Herzlich Willkommen zur Taktiktafelanalyse der Partie SSV Ulm – TSV 1860 München. Am Ende gingen die Ulmer hochverdient als Sieger vom Platz. Das 1:0 Endergebnis war eher schmeichelhaft für die desolat harmlosen Sechzger.
Das Duell zwischen dem SSV Ulm und dem TSV 1860 München war eine mit Spannung und nach dem Spiel am Samstag gegen Verl, in dem die Sechzger eine gute Defensivleistung und in einigen Momenten auch in der Offensive einen soliden Auftritt zeigten, ebenfalls mit viel Optimismus erwartete Partie.
Der SSV Ulm spielte im 3-4-2-1, einer in der Spitze engeren Variante des 3-4-3. Die Sechzger wurden von Maurizio Jacobacci im 4-2-3-1 aufs Feld geschickt.
Wie erwartet waren sowohl die Pressinglinie als auch die Defensivlinie der Ulmer variabel geplant und man justierte den Druck gegen den Ball von Seite der Spatzen nach Bedarf – mal stärker, mal schwächer.
Bei den Sechzgern ließ vor allem in der ersten Halbzeit nach kurzem aggressiven Beginn im Pressing der Druck gegen das Aufbauspiel der Ulmer schnell nach. Die Defensivlinie war eher tief bis mittig gewählt, was Ulm viel Platz im Mittelfeld ließ.
Alles in allem war das Spiel des TSV 1860 München ein Spiel, das man lieber schnell wieder vergessen möchte. Ulm deckte bei den Löwen eklatante Schwächen in der Vorbereitung zur Penetration der Box gnadenlos auf. Eine lustlosere Leistung der offensiven Ideengeber hat man selten gesehen.
Ganz im Gegensatz dazu agierte Ulm am Dienstagabend variantenreich, spritzig, lauffreudig und voller Energie sowie gegen den Ball immer mit vollem Einsatz.
Zunächst wie immer die statistischen Werte der Partie SSV Ulm – TSV 1860 München.
Statistische Werte
- Ballbesitz: SSV Ulm 43% – TSV 1860 57%
- Passgenauigkeit: SSV Ulm 74% – TSV 1860 77%
- Defensive Zweikampfquote: SSV Ulm 54% – TSV 1860 60%
- Schüsse/aufs Tor: SSV Ulm 12/3 – TSV 1860 7/1
- PPDA (zugelassene Pässe Pro Defensivaktion): SSV Ulm 8,79 – TSV 1860 8,55
Analyse der statistischen Werte
Ballbesitz (43%:57%)
1.Halbzeit
Die Ballbesitzverteilung war in der ersten Halbzeit nahezu ausgeglichen. Mit 49:51 Prozent gibt diese auf den ersten Blick den Spielverlauf dieser Spielhälfte nicht wieder. Allerdings müssen wir hier drei Phasen sehen.
In jeder einzelnen dieser Phasen durften die Sechzger immer nur das tun, was Ulm zuließ. Zu Beginn nicht ganz so energisch auf den gegnerischen Ballbesitz pressend fing Ulm etwa ab der fünften Minute an richtig Druck gegen den Aufbau der Löwen auszuüben. Dieser Druck wurde dann auch nach dem Führungstreffer noch ein wenig aufrecht erhalten und führte im mittleren Teil der ersten Halbzeit zu großen Ballbesitzvorteilen der Ulmer. Als Ulm den Griff wieder lockerte und den Löwen erlaubte mitzuspielen, kamen die Sechzger zwar einige Male bis ins letzte Drittel des SSV, aber alles in allem war das von den Löwen zu harmlos.
Zweite Halbzeit
In der zweiten Halbzeit hatte Ulm nicht unbedingt vor etwas an der Herangehensweise zu ändern. Im Gegenteil: die Spatzen überließen dem TSV 1860 München nur zu gerne den Ball, verteidigten kompakt und setzten immer wieder Nadelstiche im Umschalt- oder Konterspiel. So konnte der TSV 1860 München mit 22% mehr Ballbesitz im zweiten Durchgang bei drei Ballkontakten in der Box des Gegners über die gesamte zweite Spielhälfte hinweg lediglich zweimal zum Schussversuch ansetzen. Zu den Schüssen und deren Effektivität kommen wir aber später.
Warum war der Ballbesitz des TSV 1860 München im Spiel gegen den SSV Ulm am Ende ineffektiv? Der aufmerksame Leser dieser Rubrik wird es schon ahnen. Die Zahlen bei den Quer- und Rückpässen, welche die Spieler der Löwen in der eigenen Defensive spielten, belegen diese Ahnung. Und es ist nicht schön, was da zu sehen ist.
Allein die Pässe, die Sechzigs Defensive in den eigenen Reihen spielte, waren in Summe 36% aller gespielten Pässe des TSV 1860 München am Dienstagabend. Es ist logisch, dass es im Aufbau nicht immer schnell gehen kann und man manchmal, wenn von hinten heraus aufgebaut wird, bis die eigenen Mittelfeldspieler freie Räume besetzen können, in der Defensive längere Ballstafetten spielen muss. Aber mit über einem Drittel Sicherheitspässe holt man – vor allem in einem Spiel, in dem man hinten liegt – die Kuh sicherlich nicht vom Eis.
Passgenauigkeit (74%:77%)
Damit wären wir auch schon bei der Passgenauigkeit angelangt. Wie hätte diese wohl ausgesehen, hätten die Sechzger nicht über 36% Sicherheitspässe gespielt? Die Passgenauigkeit für produktive Pässe der Sechzger liegt bei unbrauchbaren 60%. Darin inkludiert sind Vorwärtspässe aller Akteure, Querpässe der Spieler die nicht zur Defensive zählen und kurze Rückpässe zwischen zwei Spielern im letzten Drittel vor dem gegnerischen Tor.
Dass der SSV Ulm 32 Querpässe innerhalb der kompletten Mannschaft weniger gespielt hat als der TSV 1860 allein in der Defensivabteilung und die Gastgeber trotzdem eine Passgenauigkeit aufweisen, die lediglich um drei Prozent unter der der Löwen liegt, ist ebenfalls höchst aufschlussreich.
Wenn im Mittelfeld zu wenig Bewegung ist, findet man keine Anspielstationen für die Entwicklung eines Angriffs. Statisches Traben, das es dem Gegner leicht macht Räume und Spieler zuzustellen ist wenig hilfreich für den Aufbau. Die Frage ist nun: können oder wollen die Spieler nicht laufen? Antworten darauf habe ich keine.
Ich habe allerdings eine Forderung: Wer keine Lust hat, sich für den TSV 1860 München bis zum Letzten zu verausgaben, soll sich doch bitte um eine Vertragsauflösung bemühen. Wer im Schnitt pro Jahr 120.000 € einstreicht, der darf für diese – meiner Meinung nach – durchaus gute Entlohnung auch gerne etwas Einsatz zeigen.
Defensive Zweikampfquote (54%:60%)
Wenigstens gegen den Ball hat’s mehr oder weniger gestimmt. Hier muss ich heute keine bzw. kaum Kritik üben. Sowohl von der Anzahl der Zweikämpfe gegen den Ball als auch von deren Erfolgsquote sind die Sechzger in einem guten Bereich. Lediglich bei den Kopfballduellen haben wir einen schlechten Wert stehen. Allerdings nicht dort, wo es unmittelbare Gefahr für das eigene Tor bedeuten würde, wenn der Gegner ein Kopfballduell für sich entscheidet. In der eigenen Spielfeldhälfte verloren die Sechzger insgesamt nur sechs solcher Duelle, im eigenen letzten Drittel lediglich eins.
Schüsse/aufs Tor (12/3:7/1)
Sieben Schüsse in 99 Minuten Spielzeit. Davon war lediglich einer dergestalt, dass der gegnerische Torhüter eingreifen musste und insgesamt zwei davon konnten nicht von Ulmer Spielern geblockt werden. So kann man keinen frühen Rückstand umbiegen.
Wie will man das auch bewerkstelligen, wenn insgesamt lediglich elf Ballberührungen in der gegnerischen Box herausgespielt werden können?
Ulm schloss zwölf mal ab. Drei der Schüsse der Ulmer wurden geblockt. Von den Schüssen, die nicht geblockt wurde, gingen drei auf den Kasten: einer hinein und zwei konnte Hiller halten.
Positiv hervorzuheben ist hier einerseits, dass auch Ulm es lediglich zweimal fertigbrachte in der Box so zum Abschluss zu kommen, dass der Ball nicht geblockt werden konnte. Andererseits hatten die Ulmer einige knappe Gelegenheiten, bei denen ein aus dem Hintergrund in die kleine Box einlaufender Spieler das dorthin gepasste Spielgerät knapp verfehlte. Wenn diese Spielzüge etwas genauer durchgeführt werden, geht man schon nach der ersten Halbzeit mit drei Gegentreffern in die Kabine.
Eine deutliche Überlegenheit hatten die Ulmer auch bei den offensiven Standardsituationen zu verzeichnen. Mit fünf Eckballen und sechs Freistößen hatten die Ulmer neun Standards in Tornähe. Von diesen konnten vier mit einem Schuss beendet werden.
Trotz statistischer Überlegenheit beim Ballbesitz schaffte es Sechzig nicht, ähnlich viele Standards dort zu kreieren. Man hatte mit sechs Ecken und einem Freistoß in Tornähe sowohl weniger dieser Situationen kreiert, als auch, mit nur drei Abschlüssen in der Folge auf diese Standards, weniger häufig dadurch Gefahr erzeugen können.
Schade, aber gerade dann, wenn man keinen Hebel findet spielerisch etwas zu bewegen, müssten diese Gelegenheiten besser genutzt werden.
PPDA (8,79:8,55)
Zum Pressing und dessen Intensität habe ich weiter oben ja schon etwas geschrieben. Alles in allem waren die Aktionen gegen das Aufbauspiel der Ulmer zwar vorhanden, aber deren Durchführung war dermaßen ineffektiv, dass man klar sagen muss: Hier lügen die Zahlen.
Wenn ich Aktionen gegen das Aufbauspiel des Gegners setze, diese aber nicht die gewünschte Wirkung bringen, muss man am Anlaufverhalten etwas umstellen.
Entweder man zieht sich weiter zurück und macht das Mittelfeld eng, um dort dann über Umschaltaktionen in die Tiefe zu arbeiten, oder ich erhöhe den Pressingdruck durch mehr Personal und forciere dadurch die Passfrequenz beim Gegner was dann zu Ungenauigkeiten und möglichen Ballverlusten im Aufbau führen kann.
Das Tor
Hier könnt ihr es euch noch einmal ansehen und auch weitere Highlights des Spiels genießen.
Ich denke, eine Beschreibung dessen, was zum Treffer führt, kann ich mir heute sparen. Die Bilder sprechen für sich. Glück, Wind aber vor allem fehlende Aggressivität beim Verteidigen des Passes zu Allgeier und seines sicher so nicht gewollten Schusses waren eine toxische Kombination für den TSV 1860 und den bei diesem Sonntagsschuss nicht unbedingt heroisch wirkenden Hiller.
Das fiel auf
Viel zu wenig Bewegung bei den Offensivspielern. Diese Kritik gibt es nicht zum ersten Mal zu lesen. Ich verstehe nicht, warum Basics in einer Laufsportart wie Fußball sie nunmal ist nicht funktionieren. Freilaufen, anbieten und immer in Bewegung bleiben sind selbst wenn man vielleicht gerade nicht am jeweiligen Spielzug teilnimmt vor allem für Offensivspieler unabdingbare Grundvoraussetzungen.
Joël Zwarts hängt in der Luft. Die Attitüde seiner für die Vorbereitung zuständigen Mitspieler verstehe ich nicht. Durch die oben schon beschriebene Lauffaulheit ergeben sich oft große Abstände zwischen dem Solostürmer und den dahinter agierenden Mittelfeldakteuren. Wenn ein Stürmer über 99 Minuten lediglich acht Mal so angespielt wird, dass er den Ball auch verarbeiten kann, ist das zu wenig von den Herren dahinter. Seine anderen acht Ballkontakte hat er sich selbst erarbeiten müssen und danach selten Hilfe aus dem Rückraum erhalten, um den Angriff weiterzuführen. So kann kein Stürmer der Welt von der Kreisklasse bis zur Bundesliga abliefern.
Ich könnte mich jetzt hier über fast alle Spieler, die gestern auf dem Platz standen, auslassen und ihnen die unterirdischen statistischen Einzelwerte um die Ohren hauen. Das lass ich aber bleiben, sonst wirds zu lang.
Fazit zur Niederlage des TSV 1860 beim SSV Ulm
Quo vadis TSV? Das Spiel des TSV 1860 München beim SSV Ulm ist keines, das man auf Dauer im Gedächtnis behalten möchte. Aber leider brennen sich solch desolate Leistungen immer länger im Gehirn ein als einem lieb ist.
Ich denke, dass der Tenor, der in den Kommentarbereichen der Foren-Seiten und Sozialen Medien zum Thema vorherrscht, den Nagel relativ gut auf den Kopf trifft.
Mehr Fazit gibt es heute nicht. Ich möchte allerdings noch den Wunsch wiederholen, dass die Spieler, die keine Lust haben in jedem Spiel hundertprozentigen Einsatz, Laufbereitschaft und Kampfeswillen an den Tag zu legen, sich doch im Winter freiwillig einen neuen Verein suchen sollen. 120.000 € Durchschnittsgehalt seid ihr nur wert, wenn ihr euch den Arsch aufreißt und euch bedingungslos für das Wappen auf der Brust einsetzt. Mir tun diejenigen Spieler leid, die diese Eigenschaften zeigen und unter den lauffaulen Abkassierern leiden müssen.