Die Legitimation einer kritischen Haltung zur Personalie Tobias Schweinsteiger und eine differenzierte Betrachtung der “roten Vergangenheit” verschiedener Akteure fordert Christian Jung. Ein Kommentar
Schon richtig: Im Fußballbusiness ist es nicht erst seit gestern so, dass Spieler, Trainer oder Funktionäre zwischen Vereinen, die sich durch eine starke Rivalität auszeichnen, hin- und herwechseln. Auch in München zwischen rot und blau ist und war das stets so. Die Liste an Namen, die schon für die beiden großen Münchner Klubs aktiv waren, scheint unendlich lang zu sein. Auch Vereinslegenden des TSV 1860 waren mitunter an der Säbener Straße unter Vertrag.
Wäre das aktuell heiß diskutierte Engagement von Tobias Schweinsteiger an der Seitenlinie beim TSV 1860 also ein ganz normaler, schon vielfach erlebter Vorgang, der die von einigen Fans geäußerten Bedenken gegen die Personalie völlig absurd erscheinen lassen?
Ich finde: Nein! Vorneweg: Ich halte den Bruder des Weltmeisters Basti, der drüben in der Säbener Straße Kultstaus genießt, für einen durchaus sympathischen Zeitgenossen und für einen fähigen Trainer, der in Osnabrück in der ersten Jahreshälfte 2023 bewiesen hat, was er zu leisten im Stande ist. Und dennoch habe ich – wie viele Löwenfans – bei einer möglichen Verpflichtung von Tobi Schweinsteiger ein ungutes Gefühl. Und ich kann das auch begründen: Der Mittelfeldspieler war zu seiner aktiven Zeit stets weit mehr, als ein „normaler“ Fußballer im roten Trikot, denn er hat sich sehr deutlich und regelmäßig als Fan seines FCB positioniert. Die SZ bezeichnete ihn am Ende seiner aktiven Karriere im Jahr 2015 in einem Artikel als “spielenden Anhänger”. Eigentlich ein absolut positiver Aspekt in einer Zeit, in der vielen Fußballer nicht zu Unrecht Legionärsgebaren und fehlende Identifikation mit dem einen einzigen Herzensverein vorgeworfen wird.
Der Fall ist hier also speziell und durchaus heikel. Hier geht es um die – zumindest auf der Fanebene – immer noch sehr große Rivalität zwischen dem TSV 1860 und den Roten: Die Bilder vom jubelnden, die eigene Anhängerschar anpeitschenden Schweinsteiger nach einem siegreichen Amateur-Derby auf dem Zaun vor der Westkurve sind inzwischen sehr präsent. Auch das euphorische Instagram-Posting nach dem Abstieg des TSV 1860 aus der 2. Bundesliga in der Relegation 2017 gegen Jahn Regensburg, garniert mit der Anmerkung „München ist halt rot“, das bereits durch das Web geistert, spricht eine deutliche Sprache, wie Schweinsteiger tickt.
Derlei Aktivitäten sind von den nun mancherorts aufgeführten Akteuren, die vor ihrer Zeit bei 1860 schon mal für die Roten aktiv waren – und das sind wirklich viele! – nicht zu finden. Der Fall Schweinsteiger verdient es also, genauer beleuchtet und hinterfragt zu werden. Tobi Schweinsteiger war anerkanntermaßen stets mehr, als ein normaler Spieler bei den Roten. Kann er dennoch Trainer bei den Löwen werden? Eine spannende Frage.
Leider ist es – wie (fast) immer im streitsüchtigen Löwenumfeld – anscheinend unmöglich, die Dinge sachlich und differenziert zu betrachten. Anstatt jeweils verbal übereinander herzufallen, wäre es doch sinnvoll, die kritischen Fragen näher zu beleuchten: Passt Tobi Schweinsteiger wirklich zu 1860? Tut er sich selbst einen Gefallen, sich in die Höhle der Löwen zu bewegen? Was passiert, wenn er sportlich nicht so viel bewirken kann, wie man ihm auf der Seite der Befürworter zutraut? Sind seine Tage an der Grünwalder Straße dann womöglich noch schneller gezählt, als bei einem „neutralen“ Kandidaten? Woran niemand – weder er, noch die 1860-Fangemeinde – ein Interesse haben kann…
Und andererseits: Ist er vielleicht wirklich der perfekte Kandidat, ein Kenner der 3. Liga, der bei 1860 Großes bewirken und seine Einlassungen der Vergangenheit als echter Roter schnell vergessen lassen kann?
Diese Fragen sind zu klären. Möglichst sachlich und unaufgeregt.
Kommen die Verantwortlichen (und nur die haben das zu entscheiden) zum Ergebnis, dass Schweinsteiger der perfekte Kandidat als Löwendompteur ist, dann hat er eine echte Chance verdient – auch von den Kritikern. Aber im Vorgriff auf diese Entscheidung haben auch die Bedenkenträger ein Recht, sich dazu zu äußern und ihre Zweifel vorzubringen.