Letzte Woche konntet Ihr Teil 1 meiner Rückschau auf die verkorkste Saison 22/23 des TSV 1860 München lesen. Heute folgt Teil 2, der nach der Entlassung von Michael Köllner ansetzt.
Implosion des Konstrukts 1860 nach der Entlassung von Köllner
Gefühlt war ein Großteil der Löwenfans mit der Entlassung von Michael Köllner einverstanden. Zu hoffnungslos waren die Auftritte der Löwen auf dem Rasen, zu verstörend seine letzten Monate als Löwentrainer. Was allerdings darauf folgte, entsprach einem altbekannten Muster bei unseren Löwen. Es kam alles noch viel schlimmer, als es sich selbst übelste Pessimisten (so wie ich nach 40 Jahren 1860) vorstellen konnten. Allerlei Konflikte, die beim Konstrukt 1860 zu Köllners Amtszeit unter der Decke blieben, traten in ungeahnter Vehemenz zum Vorschein. Offenbar war Michael Köllner der Kitt, der den ganzen Laden zusammenhielt. HAM-Seite und e.V. lieferten sich auf offener Bühne einen Schlagabtausch in Form von Pressemitteilungen, Instagram- und Facebook-Postings, über den man sich als Löwenfan eigentlich nur schämen konnte. Beide Seite wollten nicht mal mehr den Anschein von #gemeinsam erwecken und gingen mit offenem Visier aufeinander los. Man hätte sich in dieser Phase gewünscht, dass die Mannschaft mit ähnlicher Aggressivität zu Werke gegangen wäre.
Unter Gorenzel wird der Aufstieg endgültig verspielt
In Ermangelung eines Nachfolgers übernahm Günther Gorenzel persönlich interimsmäßig das Traineramt. Vier Spiele lang sollte er als Übergangscoach arbeiten. Vier Spiele, in denen der Aufstieg endgültig verspielt wurde und das Wort “Positionsaufgabe” wohl das meistgehörte an der Grünwalder Straße war. Eigentlich ging es nicht schlecht los. Bei Gorenzels erstem Spiel führten die Löwen in Oldenburg bis in die Nachspielzeit, dann fing sich die Mannschaft noch den Ausgleich und lag danach komplett regungslos auf dem Rasen. Noch nie sah ich eine so am Boden zerstörte Löwenmannschaft. In der Rückschau war das wahrscheinlich der Moment, in dem die Saison von 1860 nicht mehr zu retten war. Gorenzel mag ein großartiger Fußballfachmann sein (wie auch Oli Beer in unserem Talk bestätigt), aber mit seiner verkopften Art scheint er nicht den richtigen Zugang zu den Spielern zu finden. In den vier Spielen unter seiner Regie konnten lediglich zwei Unentschieden geholt werden. Und das gegen zwei Absteiger, den Tabellensechzehnten und den Tabellenzehnten. Am Ende der “Ära Gorenzel” hatte 1860 neun Punkte Rückstand auf den direkten Aufstiegsplatz und war realistisch gesehen aus dem Aufstiegsrennen. Das war am 7. Spieltag komplett undenkbar!!!
Trainersuche wird ein unwürdiges Spektakel
In seiner Doppelfunktion als Trainer und Geschäftsführer Sport musste Gorenzel auch noch einen Nachfolger organisieren. Eine Liste mit Kandidaten gelangte in die Öffentlichkeit. Es gibt verschiedene Versionen, wer welchen Kandidaten blockierte, welche Kandidaten angeblich schon bereit standen und wer in dem unüberschaubaren Konstrukt namens 1860 überhaupt die Kompetenz hat, einen Vertrag mit einem neuen Trainer zu unterschreiben. Im Gedächtnis bleibt ein Eiertanz, der an das Kartenspiel schwarzer Peter erinnert. Am Ende setzte es noch eine Abmahnung für beide Geschäftsführer, weil sie offenbar nicht die korrekten Freigabewege eingehalten hatten. Den Tiefpunkt setzte mal wieder der neue Lieblingsfeind der Westkurve, Anthony Power, mit einem E-Mail an Gorenzel: “Hi Gunther, as per your discussion with Mr. Hasan, if Kollner goes you go too. You must leave the club right away. Cordially, Anthony Power.” (“Wie mit Mr. Hasan diskutiert, wenn Köllner geht, gehen Sie auch. Sie müssen den Klub sofort verlassen. Herzlich, Anthony Power.”). Wenn diese Prozesse nicht vereinfacht werden, ist die KGaA in gewissen Situationen einfach nicht handlungsfähig. Das ist sportlichem Erfolg natürlich nicht zuträglich.
Jacobacci übernimmt
In dieser Zeit reihte der Muskelmann ohne jede Legitimation in der KGaA einen niveaulosen Instagram-Post an den nächsten. Häufig war Günther Gorenzel Ziel von Powers unterirdischem Treiben, so dass es für mich mehr als verständlich ist, dass Günther Gorenzel mittlerweile die Flucht aus Giesing Richtung Klagenfurt angetreten hat. Immerhin gelang es Gorenzel noch, einen neuen Trainer zu verpflichten. Zwischenzeitlich hatte man schwere Zweifel, ob sich überhaupt ein Übungsleiter finden würde, der sich den Zirkus an der Grünwalder Straße antun wollte. Maurizio Jacobacci, der neue Coach, war weitgehend unbekannt und brachte die Löwen nach einer Eingewöhnungszeit einigermaßen wieder in die Spur. Er coachte das Team in 14 Spielen und brachte es auf eine Bilanz von 6-4-4. Das macht in der Tabelle der letzten 14 Spiele Platz 8 mit satten acht bzw. neun Punkten Rückstand auf die ersten drei. Mittelmaß. Aber in der Rückschau der Saison muss man damit aus 1860-Sicht wahrscheinlich zufrieden sein.
Der Schnaps-Skandal
Nachdem es im letzten Saisondrittel für Sechzig um nichts mehr ging, ließen es so manche Spieler besonders schleifen. Der (wahrscheinlich) unglückliche Holzhauser soll mit Boyamba und Bär mehrfach in der Kabine zu Hochprozentigem gegriffen haben. Die Spieler mussten sich wohl ihre eigene Leistung schön trinken. Der Fall wurde aus meiner Sicht etwas zu sehr aufgebauscht, auch wenn das Verhalten der Spieler natürlich alles andere als professionell war. Folgerichtig verließen die drei nach Saisonende den TSV 1860 mit (zunächst) unbekanntem Ziel.
Stimmung im Stadion lässt sehr zu wünschen übrig
Auch bei den Fans stellte sich eine gewisse Frustration ein. Positiv gesehen florierte der von Marc-Nicolai Pfeifer ins Leben gerufene Ticket-Zweitmarkt. Negativ formuliert könnte man auch sagen, dass die Jahreskartenbesitzer nicht mehr so richtig Bock auf die Löwenspiele hatten und die Karten en gros im Zweitmarkt feil boten. Eine der Auswirkungen war eine deutlich schlechtere Stimmung vor allem in der Stehhalle. Ich bin gespannt, wie sich das in der kommenden Saison mit den horrend gestiegenen Dauerkartenpreisen und dem Wegfall des MVV-Kombitickets entwickelt. In diesem Zusammenhang muss ich leider nochmals erwähnen, dass ich die falschen Aussagen des Geschäftsführers zur Preisentwicklung der Dauerkarten sehr deplatziert fand.
Hasan kommt nicht
Da das Sportliche im Saisonfinale nicht mehr im Fokus stand, rückte in der Rückschau der Saison eine Privatveranstaltung zur Zukunft von 1860 ins Blickfeld. Der Organisator warb mit der Präsenz von Hasan Ismaik auf der Veranstaltung. Ob Hasan wirklich kommen wollte oder nicht, lässt sich natürlich nicht herausfinden. Er sagte auf jeden Fall kurz vor der Veranstaltung ab und kommuniziert weiterhin ausschließlich über Facebook mit seinem Herzensinvestment. Das dürfte im Weltfußball ziemlich einzigartig sein. Obwohl Hasan nicht kam, kam eine bunte Mischung aus Löwenfans, die vor dem Veranstaltungsort gegen den Mehrheitsaktionär und seinen Umgang mit 1860 protestierte, während Martin Hagen im Saal erstaunlich unfundierte und suggestive vorgetragene Thesen zum Thema Stadion bravourös parierte.
Positives in der Rückschau der Saison von 1860
Dass diese Saison frustrierend und verkorkst war, muss nicht extra betont werden. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich es unglaublich positiv fand, wie sich die Löwenfans in der abgelaufenen Saison präsentiert haben. Selbst als es nur noch um die goldenen Ananas ging, fuhren konstant weit über 1.000 Löwenfans zu den nicht gerade nahen Auswärtsspielen nach Wehen, Saarbrücken, Essen und Zwickau. Das ist einfach überragend und bringt uns einen Aufstiegsplatz in der Auswärtsfahrertabelle! Und ganz persönlich muss ich sagen, dass ich trotz der sportlichen Irrelevanz spätestens ab Mitte der Rückrunde immer meinen Spaß im Sechzgerstadion und drumherum hatte. Dafür möchte ich allen in meinem Umfeld danken. Denjenigen, die immer da sind, denjenigen, die manchmal da sind (gell, Urs!) und denjenigen, die neu oder wieder dazu gekommen sind. Besonders Eisbein-Eva und Sarah mit ihrem Sohn Bennet. Die paar Stunden 1860 mit Euch sind trotz allem so eine schöne Abwechslung zum Alltag! Nächste Saison greifen wir aus Block J wieder an!