Manchmal verstehe ich unseren Verein und sein ganzes Umfeld nicht! In diesen Tagen ist das mal wieder so. Da haben wir heute Nachmittag ein Pokalfinale vor der Brust nach dessen Abpfiff ein Titel gewonnen werden kann und überall ist von einem “bedeutungslosen Kick” die Rede. Weil die aus diesem angeblich wertlosen Titel resultierende Qualifikation für den DFB-Pokal 2026/27 aufgrund der Regionalligaplatzierung des Gegners und Gastgebers in Würzburg schon in den berühmten trockenen Tüchern ist. Schlichte Freude über einen möglichen Pokalsieg am Ende einer langen Saison, die so viele Enttäuschungen hervorgerufen hat, ist für sehr viele Löwenfans anscheinend nicht denkbar. Schade!
Zählt nur der DFB-Pokal?
Schon klar: Unser Anspruch muss ein anderer sein. Als zweifacher Deutscher Pokalsieger ist selbstverständlich dieser große bundesweite Wettbewerb das natürliche Terrain, auf dem wir uns bewegen wollen. Der DFB-Pokal der Titel, den wir dereinst wieder einmal gewinnen sollten. Die Realität ist allerdings schon seit sechzig Jahren eine andere. Nach dem Gewinn 1964 standen wir im Mai 1967 noch ein einziges Mal im Halbfinale. Danach sind dann nur noch vier (!) Viertelfinals mit den Löwen verzeichnet (zuletzt 2008 gegen die Seitenstraßler, wie wir schmerzlich erinnern). Ansonsten gab’s meist ein frühes Aus, in der Regel schon im Herbst. Und aus den letzten zehn Spielzeiten resultierten insgesamt nur sechs Teilnahmen.
Darf man angesichts dieser Fakten wirklich den DFB-Pokal als den Wettbewerb bezeichnen, in dem wir Löwen aktuell noch unsere natürliche Heimat haben? Ist dies derzeit nicht viel mehr der Landespokal, dessen vom Werbepartner bestimmter, meist verwendeter Name “Totopokal” zugegebenermaßen die Bedeutung für den einen oder anderen schon auf diesem Weg etwas herabsetzt?
Finaltag der Amateure mit viel Aufmerksamkeit
Die Landespokalwettbewerbe, die in den 21 Landesverbänden, die unter dem DFB organisiert sind, stattfinden, haben in den letzten Jahren eine deutlich Aufwertung erfahren. Heute ist der sogenannte “Finaltag der Amateure”. Wobei es die Bezeichnung nicht ganz trifft, da in fast der Hälfte der heutigen Endspiele Teams aus der 3. Liga – einer Profiliga – stehen und auch viele beteiligte Regionalligisten unter Profibedingungen arbeiten. Diesem Wettbewerb wird heuer bereits zum elften Mal eine mediale Aufmerksamkeit eingeräumt, die weit über die jeweiligen Länder- bzw. Regionalverbandsgrenzen hinausgeht. Für den TSV 1860 besteht die Möglichkeit, sich heute Abend um kurz nach sechs, also zur SPORTSCHAU-Zeit vor den Augen bundweiter Fernsehzuschauer einen Titel zu holen. Hat das alles keine Bedeutung für uns?
Sinnfrage zu Titeln
In diversen Foren wurden in den letzten Tagen massenhaft Karten für das Spiel angeboten. Gefühlt will kaum mehr jemand heute in Würzburg dabei sein. Seltsamerweise gab es dagegen noch vor wenigen Wochen einen vielfachen Aufschrei rund um den Verkaufsprozess der Tickets für dieses Finale, als zahlreiche Löwenfans nicht zum Zuge kamen. Das machte sogar ein Artikel aus der Reihe Giesinger Gedanken zum Thema.
Was hat sich seither verändert? Ist tatsächlich die eingangs erwähnte, bereits erfolgte Qualifikation für den DFB-Pokal der kommenden Saison der Grund, dass sich viele Anhänger in weiß und blau inzwischen von der Partie in Würzburg abwenden und kein Interesse mehr daran haben? Da kann man ja direkt in eine Sinnkrise verfallen und die ganz grundsätzliche Frage aufwerfen, worum es (uns) beim Fußball eigentlich geht. Ist das Gewinnen eines Titels nicht für sich genommen etwas erfreuliches? Ist das Ganze nur dann attraktiv, wenn daraus auch die Qualifikation für den nächsthöheren Wettbewerb folgt? Dieser Logik folgend hätte allerdings auch der Gewinn des großen Pokalfinals in Berlin gar keinen Wert für sich – geht es doch auch hier letztlich im Zweifelsfall “nur” um die Quali für die Europaleague.
Landespokale mit speziellem Charakter
Nein, ich kann diese Haltung nicht nachvollziehen. Ein vielleicht verständliches Argument gegen die sportliche Bedeutung des Landespokals ist, dass hier in den ersten Runden jeweils lockere Testkicks gegen unterklassige Gegner auf dem Programm stehen, was der ganzen Veranstaltung für manch einen die Ernsthaftigkeit nimmt. Dies ist aber nunmal zentraler Bestandteil dieses Wettbewerbs. Und das macht wiederum für andere Fans seinen Charme aus. Von der “Championsleague der Fußballromantiker” sprechen die, wenn sie vom Landespokal reden. Dorf- und Provinzvereine kommen in der Frühphase der Saison mal für ein paar Stunden auf eine große Bühne, die Spiele gegen die großen Vereine, wie den TSV 1860 haben Volksfestcharakter und der mitreisende Fan lernt Fußballplätze kennen, denen er im normalen Fan-Alltag wohl kaum begegnet wäre. Das muss man nicht mögen. Darf man aber.
Noch nie live dabei beim Totopokal-Triumph
Spätestens ab dem Viertelfinale ist es mit den Gaudi-Kicks in der Provinz dann aber vorbei, sind die Gegner sportlich ernst zu nehmen. Was insbesondere die katastrophale Bilanz des TSV 1860 in den letzten Spielzeiten im Totopokal gezeigt hat. Schon seit dem Corona-Sommer 2020 kamen unser Verein gar nicht mehr in die Verlegenheit, sich über die Bedeutung einer Teilnahme am Landespokalfinale Gedanken zu machen, weil es jeweils erst gar nicht erreicht wurde. Und beim Endspiel im September 2020 (auch gegen Würzburg), das auf Giesings Höhen im Elfmeterschießen gewonne wurde, durfte keiner dabei sein… Allein schon aus diesem Grund, weil ich trotz jahrzehntelanger Anhängerschaft noch nie in den Genuss kam, diesen Titelgewinn vor Ort miterleben zu dürfen, bin ich heiß auf das Spiel in Würzburg heute! Stehe ich damit allein? Bin ich damit wirklich in der Minderheit unter den Löwenfans?
Löwen, holt das Ding! Und freut Euch drüber!
Vielleicht passt es zum Naturell des Anhängers in weiß und blau und insbesondere zum Löwenblues, der nach dieser Drittligasaison mal wieder massiv vorherrscht, dass Vorfreude auf ein Pokalendspiel und einen möglichen Titelgewinn sich bei vielen einfach nicht einstellen will. Ich persönlich mache da nicht mit! Ich freu mich, dass heute – nach den Stationen Reichmannsdorf, Geiselbullach, Illertissen, Aubstadt und Regensburg – eine (Landes-)Pokalsaison zu Ende geht, in der die Mannschaft genau das getan hat, was in den letzten Jahren stets gefehlt hat, was vielfach vehement gefordert wurde und was nun aber bitteschön auch die Fans zu beherzigen haben: Den Landespokal ernst nehmen, den Titel nach München holen und sich darüber freuen!
Das soll heute passieren!
Auf geht’s, Löwen!