Herzlich Willkommen zur Taktiktafelanalyse des Spiels TSV 1860 München – VFL Osnabrück. Am Ende steht ein hochverdienter 3:0 Sieg für die Löwen zu Buche.
TSV 1860 – VFL Osnabrück war eine taktisch defensive Meisterleistung der Löwen. Die Lila-Weißen aus Niedersachsen fanden in keiner Phase des Spiels ein Mittel gegen das sensationelle Stellungsspiel des TSV 1860 München.
Die erwartungsgemäß im 4-3-3 auflaufenden Osnabrücker mussten auf drei Stammspieler verzichten. Das veranlasste Tobias Schweinsteiger aber mitnichten dazu auch möglicherweise System oder taktische Herangehensweise zu verändern.
Demzufolge konnten Maurizio Jacobaccis Löwen die wieder im 4-2-3-1 auf dem Geläuf standen von Beginn an ihren Plan umsetzen: Aus einem kompakten, engen Mittelfeld heraus über Umschaltmomente und Konterangriffe Nadelstiche in Richtung Osnabrücker Gehäuse setzen.
Mit hoch angelegter Defensivlinie und Pressinglinie auf mittlerem bis tiefem Niveau nahmen die Sechzger den Osnabrückern jeden Raum um das technisch hochwertige Offensivspiel effektiv auf den Platz zu bringen.
Osnabrück wie immer hoch anlaufend und fand in keiner Phase des Spiels wirklich entscheidenden Zugriff.
Vor der genauen Analyse, wie immer die wichtigsten statistischen Werte der Partie
Statistische Werte des Spiels TSV 1860 – VFL Osnabrück
- Ballbesitz TSV 1860 42% – VFL Osnabrück 58%
- Passgenauigkeit TSV 1860 78% – VFL Osnabrück 87%
- defensive Zweikampfquote TSV 1860 68% – VFL Osnabrück 62%
- Schüsse/aufs Tor TSV 1860 12/5 – VFL Osnabrück 5/1
- PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion) TSV 1860 22,24 – VFL Osnabrück 7,05
Analyse der statistischen Werte
Ballbesitz
Mit sechzehn Prozent mehr Spielanteilen sieht es natürlich direkt wieder so aus als hätte der VFL Osnabrück das Spiel bestimmt. Das war allerdings beileibe nicht so. Ideenlosigkeit und ratloses Ballgeschiebe innerhalb der eigenen Defensivreihe war bei Osnabrück tonangebend. Der VFL Osnabrück fand keine Lösungen um die eigenen Offensivspieler im Mittelfeld in Szene zu setzen.
Ballgeschiebe in der weitestgehend unbehelligten Defensivreihe, dafür zugestellte Passwege im Mittelfeld ergab am Ende zwar deutlich mehr Ballbesitz für den VFL aber auch die Erkenntnis, für alle Zuseher, dass man ein Spiel durch eine kompakte Defensivleistung diktieren kann. Um das genauer aufzulösen brauchen wir den Blick auf die Passgenauigkeit der beiden Teams.
Passgenauigkeit
Die Gäste beeindrucken auf den ersten Blick natürlich mit einer Passgenauigkeit von 87%. Insgesamt spielten die Osnabrücker 495 Pässe im Spiel am Samstag. Mit Blick auf den von den Sechzgern zugelassenen Durchschnittswert an gegnerischen Pässen diese Saison ist das ein beeindruckender Wert für die Niedersachsen. Mit genauerem Blick darauf wieviele Pässe in welchen Zonen gespielt wurden relativiert sich das so, dass die Ideenlosigkeit der Osnabrücker deutlich zu Tage tritt.
Die Anzahl der Pässe innerhalb der Defensivabteilung einschließlich des defensiven Mittelfelds summiert sich auf 172. Das bedeutet 35% aller von Osnabrück gespielten Pässe hatten keinerlei Mehrwert für den Spielaufbau.
Diese Pässe waren lediglich dazu geeignet selbst Ballkontrolle zu behalten. Allein die die beiden Innenverteidiger spielten sich das Spielgerät 60 mal gegenseitig zu. Es folgt anzahlsmäßig die Kombination zwischen Tohüter Kühn und den beiden Innenverteidigern.
Die Tatsache, dass jeder Rückpass innerhalb der Defensive im Normalfall auch wieder einen Vorwärtspass (aus dem kein wirklicher Raumgewinn resultiert) zur Folge hat habe ich ja schon öfter erwähnt. Ebenso die dort normalerweise hohe Passgenauigkeit.
Rechnen wir diese unproduktiven Pässe aus der Gesamtleistung des Passspiels des VFL Osnabrück heraus, sehen die Werte deutlich anders aus. Dann liegt die Passgenauigkeit deutlich tiefer als die Statistik es suggeriert. Am Ende landen wir hier in einem normalen Maß, dass zu einer Mannschaft die sich im vorderen Tabellendrittel der dritten Liga befindet passt.
Bei den Sechzgern lag was die Passgenauigkeit anbelangt alles im normalen Bereich für den TSV 1860.
Dadurch, dass man hauptsächlich über Umschaltmomente agierte, waren die Pässe ins letzte Drittel des Gegners allerdings etwas ungenauer als man es gewohnt ist. Sicherheitspässe in der eigenen Defensivabteilung spielten keine erwähnenswerte Rolle.
Defensive Zweikampfquote
In der eigenen Defensivzone verloren die Spieler des TSV 1860 München lediglich zwölf direkte Zweikämpfe Mann gegen Mann und nur einen einzigen im eigenen Strafraum. Es wurden nach Standardsituationen allerdings drei Kopfballduelle in der Box verloren.
Die Sechzger ließen somit zusätzlich zu den Momenten als man im eigenen Strafraum nicht in den direkten Zweikampf fand von den oben aufgeführten fünf Schüssen der Niedersachsen zwei in der eigenen Box zu.
Die Defensivspieler inklusive defensivem Mittelfeld des TSV 1860 München verloren insgesamt lediglich vierzehn defensive Zweikämpfe. Herausragend dabei war die komplette Viererkette. Mit einer Quote von 78% gewonnener Defensivzweikämpfe und nur zwei verlorenen Duellen in der Innenverteidigung beeindruckte dieser Mannschaftsteil mit hervorragender Arbeit in der Kernkompetenz seines Aufgabengebiets.
Osnabrück hielt in den Umschaltmomenten für die Löwen auch meist gut dagegen, allerdings bekam die Innenverteidigung Osnabrücks die schnellen Offensivspieler der Hausherren nach Steilpässen aus dem Mittelfeld selten unter Kontrolle.
Trotz geringerem Ballbesitz führte und gewann der TSV 1860 mehr Offensivduelle als der VFL Osnabrück. In Zahlen ausgedrückt haben die Sechzger gegenüber Osnabrückern fünf Duelle mehr geführt als die Niedersachsen und sechs mehr gewonnen.
Das zeigt sich am Ende im statistischen Wert der defensiven Zweikampfquote im Vergleich der beiden Teams. Die Sechzger liegen, obwohl sie mehr defensive Zweikampfsituationen zu bestehen hatten, beim relativen Wert des Erfolgs derselben, deutlich vor den Osnabrückern. Meistens zeigt sich hier eine indirekte Proportionalität. Nicht so im Fall des Spiels vom Samstag.
Die Sechzger hatten defensiv alles im Griff.
Schüsse/aufs Tor
All das was ich bisher in der Analyse der Statistischen werte erklärt habe führt letztendlich dazu, dass Schussstatistik deutlich zugunsten unserer Löwen ausfällt.
Hätten es die Osnabrücker nicht geschafft die Hälfte der Schüsse der Löwen zu blocken stünde bei den werten in der Tabelle nicht 12/5 sondern 12/11. Das wären, in relativen Zahlen ausgedrückt, rund 92% Schussgenauigkeit. Da geblockte Schüsse aber als nicht aufs Tor gehend gezählt werden, müssen wir uns mit 41% zufrieden geben. Das ist trotzdem ein guter Wert.
Ein einziger Schuss der Löwen war dergestalt, dass er ohne Abwehrmaßnahme eines Osnabrückers nicht das Tor getroffen hätte.
Osnabrück schaffte es lediglich sechsmal zu schießen. Nur zwei dieser Schüsse waren in Puncto Torgefahr erwähnenswert. Man muss allerdings gestehen, dass wenn Chatos Versuch nach einem von Bärmann per Kopf verlängerten Freistoß in der 13. Minute aufs Tor und nicht daneben geht, die Partie möglicherweise einen komplett anderen Verlauf nimmt.
Der TSV 1860 hätte dann den Matchplan ändern müssen und Osnabrück wäre das Team gewesen, dass auf Konterchancen hätte lauern können.
Diese Chance von Chato war, bis kurz vor Schluss, nach einem Freistoß von Simakalla (den Hiller nicht festhalten konnte) das einzig erwähnenswerte Ausrufezeichen der Osnabrücker im Spiel.
Aus den vielen Positionsangriffen und zwei Kontersituationen die Osnabrück sich erspielte, ergaben sich am Ende lediglich eine Torchance der keine Standardsituation vorausging.
Die Sechzger können mit acht Angriffen die mit einem oder mehreren Schüssen endeten aufwarten. Jeweils vier Konter und vier Positionsangriffe führten zu den Möglichkeiten des TSV aus dem Spiel heraus. Hinzu kommen weitere zwei Chancen aus offensiven Standards, von denen Verlaat einen schlecht abgewehrten Ball nach einem Freistoß für einen Treffer nutzen konnte.
PPDA
Die Löwen liefen die Osnabrücker auf mittlerer bis tiefer Linie an und schoben die Defensivlinie sehr weit nach vorn. Gegen dieses Mittel und die dadurch im Stellungsspiel der Löwen aufgestellten Pressingfallen hatte der VFL Osnabrück keine Antwort. Nach schier endlosen Ballstafetten in der eigenen Defensivabteilung folgte irgendwann der lange Ball des VFL den der TSV 1860 München meist problemlos eroberte.
Mit tiefer Pressinglinie und im Raum angelegtem Anlaufen, das hauptsächlich flache Pässe aus der Abwehr ins Mittelfeld verhindern soll ist eine PPDA von 22,24 nicht verwunderlich und auch keinesfalls verwerflich.
Die Defensivaktionen wurden hauptsächlich jenseits der pressingrelevanten Zonen geführt. Somit ist der theoretisch schlechte Wert bei der PPDA des TSV vernachlässigbar.
Die Osnabrücker haben tatsächlich einen Wert der etwas besser daherkommt als deren Saisondurchschnitt. Allerdings sagt die Anzahl der Aktionen nach wie vor nichts über deren Erfolg aus.
Und hier haben die Löwen dem VFL ein kleines Lehrstündchen erteilt wie man mit Laufarbeit präzisen Pässen und Einsatzwillen dem gegnerischen Forechecking ein Schnippchen schlagen kann. Die Spieler des VFL Osnabrück setzten zwar durchaus Aktionen gegen das Aufbauspiel des TSV 1860, konnten diese aber eher selten mit Erfolg krönen. Selbst wenn die Aktionen der Osnabrücker in den pressingrelevanten Zonen mit Erfolg durchgeführt werden konnten, war der Ball meist schneller wieder in den Reihen des TSV 1860 München als es dauert den Vereinsnamen der Niedersachsen auszusprechen.
Die Tore
Die Tore und weitere Highlights sind hier noch einmal zu betrachten.
Das entscheidende Tor am Samstag war das 1:0. Aufgrund dessen, dass es das Tor war das wirklich erarbeitet und nicht erspielt war, nehme ich dieses genauer unter die Lupe. Nach einem Einwurf für den TSV 1860 auf der rechten Seite auf Höhe der Mittellinie kommt Wörl in der rechten Halbposition in der Spielfeldhälfte des VFL Osnabrück an den Ball. Er spielt diagonal zu Steinhart an die Mittellinie links vom Mittelkreis zurück.
Daraufhin schlägt Steinhart einen tiefen Ball, für Bär gedacht, in die Box des VFL Osnabrück den Beermann per Kopf zu klären versucht. Lex erkämpft sich das Leder mit starkem Einsatz gegen Haas und spielt aus halbrechter Position an der Sechzehnerlinie quer zu Wörl der zentral am Sechzehner steht.
Wörl schickt Boyamba mit einem Diagonalpass in die Box auf die halblinke Seite auf die Reise. Boyamba kommt auf Höhe des linken Pfosten etwa sieben Meter vor dem Tor an die Kugel geht noch einen weiteren Schritt und lupft das Spielgerät über den chancenlosen Keeper Kühn hinweg ins lange Eck.
Lex Einsatz unter allen Umständen den zweiten Ball zu erkämpfen und weiterzuleiten, Wörls Übersicht und Boyambas Kaltschnäuzigkeit in dieser Situation waren die entscheidenden Momente während des Angriffs.
Ebenfalls erwähnenswert, wie beim entscheidenden Treffer in Ingolstadt vergehen nach dem Einwurf für den TSV 1860 keine fünfzehn Sekunden bis zum Abschluss.
Das fiel auf
Die unfassbare Kompaktheit im engmaschigen Mittelfeld des TSV 1860 München, gegen die der VFL Osnabrück kein Mittel fand war beeindruckend.
Nur Standards konnten für echte Gefahr vor dem Löwentor sorgen.
Wie die Spieler in weiß blau sich gegenseitig immer wieder pushen und für ihre Kollegen nach deren Fehlern in die Bresche springen zeigt deutlich wie sich der Mannschaftsgeist in den letzten Wochen zum Besseren gewandelt hat.
Youngster Wörl glänzt mit einem direkten und einem sogenannten “second Assist” vor den ersten beiden Toren, den zweitmeisten abgefangenen Bällen im Spiel und dem Mut auch nach verlorenen Offensivduellen sich davon nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.
Der Gegner aus Niedersachsen hatte in keiner Phase wirklich Zugriff aufs Spiel. Ich kann Schweinsteigers Aussagen aus der Pressekonferenz absolut nicht nachvollziehen. Die Ratlosigkeit im Aufbauspiel war dem VFL Osnabrück im Spiel gegen den TSV 1860 geradezu anzusehen. Auf ein eng gestaffeltes, kämpferisch eingestelltes Mittelfeld mit hoher Defensivlinie war kein Spieler der Gäste vorbereitet.
Das Stellungsspiel der Löwen in den Defensivzonen war exzellent.
Einziges Manko im Spiel des TSV 1860 München war am Samstag eine leichte Unterlegenheit bei Kopfballduellen nach Standards in der eigenen Box.
Holzhauser zeigte nach seiner Einwechslung wieder einmal, dass er ein klasse Techniker ist. Wenn seine Mitspieler nur die Hälfte seiner Zuspiele in den elf Minuten die er auf dem Platz stand verwerten können, geht Osnabrück komplett unter und das nicht unverdient.
Wirklich schade war, dass der ehemaliger Löwenspieler Noel Niemann sich durch ein unnötigen Frustfoul negativ präsentieren musste.
Fazit
Der Sieg für die Mannschaft des TSV 1860 München gegen den VFL Osnabrück war wie schon erwähnt hochverdient und ein taktisches Kabinettstückchen des Trainers mit dem beim Gegner offensichtlich keiner gerechnet hat. Es wäre sonst das Spiel der Osnabrücker nicht so dermaßen von Rat- und Ideenlosigkeit geprägt gewesen wie wir es am Samstag im Sechzgerstadion erleben durften.
Achtung Phrase: Der Gegner ist immer nur so gut wie man es selbst zulässt. Und zugelassen haben die Löwen aus dem Spiel heraus genau einen einzigen Schuss. Der Rest dessen was Osnabrück am Tor vorbeischoss war Standards geschuldet und nur zweimal gefährlich zu nennen.
Wer immer noch nicht erkannt hat, dass der Trainerwechsel sportliche Gründe hatte, dem ist nicht mehr zu helfen und er sollte vielleicht die Sportart wechseln.
Die taktische Varianz die die Mannschaft nun auf den Platz bringt bei der man sich defensiv dem anpasst was man vom Gegner erwartet und auch defensiv ein gewisses Risiko eingeht gefällt mir gut. Unter Köllner hat/hätte es das nie gegeben, dass die Defensivlinie auf maximaler Höhe agiert während die Pressinglinie tief steht.
Am Samstag in Wiesbaden hat der TSV 1860 wieder einen Gegner aus dem vorderen Tabellendrittel vor der Brust. Mit drei Siegen aus den letzten vier Spielen geht es mit breiter Brust in die hessische Landeshauptstadt.
Datenquelle: Wyscout