Herzlich willkommen zur Taktiktafelanalyse des Spiels unseres TSV 1860 München beim FC Ingolstadt 04. Am Ende steht eine verdiente Niederlage, die sich vor allem der Trainer ankreiden lassen muss. Wer in dieser Position die Leistungsfähigkeit einiger Spieler falsch einsetzt, muss sich dieser Kritik stellen.
FC Ingolstadt – TSV 1860 Endergebnis 2:1 für die Hausherren. Diese spielten in der ersten Halbzeit stark ersatzgeschwächt mit einer “Notelf”, die Trainer Köllner im 4-3-3 (4-3-1-2) aufs Feld brachte. Die Löwen wurden von Maurizio Jacobacci im 4-2-3-1 ins Rennen geschickt.
Die Ingolstädter versuchten zunächst über eine ballbesitzdominante Herangehensweise das Spiel zu bestimmen. Nahezu 70 Prozent Ballbesitz in der ersten Viertelstunde für die Gastgeber steht auf dem Papier. Da konnten die Schanzer sich allerdings keine nennenswerten Offensivaktionen herausspielen. Es schien also zunächst alles ganz gut zu klappen. Der Schein trügt allerdings.
Maurizio Jacobacci schickte die Münchner im 4-2-3-1 aufs Feld. Nach vorne verschob der TSV 1860 über Starke in der Rolle des Box to Box Spielers und Kaan Kurt, der auf der linken Seite aus der Abwehrkette ins Mittelfeld nach vorne pendelte im Aufbau im Positionsspiel auf ein asymmetrisches 4-1-4-1. Im letzten Drittel entstand mit auf dem ballnahen Flügel nach vorne aufrückenden und ballfern auf die Halbpositionen einrückenden Spielern in den vordersten Reihen zwei Ketten aus je drei Spielern, die sich versetzt zueinander formierten.
Da die Herangehensweise der Schanzer in der ersten Halbzeit nicht fruchtete, änderte Michael Köllner in der zweiten Halbzeit das System und brachte so die Sechzger komplett aus dem Konzept.
Das 4-4-2 flach, das der FCI im zweiten Durchgang auf den Platz brachte, verschob sich im eigenen Aufbau zunächst auf ein 4-4-2 Raute mit weit vorgeschobenen Außenverteidigern, sodass im letzten Drittel vor dem Kasten der Löwen ein 2-4-4 bei Ingolstadt zu sehen war. Das barg viel Risiko für die Schanzer. Die Sechzger konnten die dünne Restverteidigung nach Ballgewinnen nicht mit schnellen Aktionen aus dem Konzept bringen, sodass im zweiten Durchgang Ingolstadt klar den Hut aufhatte und Sechzig kaum gute Aktionen setzen konnte.
Vor der genauen Analyse wie immer die statistischen Werte der Partie:
Statistische Werte FC Ingolstadt – TSV 1860
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- Ballbesitz: TSV 1860 52% – FCI 48%
- Passgenauigkeit: TSV 1860 73% – FCI 78%
- Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 64% – FCI 58%
- Schüsse/aufs Tor TSV 1860: 12/3 – FCI 17/9
- PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 10,52 – FCI 6,05
Analyse der statistischen Werte
Ballbesitz (52%:48%)
Ein prinzipiell über die komplette Spielzeit nahezu gleichmäßig verteilter Ballbesitz für die Mannschaften ist, wenn man die Phasen des Spiels getrennt voneinander betrachtet, eher zum Vorteil der Hausherren zu bewerten. Warum ist das so?
Nach der taktischen Umstellung, die Michael Köllner zur Halbzeit vollzogen hatte, bekam Ingolstadt klare Vorteile im Mittelfeld. Die Auswechslung von Stürmer Beleme, der für Kanuric wich, brachte Ingolstadt mehr Varianten im Aufbau. So konnten die Schanzer den Ball gut laufen lassen und mit der so entstehenden personellen Überlegenheit die Sechzger immer wieder vor schwierige Aufgaben stellen.
Bis zum 2:1 für Ingolstadt hatte der FCI in der zweiten Spielhälfte klar mehr Ballbesitz, mehr Ideen, besseren Zugriff auf den Gegner und offensichtlich auch den größeren Willen, das Spiel zu gewinnen. Man muss allerdings auch sagen, dass die Löwen mit der Einwechslung von Rieder für Frey – und das ist nun keine Kritik an dem Spieler, der sieben Monate lang verletzungsbedingt kein Pflichtspiel bestreiten konnte – derart geschwächt wurden, dass die gesamte Struktur in der Defensive verloren ging. Jacobacci sagte nach dem Spiel, er nahm Frey herunter, um nicht zehn gegen elf spielen zu müssen, da Frey sich am Rande des Platzverweises befand. Hinsichtlich dessen, was Rieder zu leisten fähig war, sehe ich nicht unbedingt einen Unterschied zwischen dem, was die Einwechslung brachte und einem Spiel in Unterzahl.
Passgenauigkeit (73%:78%)
Die Passgenauigkeit bzw. die Passungenauigkeit der Sechzger hat vor allem den Hintergrund, dass Spieler nicht schnell genug die freien Räume besetzen. Es fehlt also entweder der Wille zu laufen, das Verständnis, wohin gelaufen werden muss, oder die Fitness. Untersuchen wir beide Halbzeiten getrennt voneinander, sehen wir, dass es eine Mischung aus den ersten beiden Faktoren sein muss.
In Halbzeit eins und Halbzeit zwei sind die Passquoten nahezu identisch. Lediglich 1,1 Prozentpunkte trennen die Quoten der angekommenen Pässe. Auch die Arten der gespielten Pässe (Vorwärts-, Quer- oder Rückpässe) unterscheiden sich nur minimal in ihrer jeweiligen Anzahl.
Wann man als Spieler wohin losläuft, sollte eigentlich im Training einstudiert werden, wenn man Spielzüge in dafür vorgesehenen Übungsformen trainiert. Dass natürlich nicht jeder Vorwärtspass ankommen kann, ist auch logisch. Es steht ja schließlich ein Gegner auf dem Platz, der die Ankunft des Balles beim angespielten Adressaten verhindern möchte. Dass aber nur knapp über 60% der Vorwärtspässe beim Adressaten ankamen, ist ein deutliches Indiz dafür, dass den Spielern das Timing fehlt. Und zwar sowohl beim Loslaufen in den freien Raum, als auch dabei, wann jemand die Kugel wohin weiterleitet.
60% Erfolgsquote bei Vorwärtspässen ist im letzten Drittel vielleicht noch akzeptabel, weil dort der Verkehr zunimmt und mehr gegnerische Spieler auf engerem Raum gegen den Ball arbeiten können. Auf der gesamten Spielfläche ist das indiskutabel.
Defensive Zweikampfquote (64%:58%)
Bei nahezu ausgeglichenem Ballbesitz führte der FC Ingolstadt knapp über 22% mehr Zweikämpfe als der TSV 1860 München in Abhängigkeit der geführten Defensivzweikämpfe der Löwen. Und schon sieht die Zweikampfbilanz der Sechzger nicht mehr ganz so rosig aus. Einen Zweikampf, den ich nicht führe, kann ich nicht gewinnen.
Des Weiteren konnten die Schanzer knapp 16% mehr Bälle abfangen als die Sechzger. Dies verschiebt die Schieflage gegen den Ball noch weiter zugunsten der Ingolstädter. Obwohl die Zweikampfbilanz relativ gesehen eigentlich eher für die Löwen spricht sieht es bei den nackten Zahlen gegenteilig aus.
Bei den Kopfballduellen sehen wir ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis der Teams, sodass die nicht ins Gewicht fallen, wenn wir hier über die Zahlen gegen den Ball sprechen, könnte man denken. Weit gefehlt! Sieht man sich an, wer wo die Zweikämpfe um die hohen Bälle gewann, fällt sofort ins Auge, dass die Gastgeber mit 75% mehr gewonnen Kopfbällen im gegnerischen Strafraum (Verhältnis 1:4) deutlich die Nase vorn hatte, geht es nur um gewonnene Kopfbälle und nicht um die Bilanz insgesamt. Auch die Tatsache, dass im Strafraum der Sechzger insgesamt mehr hohe Bälle zu verteidigen waren, ist ein Fakt, den man nicht unterschlagen sollte.
Zwölf hohe Bälle in den eigenen Strafraum die per Kopfball verteidigt werden mussten hatten die Sechzger hinzunehmen. Ingolstadt musste derer lediglich zwei verteidigen.
Schüsse/Tor (12/3:17/9)
Die Schanzer hatten mehr Schüsse mit einer höheren Schussgenauigkeit und am Ende auch mit dem besseren Ergebnis an ins Ziel gebrachten Schüssen. Ohne Marco Hiller im Kasten, der bei drei Schüssen der Ingolstädter mit Reflexparaden die Sechzger vor einer höheren Niederlage bewahrte, sehen wir ein absolutes Debakel gegen eine Mannschaft, die langsam in Tritt kommt und, wenn sie sich weiter so entwickelt, mit dem Abstieg sicher nichts zu tun haben wird.
Einer Schussgenauigkeit von 53% beim FC Ingolstadt steht eine von 25% beim TSV 1860 München entgegen. Zusätzlich wurden weniger Schüsse abgegeben, von denen 50% nicht innerhalb des Strafraums abgefeuert wurden. Die Entwicklung geht hier klar in die verkehrte Richtung. Nur zwei der Schüsse, die der TSV 1860 München absetzte, kamen aus zentralen Positionen im Strafraum, sechs von außerhalb. Von den Schüssen im Strafraum ging lediglich der von Guttau zum 1:0 auf den Kasten der Schanzer. Alle anderen Schüsse der Sechzger wurden entweder geblockt (Vrenezi, 4. Minute) oder sie waren ungefährlich.
PPDA (10,52:6,05)
Die zahlen müssen wir hier auch wieder nach Phasen aufschlüsseln – und natürlich nach der Herangehensweise im Pressing. Während der FC Ingolstadt mit dem Plan des direkten Ballgewinns hoch und aggressiv auf den ballführenden Aufbauspieler draufging und so die Löwen immer wieder zu schnellem Passspiel oder langen Bällen zwang, presste der TSV 1860 wieder einmal im Raum mit nur einem Spieler in der vordersten Linie, der sporadisch aus der zweiten Reihe unterstützt wurde.
Wirklich gebracht hat nur die Herangehensweise des FCI etwas, denn der Aufbau beim TSV 1860 München funktionierte eigentlich nur nach dem Treffer zum 1:0 bis zur Halbzeit gut. Die erste Viertelstunde waren die Ingolstädter ohne Effizienz dominant im Ballbesitz. In guten Phasen schafften es die Ingolstädter, die Sechzger bei unter vier Pässen pro Defensivaktion zu halten. Lediglich nach den ersten 15 Minuten bis zum Treffer zum 1:0 und gegen Ende der Partie, als nach dem Treffer zum 2:1 Sechzig klar unter Zugzwang war und Ingolstadt deshalb nicht mehr den Aufbau der Löwen störte, kam der TSV 1860 München zu mehr Platz in den pressingrelevanten Zonen und der Pressingindex der Ingolstädter stieg auf über 8.
Die Tore
Hier könnt ihr Euch die Tore noch einmal ansehen.
Das 1:0 für die Löwen fiel nach einer einstudierten Freistoßvariante, die gut funktionierte.
Der Ausgleich war einem Blackout von Rieder geschuldet, der meiner Meinung nach nicht hätte eingewechselt werden dürfen, wenn man bedenkt, dass er über ein halbes Jahr keine Wettkampfpraxis sammeln konnte. Einen so lange verletzten Spieler derart ins kalte Wasser zu werfen, ist grob fahrlässig, da mit Tarnat und Kloss zwei weitere defensive Mittelfeldspieler auf der Bank saßen.
Das dritte Tor der Partie fiel nach einer schlecht verteidigten Ecke, wobei Kopacz völlig frei zum Schuss kommt. Dieser wird auch noch abgefälscht und schlägt hinter Hiller im Kasten der Löwen ein.
Das fiel auf
Offensiv
In der Offensive tat sich Vrenezi wieder durch falsche Entscheidungen in wichtigen Situationen als eigensinnigster Spieler der Mannschaft von Maurizio Jacobacci hervor. In Minute vier z.B. als er selbst abschloss anstatt den besser positionierten Zejnullahu anzuspielen, oder auch in der 35. Minute als er lieber versuchte, sich gegen zwei Gegenspieler durchzusetzen, was natürlich nicht von Erfolg gekrönt war, als wiederum die bessere Möglichkeit zu wählen und den Ball zu Zejnullahu, der freie Bahn nach innen gehabt hätte, abzugeben. Mit einer Passgenauigkeit von lediglich 60% und fünf verlorenen Offensivduellen in der eigenen Hälfte hat er sich in diesen Kategorien auch nicht mit Ruhm bekleckert. Lediglich zwei seiner zehn Flanken kamen beim Adressaten an.
Wieso das Zentrum im gegnerischen Strafraum nicht besetzt wird, wenn Zwarts als Zielspieler mit einem langen Pass gefüttert wurde, muss man mir auch erklären. Da er dann oft auf den Flügel ausweichen muss, müssen Spieler aus der zweiten Reihe nachrücken. Das ist auch ein Fehler, der nicht nur einmal zu sehen war. Als Beispiel hierfür können wir eine Aktion in der 32. Minute heranziehen: Zwarts setzt sich gut auf der linken Seite der Box durch, aber kein Spieler aus der Reihe dahinter rückt auf, um die Flanke zu verwerten. Einen Mannschaftskameraden so in der Luft hängen zu lassen, dass man ihm die Enttäuschung nach der Aktion über seine nicht laufwilligen Mannschaftskameraden im Gesicht ablesen kann, ist ein Unding.
Defensiv
Festzuhalten ist die generelle Weigerung fast der gesamten Mannschaft, das direkte Duell gegen den Ball zu suchen. Bei ausgeglichenem Ballbesitz, wie weiter oben schon beschrieben, 22% weniger defensive Zweikämpfe zu führen ist kein Ansatz der einen in dieser Liga weiterbringt. Nehmen wir die Defensivspieler aus dieser Gleichung einmal heraus, ist es frappierend, was da nicht getan wird. Hier muss man Vrenezi Tatsächlich auch einmal lobend erwähnen. Er war der Spieler mit den meisten defensiven Zweikämpfen im gesamten Team.
Zwarts im Pressing oft alleine zu lassen, verstehe ich auch nicht.
In Pressingsituationen und beim Gegenpressing nach Ballgewinn der gegnerischen Mannschaft sticht es ins Auge, dass die Spieler zu weit weg vom Mann stehen und Duelle nichteinmal suchen.
Taktisch
Rieder nach der Halbzeitpause ins kalte Wasser zu werfen war – vorsichtig ausgedrückt – keine Meisterleistung. Vor allem Tarnat, der sich bisher als der beste Sechser im Kader der Löwen hervorgetan hatte, zuerst nicht für die Startelf zu berücksichtigen und dann Tim Rieder ohne Spielpraxis in eine Mannschaft zu bringen, die nach drei Niederlagen in Folge eh schon verunsichert war, war der Gipfel des Vercoachens.
Für die danach getroffenen Entscheidung, bis zum Führungstreffer der Gastgeber weiter nichts zu unternehmen, um die deutlich schwimmende Elf zu wieder zu stärken, und am Ende mit Lakenmacher, Bonga und Sulejmani für Kurt, Starke und Zwarts den späten, erfolglosen Rettungsversuch zu starten, fehlt mir auch jedwedes Verständnis.
Fazit
Was will man nach dem Spiel FC Ingolstadt 04 – TSV 1860 München noch großartig für ein Fazit ziehen?
Für mich ist klar, wer an dieser Leistung die Schuld trägt. Die kurze Phase in der ersten Halbzeit, als man das Spiel im Griff hatte, darf nicht über die Probleme hinwegtäuschen. Manche Entscheidungen, die getroffen wurden, ließen diese erst entstehen. Das geht bei der Startaufstellung los, zieht sich über fehlerhafte Wechsel und unverständliche taktische Vorgaben im Spiel hin. Es endet damit, dass man es nicht hinbekommt, den Plan gegen den Ball zu ändern, wenn der Gegner taktische Umstellungen vornimmt.
Warum Vrenezi immer noch einen Stammplatz hat, verstehe ich auch nicht. Auch wenn er sich gegen den Ball vorbildlich zeigt, mit Ball regiert bei ihm der Eigensinn. Wenn ein Zehner nicht an seinen mannschaftsdienlichen Offensivaktionen gemessen werden kann, woran denn bitte dann? Von dieser Art Aktionen sehe ich in Schlüsselmomenten von ihm nur wenige. Es ist unbestritten, dass er ein toller Techniker ist. Aber mit dieser eigensinnigen Einstellung hat er in der Startelf nichts verloren. Vergangene Saison war es Boyamba, den er mit großer Regelmäßigkeit nicht angespielt hat, obwohl der besser positioniert war. Diese Saison leiden Zejnullahu und Zwarts unter seinem Eigensinn.
Die Verantwortlichen sind nun aufgefordert zu handeln. Dieses Spiel muss die letzte Warnung gewesen sein. So darf es nicht weitergehen. Schmerzhafte Entscheidungen müssen getroffen werden.
Datenquelle: Wyscout