Kaderverkleinerung, Sparkurs – und trotzdem kann der TSV 1860 bisher auch mit sehr vielversprechenden Neuzugängen aufwarten. Das Gerüst einer Mannschaft, die in einem Vorfreude auf eine neue Saison entstehen lässt, steht. Ein Blick auf die Neuen.
Bereits sehr früh in der Transferperiode konnte Sportgeschäftsführer Dr. Christian Werner die ersten Neuzugänge des TSV 1860 München für die Saison 24/25 präsentieren. Überraschend für viele war nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Qualität und Perspektive der verpflichteten Spieler. In allen Mannschaftsteilen wurden bis jetzt nur sinnvolle Ergänzungen verpflichtet, die, wenn sie ihre Leistungen auf den bisher gezeigten Niveau auch für die Sechzger abrufen, allesamt Verstärkungen sein werden. Sehen wir uns nun die Spieler einmal an, die der sportliche Leiter zum TSV 1860 München locken konnte.
Beginnen wir in der Abwehr: Da kommt als externer Neuzugang bis jetzt sicher der linke Flügelverteidiger Florian Bähr – und gerüchteweise für den rechten Flügel der Abwehr Tim Danhof.
Abwehr
Als erstes stelle ich Euch die beiden bisherigen Neuzugänge des TSV 1860 für die Außenpositionen in der Defensivreihe vor. Beide sind zudem als Schienenspieler in einen System mit 3er- respektive 5er-Kette denkbar.
Florian Bähr
Der 21-jährige Florian Bähr ist ein Verteidiger mit großem Offensivdrang und kommt auf Leihbasis (mit Kaufoption) für zwei Jahre. Er ist ein junger Perspektivspieler, mit dem langfristig geplant wird. Mit seinen offensiven Qualitäten – Schnelligkeit und Ballkontrolle –, seinem mannschaftsdienlichen Spiel, das er mit mindestens einer Schussvorlage pro 90 Minuten bisher in seiner Karriere und sehr genauem progressivem Passspiel unter Beweis stellt, und seinen defensiven Qualitäten, die nicht nur Zweikampfstärke am Boden aufzeigen, sondern dank 1,86 m Körpergröße auch Dominanz bei Luftduellen ausweisen, kann Bähr langfristig ein wichtiger Baustein des Teams werden.
Der gebürtige Heidelberger wurde unter anderem im NLZ der TSG Hoffenheim ausgebildet. Unabhängig davon, wie man dem Konstrukt um Investor Hopp gegenübersteht: Die Jugendarbeit dort ist seit Jahren eine der Besten in Deutschland.
Tim Danhof
Vom FC Erzgebirge Aue wechselt der 27-jährige, gebürtige Erlanger, Tim Danhof – wenn man den Gerüchten glauben schenken darf – an die Isar.
Der Rechtsverteidiger mit Schienenspielerqualitäten bestritt in der vergangenen Saison 35 Spiele für die Sachsen. In der Rangliste der besten Rechtsverteidiger der vergangenen Saison belegte Danhof den fünften Platz.
Giftig und erfolgreich bei Defensivzweikämpfen, mit deutlichem Drang nach vorne, was seine acht Scorerpunkte, die sich auf vier Tore und vier Vorlagen verteilen, verdeutlichen, ist auch er eher als offensiver Außenverteidiger anzusehen. Danhof ist technisch sehr versiert, dribbelstark und wird eine Triebfeder für tiefe Vorstöße über seinen Flügel sein.
Leichte Schwächen zeigte der 1,82 m große Verteidiger lediglich bei Luftduellen und der – nicht allein vom Flankengeber abhängigen – Flankengenauigkeit.
Mittelfeld
Gleich drei Neuzugänge präsentiert der TSV 1860 München für das Mittelfeld.
Thore Jacobsen
Thore Jacobsen, zuletzt bei der SV Elversberg in Liga 2 mit 30 Einsätzen insgesamt und bei der Hälfte aller Spiele von Beginn an auf dem Platz. Der stabile Sechser hat Angebote aus Liga zwei ausgeschlagen, um zum TSV 1860 München zu wechseln.
Der erfahrene Spieler ist eine defensive Bank, die gegnerische Zehner gnadenlos „auffrisst“, und hat auch in der Spieleröffnung Qualitäten, die den Löwen von großem Nutzen sein werden. Wenn Druck auf den gegnerischen Strafraum ausgeübt werden muss, weil man beispielsweise hinten liegt, kann sich Jacobsen auch effektiv in der zweiten Reihe mit in die Offensive einschalten.
Seine einzige Schwäche – auf die positionsbezogen wichtigen Fähigkeiten bezogen – ist ein leichtes Defizit bei der Quote in Luftduellen.
Jacobsen ist ein Sechser vom Typ Terrier gepaart mit den offensiven Eigenschaften eines zurückgezogenen Spielmachers.
Tunay Deniz
Der aus Halle nach Giesing wechselnde Tunay Deniz ist ein klassischer Achter, der mit seinen guten technischen Fähigkeiten, seinem exzellenten Passspiel und seiner Übersicht als Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive genau das Element sein kann, das in den letzten beiden Jahren gefehlt hat.
Als Spieler, der in der direkten Vorbereitung von Schüssen (Assists / Shot Assists und Second Assists) und beim Torabschluss (Schüssen) selbst im Schnitt fünf Aktionen pro 90 Minuten, die er auf dem Feld steht, hat, liegt seine Hauptaufgabe in der kommenden Saison wohl eher nicht darin, das Spiel im letzten Drittel zu steuern, sondern es dorthin zu bringen.
Wenn nötig, kann aber auch Deniz aus der Tiefe mit Torgefahr glänzen. Wer bei einem Absteiger zehn Tore und sieben Vorlagen erzielt, wird in Situationen, die offensive Durchschlagskraft benötigen, eine starke Ergänzung der zweiten Offensivreihe sein, auch wenn er im Normalfall eher zwischen den Linien zu finden ist.
Als Achter braucht er allerdings auch gegen den Ball eine gewisse Stabilität. Bringt er diese mit? Mit einer defensiven Zweikampfbilanz, die als durchaus annehmbar angesehen werden kann, durchschnittlichen Werten bei Luftduellen und leicht verbesserungswürdigem Stellungsspiel, merkt man bei Deniz, dass ihm der Einsatzwille im Spiel gegen den Ball sicherlich nicht fehlt.
David Philipp
David Philipp ist ein Kreativspieler, der mit seinen 24 Jahren a) noch Entwicklungspotential besitzt, und b) durch seine Vielseitigkeit auf dem Platz in der Offensive eine großartige Waffe sein kann, sofern er von Verletzungen verschont bleibt.
Am wohlsten fühlt er sich in der offensiven Zentrale hinter den Spitzen. Der sogenannte Zehnerraum über die gesamte Breite ist Philipps natürliches Habitat. Von dort aus entwickelt er nicht nur als vorbereitender Spieler, sondern auch, wenn er ohne Ball nachrückt, als Angreifer in vorderster Linie Gefahr.
Technisch versiert mit gutem Abschluss und sicherem Passspiel auch in Drucksituationen, kreativ und gegen den Ball sehr einsatzfreudig mit neun Defensivzweikämpfen und zwei Fouls pro Spiel im Schnitt, sollte er auch von der Art, wie er das Spiel versteht, gut zu den Löwen passen.
Sturm
Und auch in der Spitze kommen beim TSV 1860 München drei Neuzugänge.
Patrick Hobsch
Ein typischer „Knipser“, ein Stürmer, der sofort den Abschluss sucht. Patrick Hobsch bewegt sich gut im Raum, hat eine sensationelle Schussgenauigkeit vorzuweisen, seine Performance vergangene Saison bei den Bobfahrern aus dem Landkreis spricht Bände. Aber auch seine statistischen Karrierewerte – verfügbar ab 2017 – sind auf einem Topniveau.
Eines ist klar: Damit Hobsch glänzen kann, braucht er vor allem eines – die Unterstützung seiner Mitspieler. Einerseits mit verwertbaren Bällen, andererseits durch Präsenz im Strafraum, damit sich für Hobsch dort im Raum Lücken ergeben, die er dann besetzen kann.
Ähnlich wie mit Fetsch vergangenes Jahr am Hachinger Bach, wird Hobsch mit dem aus Verl verpflichteten Maximilian Wolfram, der eher der spielende Stürmertyp ist (hängende Spitze/Schattenstürmer), im Sturm ein sich ergänzendes Duo bilden.
Die Tatsache, dass bereits sein Vater als Spieler beim TSV 1860 München auf Torejagd ging, wirkt auf Neuzugang Hobsch möglicherweise auch beflügelnd.
Maximilian Wolfram
Maximilian Wolfram ist ein spielender Stürmer mit Dauerbrenner-Garantie. Bei Verl ist er vergangene Saison in 38 Spielen (27x Startelf) zum Einsatz gekommen. Der dribbelstarke und in der Offensive extrem passgenau agierende und kopfballstarke Stürmer kann vor allem aus der Tiefe als unterstützendes Element neben Hobsch zu einem wichtigen Puzzlestück im Team werden.
Nicht weniger torgefährlich, aber mit anderen Qualitäten als Hobsch für das Spiel in der Offensive ausgestattet, und deshalb auch extrem variabel und auf fast allen Positionen in der offensive einsetzbar, wird er hauptsächlich als Halbstürmer hinter dem eigentlichen Mittelstürmer oder mit diesem im Wechsel die gegnerische Innenverteidigung auf Trab halten.
Trotz seiner Stärke im offensiven Eins gegen Eins sucht Wolfram diese Situationen nicht häufig. Er bevorzugt unkompliziertes und effektives Spiel gegenüber unnötigen Zaubereien. Kommt er jedoch in die Verlegenheit, einen Spieler ausspielen zu müssen, gelingt es ihm mit einer Quote von deutlich über 50%, sich erfolgreich durchzusetzen.
Fabian Schubert
Der aus St. Gallen zum TSV 1860 München wechselnde Fabian Schubert ist Mittelstürmer Nummer Drei unter den Neuzugängen. Er wird sich mit Hobsch um den Platz ganz vorne streiten. Den 1, 94 m Hünen sähe ich von der Rolle im System entweder als Zielspieler, der Bälle verarbeitet und ablegt, oder als Stoßstürmer, der mit den Kreativen hinter sich einerseits als Ballverwerter, andererseits unterstützend zusammenarbeitet.
Seine 32 Treffer in der Saison 20/21, als er für Blau-Weiß Linz in Österreichs Unterhaus auf Torejagd ging, konnte er beim FC St. Gallen in der ersten Schweizer Liga leider nicht wiederholen bzw. bestätigen. Beim TSV 1860 in der deutschen 3. Liga soll sich das nun wieder ändern.
Aus den statistischen Werten lassen sich eine hohe Schussgenauigkeit, ausgeprägtes offensives Durchsetzungsvermögen und Dominanz bei Luftduellen ablesen. Allerdings zeigt die Statistik auch, dass Schubert im Spiel gegen den Ball ein bisschen mehr tun könnte. Seine Quoten in der Defensivarbeit sind für einen Stürmer gut. Die durchschnittliche Anzahl der Aktionen gegen den Ball sollte er allerdings, wenn er zum Einsatz kommt, ein wenig nach oben schrauben, wenn er sich im Sechzgerstadion beliebt machen möchte.
Fazit
Grundsätzlich bisher (man weiß ja nicht, was noch so kommt) ein gutes Transferfenster für den TSV 1860 München in Puncto Neuzugänge. Herr Werner und Herr Müller haben, obwohl nach der Vertragsverlängerung von Kapitän Jesper Verlaat, die nervöse Münchener Presse schon befürchtete, die Sechzger könnten Probleme bei der Kaderzusammenstellung bekommen, weil der Etat merklich geschrumpft ist, für die kommende Saison einen durchaus konkurrenzfähigen Kader zusammengestellt. Welches Potential die einzelnen Neuzugänge haben, habt ihr gerade gelesen.
Es wäre zwar wünschenswert, aber nicht jeder neue Spieler wird granatenstark einschlagen. Hoffen wir auf eine gute Vorbereitung ab Samstag und darauf, dass sich schnell eine stabile Hierarchie im Team bildet. Das sind Grundvoraussetzungen für eine gute Saison.
Ich freue mich auf die Spieler, die Mannschaft und eine neue Saison. In Liga 3 entscheidet dank der Leistungsdichte vor allem mannschaftliche Geschlossenheit und Teamgeist. Wird Letzterer bei den Löwen geweckt und springt dann der Funke auf die Fans über, ist viel möglich.
Datenquelle: Wyscout