderung aber möglich – und auch nötig. Man darf nämlich nicht vergessen, dass diese Einstellungen und Vorurteile für die betroffenen Menschen reale Auswirkungen haben, sei es auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, im Verhältnis und Umgang mit Staat und Behörden, sowie im sozialen Leben.
“Nazis raus”
Am Samstag wurde in Reaktion auf die Vorfälle von vielen Menschen im Stadion die Parole „Nazis raus“ skandiert, gegen die immer wieder scheinheilig mit einer angeblich inflationären Verwendung der „Nazi-Keule“ polemisiert wird. Das im öffentlichen Diskurs, insbesondere bei Protestformen, Verkürzungen und zugespitzte Wortwahl Verwendung finden (müssen), ist wahrscheinlich jedem klar. Natürlich ist nicht jeder Rassist ein Nazi, jeder Nazi aber ein Rassist. Durch diese mittlerweile tradierte Parole, wird nunmehr die grundsätzliche Abneigung gegenüber rechtsextremem (und anderem ähnlichen) Gedankengut zum Ausdruck gebracht und benannt, dass in diesem Raum kein Platz für sie sein soll.
Gleichsetzung mit dem Protest gegen Hasan Ismaik
Eine ähnliche Zuspitzung und plakative Wortwahl findet auch im Protest gegen Hasan Ismaik statt, der aufgrund seiner Herkunft sowie seiner finanziellen und sozialen Stellung als „Scheich“ bezeichnet wird. Außerdem wird sein Konterfei durchgestrichen präsentiert. Diese Praxis wird nun von einigen Personen mit der gegenüber Justin Butler getätigten Beleidigung gleichgesetzt. Doch dieser Vergleich hinkt zum einen gewaltig und verharmlost zum anderen das Geschehen in solcher Art, dass eigentlich nur von einem anderweitigen, Rassismus relativierenden Motiv ausgegangen werden kann. Ismaik wird nämlich nicht aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe attackiert, sondern als Investor beim TSV 1860 München. Eine ihm exklusiv zukommende Position, die er sich auch noch selbst ausgesucht hat.
Weiters findet mit der Bezeichnung Scheich keinerlei Entmenschlichung statt, sondern eine zugespitzte, polemische Bezeichnung als adeliger Fürst arabischer Herkunft. Dies wird seit der starken wirtschaftlichen Entwicklung der arabischen Halbinsel durch das Öl-Geschäft oft auch als Synonym für „superreicher, mächtiger Großkapitalist aus dem arabischen Raum“ verwendet. Diese Beschreibung passt zum einen auf Ismaik, zum anderen wird er damit zwar (pauschal) einer Gruppe zugeordnet, dies ist aber eine Gruppe, die weder als marginalisiert noch strukturell benachteiligt angesehen werden kann.
Werden wir unserem Selbstbild gerecht
Ich schreibe diese Zeilen keinesfalls, weil ich meine, dass besonders die sechzger.de-Leser*innen Nachhilfe in dieser Richtung bräuchten. Auch bilde ich mir nicht ein, mit einer – an manchen Stellen stark verkürzten – Argumentation rechte Hardliner überzeugen zu können. An den Rest, die Menschenfreunde unter den Löwen, richte ich mich mit dem Wunsch, dass sie aufmerksam, rücksichtsvoll und reflektiert durch die (Löwen-) Welt gehen mögen. Damit wir alle zusammen dem Anspruch gerecht werden können, dass unter Löwen nur die „Löwen-DNA“ zählt und keine Hautfarbe, Geschlecht(sidentität) oder sexuelle Orientierung. Dass jede*r nur als Sechzger-Fan ins Stadion gehen kann und als solcher ohne Abstriche akzeptiert wird und trotz aller Feindschaften die Gegner auch als Menschen gesehen werden, deren Würde nicht durch das Einnehmen einer Rolle auf dem Fußballplatz zur Debatte stehen darf.
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Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wieder.
















































