Momentan ist Günther Gorenzel nicht nur Geschäftsführer Sport beim TSV 1860 München, sondern auch Interimstrainer nach der Entlassung von Michael Köllner. Ganz nebenbei befindet er sich noch auf der Suche nach einem neuen Trainer – wobei nach aktuellem Stand eine Grundbedingung der Einstellung von eben jenem skurrilerweise Gorenzels Entlassung ist. Das belastet den Österreicher nicht nur persönlich, sondern ist gewissermaßen auch unfair.
Ein Kommentar von Jan Schrader
Einigkeit bei den Gesellschaftern – ein eher seltenes Phänomen
Es war Ende Oktober 2018, als der Aufsichtsrat des TSV 1860 München eine Pressemitteilung verschickte. Man empfehle Günther Gorenzel als zweiten Geschäftsführer neben Michael Scharold zu installieren. Es war einer dieser wenigen Momente, wo Einigkeit zwischen den beiden Gesellschaftern herrschte. Ging man zu diesem Zeitpunkt noch von einer “zeitnahen Erledigung” der Formalitäten aus, zog sich der Vorgang schließlich doch bis Februar 2019 hin. Dann vermeldete der TSV 1860 München schließlich offiziell, dass der Österreicher zum Geschäftsführer für den sportlichen Bereich bestellt wurde. Beide Gesellschafter freuten sich über die erzielte Einigung.
Wir waren uns unter den Gesellschaftern schnell darüber einig, dass wir mit Günther Gorenzel den geeignetsten Mann für den Posten des zweiten Geschäftsführers bereits in den eigenen Reihen haben. Wir freuen uns sehr, dass Günther Gorenzel sich dieser Aufgabe annimmt.
Robert Reisinger zur Beförderung von Günther Gorenzel
Günther Gorenzel hat durch seine Arbeit im letzten Jahr bewiesen, welchen Mehrwert er für diesen Verein hat. Er hat unser vollstes Vertrauen, wenn es um die sportliche Weiterentwicklung geht. Der Schritt ist ein großer und wichtiger für die Gestaltung einer erfolgreichen Zukunft der Löwen.
Saki Stimoniaris, Sprecher von Hasan Ismaik
Von diesem Vertrauen ist etwa fünf Jahre später nicht mehr als ein Scherbenhaufen über. Günther Gorenzel, der aktuell Zeit an der Grünwalder Straße investiert wie wohl kein Zweiter, sitzt zwischen den Stühlen. Mehr noch: an seinem eigenen wird gerüttelt – und das nicht gerade wenig. Der 51-Jährige droht unsanft auf dem Boden aufzuprallen.
In der letzten Aufsichtsratssitzung wollte man sich auf einen neuen Trainer einigen. Der Geschäftsführer hatte im Vorfeld eine Liste möglicher Kandidaten erarbeitet, die beiden Gesellschaftern vorgelegt wurde. Seitens des e.V. favorisierte man Medienberichten zufolge Achim Beierlorzer; Saki Stimoniaris, Yahya Ismaik und Andrew Livingston hingegen brachten ganz neue Namen auf den Tisch. Wenig überraschend endete dann die Sitzung auch mit keinem Ergebnis und der Interimstrainer nahm auch gegen den SC Verl auf der Bank Platz.
Trainer-Wechsel ändert: nichts
Die Bilanz der letzten drei Spiele lässt dabei zu wünschen übrig. Viele hatten sich einen Effekt von der Köllner-Entlassung erhofft, eingetreten ist dieser nicht. Die Ergebnisse reihen sich nahtlos in eine Serie ein, die seit der Niederlage gegen Bayreuth Ende Oktober zu beobachten ist. Ich gebe zu: auch ich bin – natürlich – von den Ergebnissen zuletzt enttäuscht, vor allem dem indiskutablen Auftreten der Mannschaft. Eine Schuld bei Gorenzel sehe ich hierbei allerdings nur bedingt. Möglicherweise kommt seine ruhige, analytische Art beim Team nicht gut an, ja. Dass Kapitän Lex & Co. allerdings mehrheitlich die Grundtugenden vermissen lassen, kann nicht die Schuld von Günther Gorenzel sein. Der Kader sollte zu deutlich mehr in der Lage sein, als er zuletzt gezeigt hat.
Noch aberwitziger finde ich, dass die Entlassung von Michael Köllner ein Affront gegenüber Hasan Ismaik sein soll. Alle Beteiligten – siehe oben – waren sich über die Beförderung zum Geschäftsführer einig. Dass ein solcher die Entscheidungshoheit über die Trainerfrage hat, sollte selbstverständlich und allen Beteiligten bewusst sein. Wenn ich das nicht möchte, kann ich mir vereinfacht gesagt auch einen jungen, motivierten Sportmanagement-Praktikanten einstellen. Dieser kann mit schön aufbereiteten Power Point-Präsentationen Lösungsvorschläge präsentieren, über die dann beide Gesellschafter abstimmen können. Aber ich kann doch in Gottes Namen nicht zwei Geschäftsführer bestellen, nur um ihnen dann bei jeder Gelegenheit vorzudiktieren, was sie zu tun und zu lassen haben. In der aktuellen Form ist die Struktur beim TSV 1860 München, wenn sie offenbar nicht erwünscht ist, einfach nur eins: fehl am Platz und viel zu teuer.
Günther Gorenzel vor dem Aus bei den Löwen
Bleibt noch der Zeitpunkt der Entlassung: auch hierfür erntet Gorenzel viel Kritik. Doch wann wäre der richtige Zeitpunkt gewesen? Vermutlich hätte man nach dem Heimspiel gegen Essen die Reißleine ziehen müssen. Der neue Trainer hätte die einmalige Gelegenheit gehabt, der Mannschaft rund zweieinhalb Monate lang seine Spielidee vermitteln zu können. Das hätte alleridngs bereits vor dem Treffen mit Ismaik erfolgen müssen. Denn durch die prompt folgende Mitteilung in den sozialen Medien wäre die Entlassung Köllners wohl auf noch weniger Gegenliebe gestoßen als ohnehin schon. Viele Konjunktive in einem Absatz – in jedem Fall ist klar: kritisiert worden wäre Gorenzel so oder so, egal zu welchem Zeitpunkt.
Dass Gorenzel einen Trainer entlassen hat und nun seit mehreren Wochen selber an der Seitenlinie stehen muss, ist hingegen durchaus ein Armutszeugnis. Mögliche Kandidaten wird der 51-Jährige, wie man ihn kennt, bereits vor der Trennung von Köllner vorbereitet haben. Wieviel Schuld ihn trifft, dass noch immer kein neuer Übungsleiter bei den Löwen vorgestellt wurde – schwer zu sagen. Für die aktuelle Blockade kann er persönlich nichts. Beachtlich aber auch hier, dass sein Kollege Marc-Nicolai Pfeifer mit keiner Silbe erwähnt wird – obwohl er derjenige ist, der für die Finanzen an der Grünwalder Straße zuständig ist. Dass Gorenzel hier einen Alleingang hingelegt hat, erscheint unwahrscheinlich. Dennoch fokussiert sich die Kritik in der Öffentlichkeit sowie unter den Löwenfans voll und ganz auf ihn.
Zum Ende des Jahres 2022 verlängerte sich der Vertrag von Gorenzel automatisch bis Juni 2024. Bis dahin war offensichtlich noch jeder mit seiner Arbeit einverstanden. Nur geringfügig später sitzt der Geschäftsführer Sport auf dem Schleudersitz. Auch das ist ein Rückfall in alte Zeiten: die Löwen werden ihm bei einer vorzeitigen Entlassung weiterhin Gehalt oder eine hohe Abfindung zahlen müssen. Dass die Tage von Günther Gorenzel an der Grünwalder Straße 114 gezählt sind, dürfte allmählich jedem klar werden. Auch der Rückhalt auf Seiten des e.V. scheint zu bröckeln. Es werden Gelder für einen neuen Trainer benötigt, also entlässt man eben gleich noch eine weitere Personalie. Klingt unlogisch, ist es auch – aber gerade deswegen passt es ja so gut zum TSV 1860 München. Wir HAM’s ja…
Abschreckende Wirkung auf Nachfolger?
Es ist doch ein Wahnsinn, dass die finanziellen Mittel für einen möglichen neuen Coach erst heute – 23 Tage nach der Entlassung von Michael Köllner – klar sind. Von einer All-In-Strategie, die viele Fans hinsichtlich der Kaderplanung für die Saison 2022/23 erkannten, wollte man nichts wissen. Die aktuelle Situation zeigt jedoch auf, dass diese Gedanken nicht von der Hand zu weisen sind. Man ist einmal mehr komplett abhängig von Hasan Ismaik sowie seinen Entscheidungen und hat sich somit erpressbar gemacht. Insofern nur allzu verständlich, dass der Jordanier aufgrund seiner strategisch guten Position nun Forderungen stellt. Es bleibt den Verantwortlichen kaum etwas über, als darauf einzugehen.
Das ist eine interne Sichtweise von jemanden, der täglich mit den Löwen zu tun hat. Wie aber wirkt das Ganze auf andere? Die Außendarstellung der Löwen ist einmal mehr ein Trauerspiel. Attraktiv für mögliche Nachfolger von Gorenzel und Köllner dürften solche Strukturen und Vorgänge nicht wirklich sein. Da muss man erst einmal jemanden finden, der für diese Aufgabe mit all ihren Facetten motiviert werden kann. Laut der Löwenrunde ist zumindest mittlerweile klar, welche Mittel dafür zur Verfügung stehen. Angesichts der aktuellen Lage könnte man den Kandidaten eine Vorabforderung von Schmerzensgeld nicht einmal übel nehmen.