Martin Hagen äußerte sich ausgiebig in der Podiumsdiskussion am gestrigen Mittwoch zum Stadion. Obwohl er andere Probleme für dringender hält, drehte sich das Gespräch – von Moderator Tobias Fischbeck bewusst so gesteuert – hauptsächlich um den Spielort des TSV 1860.
Natürlich liegen uns, auch wenn wir selbst nicht dabei sein durften, die O-Töne der Protagonisten der Veranstaltung im Filmtheater am Sendlinger Tor in digitaler Form vor. Von Nostalgie mit Petar Radenkovic und Fredi Heiß über Polemik mit Schauspieler Michael Lerchenberg kam man während der Veranstaltung doch zu einzelnen wichtigen Themen und interessanten Antworten der auf der Bühne Rede und Antwort stehenden Personen.
Lassen wir mal die Nostalgie der Meisterlöwen, ohne deren grandiose Erfolge dieser Verein sicherlich nicht das wäre, was er heute ist, außen vor.
Der erste Gast, der wirklich etwas Substantielles zu sagen hatte, war Martin Hagen (Vorsitzender der FDP Bayern und Löwenfan).
Martin Hagen im Gespräch mit Tobias Fischbeck
Fischbeck (zu Hagen): Du bist, zumindest hab ich das so gelesen, ein klarer Verfechter des Standorts Grünwalder Straße. Jetzt haben wir von Michael Lerchenberg gehört, es sollen 70 Millionen ausgegeben werden, um das Stadion auf 18.500 und ein paar Zerquetschte auszubauen. Was soll das bringen? (…) Wie soll sich das rechnen, wenn der Finanzgeschäftsführer am Sonntag bekanntgegeben hat, in der Saison 21/22 (teilweise ohne Zuschauer, Anm. der Redaktion) haben wir eine halbe Million Miese gemacht. Er hat letztes Jahr, ziemlich genau vor einem Jahr, vorgerechnet, dass er mit diesem Stadion im Schnitt von allen Drittligisten 1,5 Millionen weniger verdient. Also nicht wie der Drittligist, der am meisten verdient, sondern der komplette Schnitt der 3. Liga. 1,5 Millionen weniger Erlöse durch das Grünwalder Stadion. Wie soll das was werden in Giesing?
Hagen: Also erstmal ich bin immer zu Sechzig gegangen, egal in welchem Stadion. Ich war im Olympiastadion, hab da tolle Spiele gesehen. Ich war in der Allianz Arena, habe eine Dauerkarte, hab da Spiele gesehen. Nicht so viele tolle, aber ein paar, und ich war natürlich gern im Grünwalder Stadion. Ich bin ein großer Fan der Innenstadtlage. Ich finde es ist ein ganz anderes Flair, wenn man in der Silberhornstraße aus der U-Bahn kommt und dann geht man durchs Viertel und dann geht man an den Kneipen vorbei, und überall ist was los und vor dem Spiel. Nach dem Spiel geht man was trinken, als wenn man da irgendwo vor der Stadt auf der grünen Wiese erstmal fünf Kilometer über den Parkplatz läuft. Das mag ich, das gefällt mir.
Fischbeck: Definitiv, brauch ma nicht reden.
Hagen: Die Frage ist: Ist das Grünwalder Stadion das Stadion, mit dem Sechzig München Geld verdienen kann? Ist es momentan nicht. Aber was war in der Allianz Arena? In der Allianz Arena haben wir in jeder einzelnen Spielzeit Geld verloren. Jetzt momentan verdienen wir Geld, zu wenig, wir verdienen mit diesem Stadion zu wenig Geld, aber der Spielbetrieb in diesem Stadion wirft zumindest ein paar Euro ab. Es wird nicht das Stadion sein, wo Sechzig zu alter Größe zurückkommt, des is klar. Aber ich seh momentan keine Alternativen. Michael Lerchenberg hat gesagt es sei die eiserne Kugel an unserem Bein, das Grünwalder Stadion. 2017 war es unser Rettungsanker. Was hätten wir denn gemacht ohne das Grünwalder Stadion? In der Allianz Arena gespielt? In der vierten Liga?
Kombilösung als Option?
Fischbeck: Also da muss ich sagen, man hat in der Vergangenheit gesehen, dass es ja auch anders geht und das hat Sechzig München ja auch schon vorgemacht, als man aus der Bundesliga abgestiegen ist und sich gesagt hat, o.k. wir nehmen die kleineren Spiele nach Giesing, die größeren im Olympiastadion. Seinerzeit war die Allianz Arena noch nicht fertig, aber man hätte das ja auch stückeln können. Ich bin mir sicher, dass der damalige Stadionpartner einverstanden gewesen wäre, wenn man gesagt hätte: Okay, man hat das Spiel gegen die Bayern-Reserve, man hat vielleicht noch ein erstes Spiel gegen Burghausen. Man hat Aufstiegsspiele gegen Saarbrücken und ich bin mir sicher, dass da mehr als 12500 – oder wieviele waren es damals, die reindurften ins Grünwalder Stadion? – in die Allianz Arena mehr gekommen wären. Wäre es nicht die Möglichkeit gewesen, dass man sich das nicht komplett verbaut?
Hagen: Ja klar kann man solche Kombilösungen machen. (…) Ich war in so ca. jedem Heimspiel in der Regionalliga Saison dabei, es hätte zumindest ein Spiel gegeben, wo man in der Allianz Arena 50.000 plus gehabt hätte, das war die Relegation gegen Saarbrücken. Ansonsten, ganz ehrlich, Regionalliga in diesem Stadion? In der 2. Liga haben wir in der letzten Saison 20.000 Zuschauer gehabt…
Fischbeck fällt ihm ins Wort: …brauch ma’ ja nicht reden, dass man gegen Pipinsried in Grünwalder Stadion geht.
Hagen: Aber nochmal: Ich bin kein Stadiondogmatiker. Wenn jemand kommt und er sagt er hat einen Super-Standort, und er baut uns da ein Stadion für 30.000 Leute…
Geht es um die Löwenzukunft im Profifußball?
Fischbeck fällt ihm ins Wort: …aber man hat doch…
Hagen: aber ich sehs im Moment nicht.
Fischbeck: Aber man hat doch die Tür komplett zugeschlagen für die Zukunft, die is doch komplett zugeschlagen worden. (Zum Sachverhalt, wer wem damals die Tür zuschlug, gehts hier!)
(…)
Hagen: Welche Tür meinst Du?
Fischbeck: Die Tür für die, ich nenns jetzt mal provokant Löwenzukunft im Profifußball. (etwa zwei Leute klatschen)
Hagen: Wenn einer kommt, der sagt: Ich bau euch ein Stadion für 30.000 Leute an einem guten Standort und ich geb Euch einen Mietvertrag, damit des Ding wirtschaftlich genutzt werden kann, ich mein wir sind 3. Liga jetzt, aber irgendwann, wenn wir hoffentlich bald in der 2. Liga spielen und so Gott will irgendwann auch wieder erste Bundesliga, wenn jemand kommt und sagt, (…) ich bau ein Stadion und dann könnt ihr des wirtschaftlich betreiben, super, gern, aber momentan ist es ja nicht da.
Hagen bezieht Stellung pro Grünwalder Stadion
Fischbeck: Aber angeblich gibt es ja diesen Standort. Dieter Reiter zumindest hat das gesagt. Oder was schlagen Sie der Stadt vor, welches Bild gibt für Sie die Stadt in der Stadionfrage ab? Für Dich?
Hagen: Die Stadt hat halt auch ihre wirtschaftlichen Interessen. Der Stadt, der gehört das Grünwalder Stadion, Sechzig zahlt auch eine für Drittligaverhältnisse sehr hohe Miete. Klar, des muss sich für die Stadt auch irgendwie lohnen, wir zahlen natürlich auch im Vergleich zur 2. Mannschaft des FC Bayern oder zu Türkgücü, als die da gespielt haben, eine sehr hohe Miete, die (die Stadt, Anm. der Redaktion) haben ihre Interessen, aber das ist halt so. Aber nochmal: Was wäre denn momentan die Alternative? Sagen wir Sechzig steigt morgen in die 2. Liga auf, was wäre denn die Alternative? (…)
Fischbeck: Dass man sich die Hintertür Arena offengehalten hätte. Wenn Du längerfristig 2. Liga spielen willst, das kann man im Grünwalder nicht, die DFL hat ganz strikte Richtlinien, die sagen sich: “Okay, wir wollen einen Plan haben. Wo wollt ihr in einem bundesligatauglichen Stadion spielen? Sagt uns das, wir geben Euch ein Jahr Gnadenfrist, aber dann müsst ihr ein Stadion haben.” Ja, und dann spielt Sechzig wahrscheinlich in Nürnberg oder in Ingolstadt oder sonst wo.
Hagen: Ja also, Sechzig hat in der Allianz Arena in der 2. Liga, nochmal, jedes Jahr Geld verbrannt, das ist auch nicht die Perspektive, wo man sagt, da haben wir…
Fischbeck fällt ihm ins Wort: …aber da dürfen sie spielen!
Hagen: Ja, da dürfen sie spielen. Wir dürfen, wenn wir jetzt in die 2. Liga aufsteigen, (…) auch erst einmal eine Saison spielen, wo wir sind. Und wenn man dann sagt, die Stadt hat (…) einen verbindlichen Plan, dass man das Stadion zweitligatauglich ausbaut, dürfen wir da auch weiter drin spielen. Das ist nicht optimal, ich möchte nicht vor 18.000 Zuschauern spielen, ich will lieber vor 30.000 spielen, aber man muss halt realistisch bleiben.
(…)
“Sechzig hat größere Probleme als das Stadion.”
Fischbeck: Die Diskussion gibt es jetzt seit 30 Jahren, irgendwie werds scho geh, aber es geht halt leider nicht an dem Standort. Aber jetzt reden wir schon wieder übers Stadion.
Hagen: Also wir reden übers Stadion, weil wir sehen, dass das wohl die dringendste Frage ist, aber das ist nicht richtig. Sechzig hat größere Probleme als das Stadion.
Fischbeck: Also wir haben jetzt am Wochenende Proteste gesehen in der Kurve, wo sie sich beschweren, dass die Dauerkartenpreise erhöht worden sind. Aber wo soll er hin der Marc Nicolai Pfeifer? Er muss ja irgendwie Geld generieren.
Hagen: Ja, Sechzig spielt in einer teuren Stadt. Wie gesagt: Wir haben sicher eine der höchsten Mieten vom Stadion in der 3. Liga. Aber er kann natürlich diese Preise aufrufen – das muss man auch mal sagen – weil wir eine begrenzte Kapazität haben. In einem Stadion wie der Allianz Arena, wo man immer weiß, (…) wir haben, wenns gut läuft, 20.000 Zuschauer, das heißt, wir haben da irgendwo 50.000 leere Plätze, da kauft sich keiner eine Dauerkarte. (Zwischenruf von Fischbeck: “Also das Argument mit der Verknappung quasi”; diesmal lässt sich Hagen nicht unterbrechen, sondern er spricht weiter) Wenn ich weiß, ich kann zu jedem Spiel an die Tageskasse gehen, ist heut schönes Wetter, geh ich ins Stadion, regnets, bleib ich daheim, dann kauft sich keiner eine Dauerkarte…
Fischbeck fällt ihm ins Wort: …aber wenns regnet, dann brauch ich in der Allianz Arena nicht daheim bleiben, da ist ein Dach drauf.
Hagen: Und die Westkurve ist auch voll, wenns regnet.
Fischbeck: Also Du hast gesagt, es ist nicht die drängendste Frage. Was ist denn die drängendste Frage?
Hagen: Die drängendste Frage ist, wie man sportlich vorankommt. Und man kann im Grünwalder Stadion genauso aufsteigen wie in jedem anderen Stadion auch. (Zwischenruf einer Dame aus dem Publikum. “Wie denn?”) Da sitzt ein Trainer (Lorant, Anm. der Redaktion), ich bin kein Trainer. Aber sagen wir mal so: Wir waren doch in der vergangenen Saison am 10. Spieltag Tabellenführer und alle haben gesagt: Super.
Fischbeck: Mit einem Etat von, korrigiert mich gerne, 6,5 Mio. Aktuell für die kommende Spielzeit 4,3 Mio., wenn ich mich nicht täusche. Des wird ein bisschen schwierig.
Hagen: Des wird sauschwierig, vor allem jetzt. Der Lex ist weg, Boyamba ist weg, Deichmann ist weg, also die ganzen Leistungsträger sind weg. Also ich seh mit dem Kader auch noch keinen Aufstieg nächstes Jahr. Aber der Punkt ist doch der: Das Budget ist doch das, was es ist. Das Budget wär doch nicht größer… Jetzt fang ma schon wieder mit dem Stadion an. Das Budget wäre doch in der Allianz Arena nicht größer. Wir brauchen ein vernünftiges Budget. Wir brauchen…
“Wir haben in der Allianz Arena nie Einnahmen generiert”
Fischbeck fällt ihm ins Wort: Aber das Budget ist doch automatisch größer, wenn man in einem Stadion gegen Hertha BSC spielt, wo man 40000 Karten verkaufen kann, als wenn man in einem Stadion spielt, wo man gegen den Halleschen FC spielt und nur 15000 Karten verkaufen kann. Ich glaub, man kann an dem Budget auch ein bisschen nach oben schrauben.
Hagen: Gegen Hertha BSC?
Fischbeck: Ja.
Hagen: Ja, da müssen wir erstmal aufsteigen.
Fischbeck: Ja, aber des is klar, aber das ist doch ein ewiger Teufelskreis. Du musst doch das Ziel haben irgendwo Einnahmen zu generieren.
Hagen: Nochmal, wir haben in der Allianz Arena nie Einnahmen generiert. Die Allianz Arena bringt uns wirtschaftlich nicht voran. Da kann man sagen, da kriegen mehr Leute eine Karte. Das ist schön für die Leute, die momentan sagen, ich kann so selten ein Heimspiel sehen. Aber wirtschaftlich bringt uns die Allianz Arena nicht voran.
(Es entsteht Gemurmel im Saal, Zwischenrufe, weiter lautes Gemurmel.)
Moderator bricht Gespräch ab
Fischbeck: Martin Hagen, ich glaub in Sachen Stadion…
Hagen: Da kommen wir heute nicht zusammen. Nochmal: Ich bin gern in jedes Stadion gegangen und für mich steht Sechzig im Vordergrund. (…) Ich habs in der tz gestern gesagt: Ich bin kein Freund dieser Lagerbildung. Da draußen stehen Leute, die sind Sechzger Fans, hier drin sitzen Leute, die sind Sechzger Fans, die haben alle mehr, was sie verbindet als was sie teilt. Weil alle wollen, dass Sechzig erfolgreich ist. Alle lieben 1860. (laute Zwischenrufe)
Fischbeck: Ja aber es muss doch was gemacht werden. Dass da draußen das “S C H – Lied” gesungen wird und sich wichtige Menschen nicht mehr trauen hierher zu gehen wirds schwierig…
Hagen: Aber es sind ja trotzdem alle gekommen.
Kurz danach bricht Fischbeck das Gespräch mit Martin Hagen ohne weitere Worte ab und wendet sich Saki Stimoniaris zu, um von einem “Klima der Angst” zu schwadronieren…