Die Giesinger Gedanken erscheinen regelmäßig als Kommentar und sind die persönliche Meinung eines Mitglieds unserer Redaktion oder eines Gastautors. Sie spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung der gesamten Redaktion wider.
Vorbemerkung: Ich setze auf Kontinuität,…
Ich möchte diesen Giesinger Gedanken etwas vorwegschicken: Ich bin nachweislich (dokumentiert und nachzuhören zum Beispiel in diversen sechzger.de Talks der letzten Jahre auf unserem Youtube-Kanal) kein Freund schneller Trainerwechsel. Ob in der Personalie Michael Köllner, Maurizio Jacobacci oder zuletzt Argirios Giannikis: Ich habe in den letzten Jahren zu Zeitpunkten, als es schon sehr populär war, den Kopf des jeweils amtierenden Übungsleiters zu fordern, immer zu Besonnenheit und Geduld aufgerufen. Weil ich bei Sechzig in den letzten vierzig Jahren einfach viel zu oft erlebt habe, dass ein Trainerwechsel gar nichts ändert. Zumindest nicht langfristig. Wir kehrten eigentlich fast immer – nach kurzer Zeit – in die alte Spur zurück. Ich glaube, dass man auch mal geduldig sein und gemeinsam durch ein Tal der Tränen gehen muss. Ich sehe normalerweise nach einem gespielten Bruchteil der Saison noch überhaupt keine Notwendigkeit, etwas auf der Position des sportlich Verantwortlichen zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt ist noch keine Mannschaft abgestiegen. Also setze ich lieber auf Kontinuität und die Erwartung, dass sich doch noch alles zum Guten entwickelt. Mit dieser unpopulären und für viele vielleicht zu langweiligen Einstellung bin ich oft in der Minderheiten und sehe mich massivem Widerspruch gegenüber.
…eigentlich!
Nach dem gestrigen sportlichen Offenbarungseid gegen die TSG Hoffenheim II auf Giesings Höhen sehe ich die Lage allerdings ein bisschen anders. Ich glaube, 1860 sollte sich von Patrick Glöckner trennen. Und zwar sofort! Warum? – Angesichts des von Geschäftsführer Christian Werner in der Sommerpause zusammengestellten Kaders sind die Ziele in der 3. Liga heuer andere, als der Klassenerhalt oder ein Mittelfeldplatz, den man nach nun absolvierten sieben Spielen belegt. Auch wenn die Verantwortlichen das vor der Saison natürlich ein wenig herunter gespielt haben, heuer kann es mit Volland, Niederlechner, Haugen, Pfeifer, Voet, Dähne, & Co. doch nur um den Aufstieg gehen. Mit diesem Kader heißt es: All in. Jetzt oder nie.
Glöckner erreicht die Mannschaft nicht (mehr)
Wir haben also, anders als in den letzten Jahren, wo es sowieso nur gegen den Abstieg ging, heuer keine Zeit zu verlieren. Jede weitere Niederlage vergrößert den Abstand zur Tabellenspitze. Aber es gibt für mich noch ein viel wichtigeres Argument, das gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Glöckner spricht. Ich habe jetzt fünf Halbzeiten gesehen, in denen die Mannschaft willen- und lustlos agierte, obwohl uns ihr Trainer dazwischen jeweils mehrfach berichtet hatte, das Team laut und deutlich angesprochen zu haben. “Turbulent” soll es z.B. in der Pause am Mittwoch in Rostock zugegangen sein. Offensichtlich hat Patrick Glöckner die Mannschaft verloren und erreicht sie nicht mehr.
Zweite Halbzeit in Rostock wird schön geredet
Ich bin übrigens auch der Meinung, dass die zweite Halbzeit in Rostock nur deswegen etwas besser aussah, als die erste, weil die Gastgeber nach der 2:0-Führung und einem Klassenunterschied in der ersten Halbzeit zahlreiche Gänge herunterschalten. Die fünf Tore, die uns der Hoffenheimer Nachwuchs ganz entspannt gestern eingeschenkt hat, sind ein alarmierendes Signal, dass die verschiedenen Ansprachen von Glöckner zu seinen Spielern in der letzten Woche offensichtlich überhaupt keinen Adressaten mehr gefunden haben.
Nur die ersten zwei Spiele haben überzeugt
Eigentlich ist die negative Entwicklung in der laufenden Saison schleichend und schon länger zu beobachten. Die Vorbereitung war richtig stark! Ein Gegentor und viele eigene Treffer. Ein gut anzuschauendes System. Das weckte Vorfreude. Auch das Spiel in Essen hat mir persönlich wirklich richtig gut gefallen. Das Heimspiel gegen Osnabrück war bis zur 3:0-Führung, also mehr als eine Halbzeit lang ein richtig geiler Auftritt! Aber dann… Schon in Aachen – und da habe ich mir das noch gar nicht selber eingestanden – agierten die Löwen teilweise ziemlich lustlos und uninspiriert. Das war vor über einem Monat. Danach stimmten zwar punktuell noch die Ergebnisse (ein last minute Punkt gegen Stuttgart II, ein seriöser Sieg im Pokal in Illertissen und ein last minute Sieg gegen Havelse), aber bis auf die erste Halbzeit heute vor einer Woche, stimmten Systematik, Spielweise und Einsatzbereitschaft schon überhaupt nicht mehr.
Keine Spekulation, was vorgefallen sein könnte
Ich spekuliere an dieser Stelle jetzt nicht darüber, ob und was zwischen Mannschaft und Trainer vorgefallen ist. Aber es stimmt nicht (mehr), das sieht man. Die Zeit, zu prüfen, ob man das Verhältnis noch kitten kann, haben wir – wie oben angesprochen – nicht. Deswegen muss man sich jetzt, so leid es mir tut, weil Patrick Glöckner ja wirklich ein sympathischer Zeitgenosse ist, von ihm trennen.
Nachfolger für Glöckner?
Darüber, wer auf die Schnelle den Nachfolger geben könnte, möchte ich hier nicht spekulieren und prognostizieren. Vielleicht machen wir das aber bei der Aufzeichnung des sechzger.de-Talks 230 heute Abend. Die Trainerfindung ist die Aufgabe von Dr. Werner, der nun einen Übungsleiter finden muss, der zu diesem nominell richtig starken Kader passt.
Die Euphorie ist leider weg
Meine ganz persönliche, sehr ausgeprägte Euphorie, die ich zugegebenermaßen vor der Saison in vielleicht etwas übertriebenem Maße verbreitet habe, ist jedenfalls erstmal dahin. Da mag der eine oder andere schmunzeln oder sogar feixen und sich denken: „Ich hab’s ja immer gewusst.” Okay, akzeptiert und angenommen. Ich habe eigentlich noch bis Mittwoch Abend kurz nach sieben gedacht oder vielleicht auch nur noch gehofft, dass das mit Patrick Glöckner und diesen Kader funktionieren kann. Da dies aber nicht der Fall ist, sage ich: Bitte jetzt handeln, Löwen!