“Außerordentlich fristlos mit sofortiger Wirkung” wurde Oliver Mueller Anfang September von seinem Posten des Geschäftsführers Finanzen beim TSV 1860 München entbunden. Dagegen geht der 46-Jährige gerichtlich vor, die erste Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht verstrich Anfang Januar ergebnislos. sechzger.de hat Oliver Mueller zum Interview gebeten, das wir Euch aufgrund des Umfangs in zwei Teilen präsentieren; die Fortsetzung folgt morgen.
Ex-Geschäftsführer Oliver Mueller im Interview
sechzger.de: Mit großen Erwartungen waren Sie beim TSV 1860 angetreten, nun treffen Sie sich mit Ihrem Ex-Arbeitgeber nach nicht einmal einem Jahr vor Gericht wieder. Aus diesem Grund möchten wir die Chance nutzen, Ihr Engagement bei den Löwen von Beginn an zu beleuchten.
Viele Menschen rund um 1860 waren überrascht, als Sie im Frühjahr 2024 als neuer kaufmännischer Geschäftsführer vorgestellt wurden, Sie gehörten nicht zu den “üblichen Verdächtigen” für eine solche Position. Wie ist es überhaupt zu Ihrer Anstellung beim TSV gekommen?
Oliver Mueller: Ende 2023 haben mich Personen aus dem Umfeld von 1860 gefragt, ob ich Interesse an der Übernahme der Geschäftsführer-Rolle hätte, falls der seinerzeitige Geschäftsführer ausscheiden sollte. Daraus haben sich verschiedene Gespräche entwickelt.
Ich bin beim TSV 1860 angetreten, um eine Stärkung und Professionalisierung des finanziell angeschlagenen Vereins zu erreichen. Offensichtlich ist mein Gestaltungswille mit der schwierigen Gesellschafterkonstellation im Verein kollidiert.
sechzger.de: Im Zuge des Bewerbungsverfahrens hatten Sie sicher auch mit einigen Funktionären/Gremien zu tun. Wer war an dem Prozess beteiligt?
Oliver Mueller: Das seinerzeitig amtierende Präsidium sowie der Verwaltungsrat.
Themen und Spannungsfelder bei 1860 waren bekannt
sechzger.de: Waren Ihnen die Größe der Aufgabe und die umfangreichen Problematiken beim TSV 1860 bewusst?
Oliver Mueller: Bereits als damals Außenstehender habe ich aufgrund der Presseberichterstattungen mitbekommen, welche Themen und Spannungsfelder bei 1860 vorherrschen. In der Phase meiner Entscheidungsfindung und der Vorbereitung auf die Position als Geschäftsführer habe ich natürlich mein Netzwerk bemüht und mich im Hintergrund intensiv über die aktuelle Situation informiert und vorbereitet. Entsprechend kann ich sagen, dass ich die Rolle bewusst übernommen habe.
sechzger.de: Die Situation mit den beiden chronisch zerstrittenen Gesellschaftern dürfte gerade als Geschäftsführer im finanziellen Bereich herausfordernd sein. Wie haben Sie diese spezielle Situation während Ihrer Tätigkeit bei den Löwen erlebt?
Oliver Mueller: Ja, die Aufgabe war herausfordernd. Dies war mir bewusst und die Aufgabe habe ich gerne angenommen.
Vergangenheit bei RCD Mallorca und den Kölner Haien
sechzger.de: Ihr bisheriger Lebenslauf ließ viele Fans mit einiger Skepsis zurück, da alle bisherigen Engagements im Sport, z.B. bei den Kölner Haien oder bei RCD Mallorca nur von kurzer Dauer waren. Warum gestalteten sich die bisherigen Anstellungen nicht langfristiger?
Oliver Mueller: Ich bin seit 27 Jahren im Bereich des internationalen Sportmarketings tätig. Viele Engagements waren langfristig, ein paar kürzer. Dies ist in diesem Bereich keine Seltenheit. Der von Ihnen erwähnte RCD Mallorca wurde vier Monate nach meinem Einstieg an ein amerikanisches Konsortium verkauft, das einen anderen Ansatz hinsichtlich der Ausrichtung des Vereins verfolgte als der vorherige Eigentümer. Entsprechend wurde die Zusammenarbeit einvernehmlich beendet. Meine Tätigkeit bei den Kölner Haien war länger und wurde ebenfalls einvernehmlich beendet. Während meiner Tätigkeit wurde das Ergebnis um über 30% innerhalb eines Geschäftsjahres verbessert. Ferner wurden die Vermarktungserlöse um über 34% gesteigert und der Sport-Etat um 10% unterschritten trotz unterjährigem Trainerwechsel und freigestellten Spielern bei gleichem sportlichen Erfolg wie im Vorjahr. Nicht zu vergessen das Winter Game, das erstmalig nach Köln vergeben worden ist sowie das NHL-Spiel in der eigenen Arena gegen den Kölschen Jung Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers. Dazu konnte der höchstdotierte Sponsoring-Vertrag in der Geschichte des Clubs verbucht werden.
sechzger.de: Ungewöhnlich war zu Beginn auch die Art Ihrer Anstellung. Sie waren bzw. sind bei einer GmbH, welche Ihrer Frau gehört, angestellt und diese Firma wurde wiederum von den Löwen beauftragt. Warum bestand bis zum Start der neuen Saison 24/25 hier dieser für den Beobachter eigenartige modus operandi?
Oliver Mueller: Eine solches Vertragskonstrukt ist nicht neuartig. Es wird international aber häufiger praktiziert als in Deutschland, da haben Sie Recht. Mir wurde vorgeschlagen, dies für den Anfang so zu praktizieren. Für mich war das ok.
Ehrgeizige Ziele und die Planetendarstellung
sechzger.de: Von Ihrer Präsentation “Der neue Biss des Löwen” blieb vor allem die Folie mit der Planetendarstellung in der Öffentlichkeit. Wie überrascht sind Sie über die doch sehr deutliche Kritik daran und der Zielsetzung von Platz 2 in Bayern?
Oliver Mueller: Mein Ziel war es, den finanziell angeschlagenen Verein zu stärken und neu auszurichten. Dafür haben wir uns u.a. eine erfahrene Markenberaterin mit ins Boot geholt und gemeinsam mit ihr eine umfangreiche Analyse des Vereins durchgeführt. Dazu gehört es auch, sich den Verein im Kontext seiner Mitbewerber anzuschauen. Die Planetendarstellung diente uns als plakative Übersicht, an was wir arbeiten müssen, um besser zu werden und von anderen Clubs zu lernen. Nach ausführlicher Analyse haben wir uns im Führungskreis einvernehmlich dafür entschieden, ehrgeizige Ziele zu setzen und hart an deren Erreichung zu arbeiten – u. a. auch als Perspektive nach der erforderlichen Restrukturierung.
sechzger.de: Nachdem Sie mit viel Elan und großen Ankündigungen in Ihre Beschäftigung gestartet waren und laut Ihren Aussagen in den Medien schon einiges “umgekrempelt” hatten, um den Verein zu sanieren, endete die Arbeitsbeziehung abrupt. Wie haben Sie von Ihrer fristlosen Kündigung erfahren und wie haben Sie dies aufgenommen?
Oliver Mueller: Der Präsident Robert Reisinger hat mich angerufen und mir mitgeteilt, dass die Gesellschafter-Versammlung der Geschäftsführungs-GmbH den Beschluss gefasst hätte, mich freizustellen. Ich habe das zur Kenntnis genommen.
Keine Erklärung für fristlose Kündigung
sechzger.de: Wie lief die Kündigung genau ab und wer war auf Seite des Arbeitgebers involviert?
Oliver Mueller: Am Tag nach dem Anruf kamen Robert Reisinger und Vize-Präsident Norbert Steppe ins Büro und haben mir nicht nur die Freistellung, sondern auch eine Kündigung samt Gesellschafter-Beschluss übergeben.
sechzger.de: Die e.V. Seite hatte Sie erst mit 50+1 durchgesetzt, dann werden Sie auf einmal vom Präsidium fristlos gekündigt. Wie kam es aus Ihrer Sicht zu dieser 180°-Wende?
Oliver Mueller: Das kann ich mir nicht erklären.
sechzger.de: Öffentlich wurde die Entlassung erstmal nicht begründet. Wurden Ihnen gegenüber zum damaligen Zeitpunkt Angaben zu den Gründen gemacht? Vor Gericht kam heraus, dass die HAM-Seite diese gefordert haben soll – als Bedingung für einen neuen Kredit!
Oliver Mueller: Beide Herren waren sehr angefasst, haben mir aber bei der Kündigungsübergabe keine Angaben gemacht. Ob der Hauptgesellschafter oder seine Vertreter diese Forderung gegenüber dem e. V. gestellt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Derartige Diskussionen finden zwischen den Gesellschaftern statt. Sollte dem tatsächlich so gewesen sein, dann fühlt sich das für mich so an, als dass meine Rolle ein wenig überhöht würde. Unabhängig davon ist das noch lange kein Grund für eine fristlose Kündigung.
Keine Forderung über 600.000 Euro
sechzger.de: Diese Kündigung beschäftigt nun auch die Justiz. Anders als für Geschäftsführer üblich sehen Sie aber das Arbeitsgericht als zuständig an. Warum?
Oliver Mueller: Es ist nicht unüblich, dass Anstellungsverträge mit Geschäftsführern vor dem Arbeitsgericht verhandelt werden. Auch bei 1860 sind Rechtsstreitigkeiten mit ehemaligen Geschäftsführern vor dem Arbeitsgericht verhandelt und entschieden worden.
sechzger.de: Beim Gütetermin, bei dem auch unsere Redaktion vor Ort vertreten war, kam nun einiges auf den Tisch. Sie fordern bis zu 600.000 € von den Löwen und die Beklagtenseite wirft Ihnen grobe Verfehlungen vor. Sie erklären diese für haltlos und verlangen mindestens 50% der entgangenen Bruttobezüge. Gehen wir einmal auf die verschiedenen Rechtfertigungen/Anschuldigungen ein.
Oliver Mueller: Wir haben keine Forderung in dieser Höhe erhoben. Die Forderung lag weit südlich davon. Die Zahl beschreibt allerdings das Prozessrisiko der Beklagten inkl. Kosten, die nicht von mir gefordert werden, sondern anfallen könnten, wenn das Verfahren zu meinen Gunsten durch alle Instanzen entschieden wird.
Was erwartet Euch im zweiten Teil?
Im zweiten Teil des Interviews äußert sich der ehemalige Geschäftsführer u.a. zu den Vorwürfen, er habe die Fußballfirma beinahe in die Insolvenz geführt, dem Sportgeschäftsführer Dr. Christian Werner ein falsches Budget genannt und seine Enttäuschung darüber, den TSV 1860 so schnell wieder verlassen haben zu müssen.