Vier Niederlagen in Folge, Platz 16 in der Tabelle der 3. Liga – der Saisonstart der Löwen verlief bislang alles andere als zufriedenstellend. War diese Entwicklung erwartbar? Entspricht die Zusammenstellung des Kaders trotz vermeintlich großer Namen doch nicht dem, was erforderlich wäre, um erfolgreicher aufzutreten? Wer hat den Kader zu verantworten, nachdem die Bestellung eines namhaften Sportdirektors bzw. Geschäftsführers Sport verschleppt wurde? Im Fokus der Kritik steht unter anderem Marc-Nicolai Pfeifer, der Finanzgeschäftsführer des TSV 1860.
Wer stellte den Kader des TSV 1860 zusammen?
Über Wochen hinweg wurde gebetsmühlenartig wiederholt, wie erfolgreich man trotz fehlender sportlicher Leitung die Kaderzusammenstellung vorantreibe. Besonders das Engagement von Trainer Maurizio Jacobacci sowie der Einsatz des Geschäftsführers Finanzen Marc-Nicolai Pfeifer wurden hervorgehoben. Zur Task Force Kader sollen zudem NLZ-Leiter Manfred Paula sowie Chefscout Jürgen Jung gehört haben. Doch dies ist sechzger.de-Informationen zufolge nur die halbe Wahrheit: Darüber hinaus sollen weitere Personen im abgelaufenen Transferfenster aktiv geworden sein, um der Mannschaft der Löwen ein neues Gesicht zu verleihen. Pikant: Diese Personen haben beim TSV 1860 München gar kein Amt inne!
Wenig überraschend wurde seitens Pfeifer und Jacobacci nach den Niederlagen zuletzt hinsichtlich der Kaderplanung recht defensiv argumentiert. Die genauen Hintergründe bezüglich der Verpflichtung diverser Spieler blieben ebenso im Dunklen wie fragwürdige Klauseln bei Ablösemodalitäten. Wer agierte im Hintergrund? Welche Rolle spielten dabei der Trainer und der Geschäftsführer Finanzen?
Welche Rolle spielt Anthony Power?
Dass Anthony Power sich bei der Verpflichtung von neuen Spielern aktiv einbringt, stand ja bereits vor der Spielzeit 2022/23 zur Diskussion. Ex-Trainer Michael Köllner erwähnte den Geschäftsführer der Merchandising GmbH sogar persönlich und dankte ihm explizit für sein Engagement. Ob es sich dabei „nur“ um die zeitnahe Herstellung des Kontaks zu Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik handelte, oder um einen weiterführenden Einsatz bei den Verhandlungen mit den Neuzugängen, ließ der Oberpfälzer offen.
Bereits damals nahm Anthony Power gerüchteweise persönlich Kontakt zu potentiellen Neu-Löwen auf, um sie vom TSV 1860 zu überzeugen. Per se ist daran wenig Verwerfliches, wenn das Vorgehen zum Erfolg führt. Aber ist dies wirklich die Aufgabe einer Person, die nicht beim TSV 1860 angestellt ist, sondern lediglich bei der Merchandising GmbH?
Ist Max Kothny für den TSV 1860 tätig?
Die BILD hat im Interview mit Robert Reisinger zudem spekuliert, dass in der abgelaufenen Transferperiode Max Kothny, ehemaliger Geschäftsführer von Türkgücü München, als Externer bei Spielerverpflichtungen des TSV 1860 aktiv wurde. sechzger.de-Informationen zufolge ist dies korrekt, Reisinger selber gab zu dieser Thematik in besagtem Interview keine Auskunft.
Dass Kothny in den letzten Monaten vermehrt im Umfeld der Löwen auftauchte, ist indes nicht von der Hand zu weisen. Bereits im Jahr 2020 soll die Pacific Media Group laut Bloomberg an Hasan Ismaik herangetreten sein, um dessen Anteil an der TSV 1860 München KGaA zu erwerben. Auch in der jüngeren Vergangenheit suchte die PMG die Nähe der Löwen – und da kommt wieder Max Kothny ins Spiel, der mittlerweile bei der Investorengruppe angestellt ist. Hat die HAM die Kooperation mit der PMG und Kothny mittlerweile intensiviert?
Nochmalige Kontaktaufnahme durch Maurizio Jacobacci
Unabhängig von der Personalie Kothny haben diverse Spielerberater unabhängig voneinander davon berichtet, dass ihre Mandanten bedrängt worden seien, ihre bisherigen Agenturen zu verlassen und zu anderen Beratern wechseln, damit ein Transfer zu den Löwen möglich wäre. Dass dieses Vorgehen für Irritationen sorgte, verwundert nicht. So sollen mindestens drei geplante Transfers nicht zustande gekommen sein, da die betroffenen Spieler sich weigerten, dieser Forderung nachzukommen. Die Spieler unterschrieben stattdessen bei anderen Drittliga-Vereinen.
Zudem berichteten die Spielerberater, dass ihre Mandanten nach der offiziellen Kontaktaufnahme über den Berater im Nachgang persönlich von Trainer Maurizio Jacobacci angerufen worden seien. Laut Aussage der betroffenen Spieler gegenüber ihren Beratern soll Jacobacci in diesen Gesprächen des Öfteren fachlich unvorbereitet gewirkt haben.
Unwürdiges Transfergebaren
In einem konkreten Fall soll Jacobacci nach der Erstkontaktaufnahme nicht persönlich aktiv, sondern durch einen Mann vertreten worden sein, der sich als Berater des Trainers ausgab. Dieser soll den Spieler unter Druck gesetzt haben und ihm einen sehr engen Zeitrahmen für seine Zusage gesetzt haben. Zudem soll auch hier verlangt worden sein, dass der Spieler seine bisherige Agentur zu verlassen habe. Das Perfide daran war, dass dem Spieler zudem die neue Agentur nahegelegt worden sein soll, um einen Deal möglich zu machen. Dass solch ein Vorgehen für die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA bezüglich ihres Rufs und hinsichtlich zukünftiger Transfers nicht gerade zuträglich sein dürfte, liegt auf der Hand.
Wer aber ist dieser Berater? sechzger.de liegt der Name des Funktionärs vor, aus juristischen Gründen verzichten wir jedoch auf dessen Nennung. Nur so viel: Im deutschen Profifußball ist die Person nicht gänzlich unbekannt und wurde im Nachgang der Insolvenz eines Fußballvereines zu einer Haftstrafe verurteilt.
Der Fall Leroy Kwadwo
Neben dieser personellen Ungereimtheiten bei nicht zustande gekommen Verpflichtungen sollte man aufgrund der vorher geschilderten Praktiken jedoch auch einen Blick auf die tatsächlich getätigten Transfers werfen. So ist beispielsweise bei Leroy Kwadwo auffällig, dass dieser zum Zeitpunkt der Vertragsunterschrift bei der Agentur Roy Sports – Agent Service geführt wurde.
Das Besondere daran? Kwadwo war der einzige Spieler bei dieser Agentur, die erst zwei Wochen zuvor erstmals als solche gelistet wurde. Inzwischen wurde sie wieder aufgelöst, der Spieler Leroy Kwadwo steht mittlerweile bei der Agentur Coresport unter Vertrag. Was steckt dahinter? Ist das nur ein Zufall?
Ungereimtheiten beim Zwarts-Transfer?
Auch der Transfer von Stürmer Joël Zwarts muss diesbezüglich unter Umständen differenziert betrachtet werden. Stand Zwarts bei seinem Wechsel nach Regensburg noch bei der Agentur LAFOR unter Vertrag und wurde vom ehemaligen niederländischen Nationalspieler Regi Blinker vertreten, so fungierte beim Transfer zum TSV 1860 die Agentur GSA als Berater. Eine Anfrage durch sechzger.de bei Regi Blinker zu den Umständen dieses Wechsels blieb bislang leider unbeantwortet. Etwas überraschend ist Zwarts der einzige Spieler im Portfolio der Agentur. Bei der Klasse des Spielers ein durchaus erstaunlicher Fakt, oder?
Und es wird noch mysteriöser: Eine kurze Recherche ergibt, dass die GSA (Goal-Sports Agency) zwei unterschiedliche Adressen ausweist, die allerdings ebenfalls mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. Eine Adresse gehört zu einem normalen Wohnhaus in Gorinchem (Niederlande), die zweite genannte Adresse liegt in einem Industriegebiet in Leuven/Vuren (Niederlande), auf dem laut Google Maps eine Spedition beheimatet ist. Welche Schlüsse muss man daraus hinsichtlich der Seriosität der Agentur ziehen?
Bei transfermarkt.de wird als Ablösesumme eine Summe von 150.000 Euro genannt. Eine weitere halbwegs seriöse Quelle, die einen Betrag nennt, sucht man im Internet vergebens. Beinhaltet der Zwarts-Deal Klauseln? Würde beispielsweise ein zusätzlicher Betrag fällig, wenn Zwarts gegen seinen Ex-Verein Jahn Regensburg aufläuft?
Kritik an Marc-Nicolai Pfeifer?
Festzuhalten bleibt also neben der derzeitigen sportlichen Misere, dass die Verantwortlichen im abgelaufenen Transferfenster auch auf anderer Ebene alles andere als geglänzt haben. War Geschäftsführer Marc-Nicolai Pfeifer, der von der Öffentlichkeit zumeist positiv wahrgenommen wird, mit den zusätzlichen, den Sport betreffenden Herausforderung nach dem Weggang von Günther Gorenzel überfordert?
Im Interview mit dem Wochenanzeiger bestätigte Präsident Robert Reisinger, er habe das Vorgehen bei der Suche nach einem neuen sportlichen Leiter als “Verzögerungstaktik” empfunden. Zum Einen soll Pfeifer vorgeschlagene namhafte und erfahrene Kandidaten aufgrund angeblich fehlender Kompetenzen gar nicht erst in Erwägung gezogen haben. Zum Anderen soll es der Geschäftsführer Finanzen versäumt haben, den bekannten und gewillten Kandidaten Horst Heldt beim Aufsichtsrat zur Diskussion vorzuschlagen. Eine deutliche Kritik an Marc-Nicolai Pfeifer ist dabei nicht zu überhören.
Aufgrund der Erfahrungen aus der abgelaufenen Transferperiode sollte es nicht verwundern, wenn die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA bald wieder einen Geschäftsführer Sport einstellen würde – notfalls per 50+1…