Es könnte alles in Richtung Aufbruchstimmung deuten: die Löwen haben endlich einen neuen Trainer und dank der schwächelnden Konkurrenz ist der Aufstieg noch immer nicht abgehakt. Die vorderen Tabellenplätze spielen natürlich erst einmal weniger eine Rolle als viel mehr wieder eine vernünftige Leistung der Mannschaft zu sehen. Das betont auch Maurizio Jacobacci. Doch anstatt sich auf das Spiel gegen Köln zu freuen, muss man beobachten, wie an der Grünwalder Straße die Suche nach dem Schwarzen Peter begonnen hat und in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Es ist ein Rückfall in alte Zeiten, der niemandem etwas bringt.
Ein Kommentar von Jan Schrader
Redet mit- statt übereinander!
Es hätte alles so schön werden können. Startrekord, Tabellenführer und vergleichsweise wenig Vereinspolitik – das war der TSV 1860 München im Sommer 2022. Sicher, die Personalie Anthony Power wurde bereits damals diskutiert und war immer wieder auch in den Medien zu finden. Aber der sportliche Erfolg vereinte dann doch die meisten Löwenfans und man freute sich über den Erfolg der Mannschaft. Sogar in die Stadiondebatte kam aufgrund der Möglichkeit 2.Bundesliga wieder etwas mehr Schwung hinein.
Irgendwann aber ließen die Ergebnisse zu Wünschen übrig und in den letzten Monaten auch die Leistung auf dem Platz. Doch nicht nur dort zeigten die Löwen ein schwaches Bild auf. Die Konflikte zwischen den Gesellschaftern, die eine vergleichsweise lange Zeit nicht vorhanden waren – man war fast schon geneigt von so etwas wie Harmonie (zumindest im Ansatz) zu sprechen – nahmen wieder Fahrt auf. Bei der Trainerfrage zeigte sich endgültig, dass beide Seiten weiterhin nicht miteinander arbeiten können. Viele Fans erinnerten sich zurück an die Saison 2016/17 und die letzten Tage verstärken diesen Eindruck noch einmal.
Zunächst veröffentlichte das Präsidium des TSV 1860 München e.V. eine Stellungnahme nach der Verpflichtung von Maurizio Jacubacci. Einen Monat lang hatte es gedauert, bis die Löwen einen neuen Trainer vorstellen konnten. Der Tenor: die finale Entscheidung hätte natürlich die Geschäftsführung getroffen und mit der Verzögerung habe man nichts zu tun. Den Schwarzen Peter schob man anderen zu – aber wem denn eigentlich? Insgesamt ließ die Stellungnahme viel Raum für Spekulationen und natürlich folgten daraufhin viele Diskussionen. Dass es unter den Löwenfans verschiedene Lager gibt, war lange nicht mehr so deutlich zu sehen wie jetzt.
Den Schwarzen Peter will niemand haben – auch beim TSV 1860 nicht
Es folgte am gestrigen Dienstag die nächste Stellungnahme. Dieses Mal äußerte sich Saki Stimoniaris, der Aufsichtsratsvorsitzende. Ein Vorgang, den man lange Zeit nicht mehr beim TSV 1860 München erlebt hatte. Tenor zunächst auch hier: die Geschäftsführung hat die Entscheidungen bei der Trainerfrage – sowohl Entlassung als auch Einstellung – alleinig zu verantworten. Und im nächsten Absatz: nein, auch der Aufsichtsrat will den Schwarzen Peter nicht haben. Man habe alles getan, um die Entscheidung beim Trainer möglichst schnell finalisieren zu können. Es ist ganz genau wie beim Kartenspiel. Den Schwarzen Peter will niemand auf seiner Hand sehen, denn er bedeutet die Niederlage.
Nach beiden Stellungnahmen stellt sich die Lage für die Löwenfans so dar, als wäre das Spiel gerade frisch gestartet worden. Da liegen vor jedem Beteiligten eine Menge Karten. Wer den Schwarzen Peter hat, weiß niemand. Die Partie begonnen hat in diesem Fall das Präsidium und tatsächlich muss man sich die Frage stellen: warum eigentlich? Was hat die Stellungnahme bewirkt? Im Moment muss man sagen: die Gräben unter den Fans noch einmal weiter aufgerissen und der Öffentlichkeit offenbart, dass beide Gesellschafter nicht miteinander arbeiten können (oder wollen).
Hätte es die Stellungnahme von Stimoniaris gegeben, wenn das Präsidium sich nicht geäußert hätte? Ich persönlich glaube nicht daran. Insofern war das kein kluger Schachzug, es hat niemandem etwas Positives gebracht. An der Grünwalder Straße 114 sollte man sich wieder auf den kurzen Dienstweg besinnen. Man sitzt schließlich in einem Gebäude und kann solche Dinge intern regeln. Die Außendarstellung bei den Löwen ist seit langem eine einzige Katastrophe – das muss nun endlich ein Ende haben! Wir Fans wollen uns auf Samstag, auf ein Heimspiel, auf den neuen Trainer freuen und uns nicht ständig streiten müssen.
Es ist egal, wer den Schwarzen Peter hat. Es liegt an den Verantwortlichen, diese Karte nun ganz schnell verschwinden zu lassen. Denn es warten viel wichtigere Themen auf den TSV 1860 München. Der Bau einer Turnhalle, eine finale Entscheidung in der Stadiondiskussion oder ein möglicher Aufstieg in die 2.Bundesliga – nur um einige Beispiele zu nennen.
Anmerkung der Redaktion:
Der Begriff „schwarzer Peter“ entspringt dem gleichnamigen Kartenspiel mit einem schwarzen Kater. In keinem Fall soll dieser Artikel einen rassistischen und/oder andere Ethnien herabwürdigenden Inhalt wiedergeben.