Herzlich Willkommen zur Taktiktafel-Analyse des Auswärtsspiels unseres TSV 1860 München beim SV Meppen in der Hänsch-Arena.
Rico Schmitt, Coach der Emsländer, ließ sein Team wie erwartet im 4-2-3-1 auf die Löwen los. Bei den Gastgebern, die mit asymmetrisch pendelnden Außenverteidigern spielten und Bähre als Box-to-Box Spieler einsetzten, verschob sich das System bei eigenem Ballbesitz zunächst zu einem 4-1-4-1, bei dem einer der Außenverteidiger mit ins Mittelfeld vorrückte und im letzten Drittel auf 3-4-3, wobei entweder ein Mittelfeldaußen (meist der Ballferne) oder Regisseur Tankulic mit ins Sturmzentrum ging und der andere Mittelfeldaußen auf seinem Flügel blieb, aber auf die Angriffslinie vorschob, um Flanken zu generieren. Die Pressinglinie wurde von Schmitt nicht in allervorderster Front aufgeboten. Die Defensivlinie setzte der SV Meppen gegen den TSV 1860 auf halben Weg zwischen Mittellinie und eigenem Sechzehner an.
Die Sechzger traten wieder im 3-5-2 (gegen den Ball 5-3-2) an. Sie spielten abwartend und auf Konter lauernd, mit mittig in der gegnerischen Hälfte angelegter Pressing- und tiefer Defensivlinie. Bei Ballgewinn war wie in den Spielen zuvor schnelles vertikales Spiel angedacht. Im Positionsspiel entstand im letzten Drittel vor dem gegnerischen Tor durch den vorrückenden, als Schattenstürmer agierenden Richy Neudecker ein 3-4-3 (3-4-1-2).
Die wichtigsten statistischen Werte der Partie
- Ballbesitz: TSV 1860 34%, SV Meppen 66%
- Passgenauigkeit: TSV 1860 64%, SV Meppen 82%
- Defensive Zweikampfquote: TSV 1860 70%, SV Meppen 46%
- Schüsse/aufs Tor: TSV 1860 14/6, SV Meppen 17/9
- PPDA (zugelassene Pässe pro Defensivaktion): TSV 1860 20,95; SV Meppen 5,18
Blick auf die statistischen Werte
Glück haben wir gehabt, dass bei der Schussgenauigkeit der Meppener (53%) nur ein Gegentreffer aus Sicht der Löwen gefallen ist. Neun Schüsse der Meppener gingen aufs Tor, einer hinein. Sieben dieser Schüsse zwangen Hiller zu Reflexparaden. Nur ein Schuss, der aufs Tor ging, war ein sogenannter “dankbarer” Ball, den man quasi mit der Mütze hält. Vier weitere Schüsse wären aufs Tor gegangen, wenn sie nicht von einem Abwehrspieler geblockt worden wären. Dreimal traf Meppen das Gebälk des Kastens. Nur ein Schuss ging also wirklich am Tor vorbei bzw. in dem Fall drüber. Schaut man sich die Verteilung an, wo die Schüsse abgefeuert wurden, sieht man: Fünf der Schüsse, die aufs Tor (unter anderem der, der dann im Kasten einschlug) gingen, kamen aus mehr oder weniger zentraler Position in der Box oder davor.
Das Verhältnis Schüsse zu Schüsse aufs Tor ist beim TSV 1860 München statistisch gesehen noch das Beste an diesem Nachmittag gewesen. Aber Erik Domaschke im Tor des SV Meppen wurde von den Löwen nur zu vier Reflexparaden gezwungen. Das war auch deshalb der Fall, weil sich die Schusspositionen bei Schüssen, die auch aufs Tor gingen, nur zweimal in zentraler Position zu finden waren. Dieses Problem habe ich bei vielen der Spiele in der Hinrunde auch schon kritisiert. Das wurde im Verlauf der Zeit besser, am Samstag fiel das Team dann in diesem Punkt wieder ab.
Die Zweikampfquote von 70% gewonnener Zweikämpfe beim TSV 1860 München ist einerseits ein absoluter Lichtblick. Drittbester Saisonwert. Wo Licht ist, ist bekanntlich aber auch Schatten. 42 der insgesamt gewonnenen 53 Defensivduelle fanden in der eigenen Hälfte statt. Von den 76 im Spiel geführten Zweikämpfen fanden darüber hinaus nur 17 in der gegnerischen Spielfeldhälfte statt. 78% der Zweikämpfe gegen den Ball wurden von den Löwen also in der eigenen Hälfte geführt. Das ist zu viel. Gerade einem Gegner wie dem SV Meppen, der bei hohem Pressing ins Schwimmen kommen kann, soviel Platz zu lassen, ist in meinen Augen fahrlässig und mit ein Grund für die glasklare Überlegenheit der Gastgeber.
Die Meppener gingen dieses Thema anders an. Sie gewannen zwar relativ und absolut viel weniger ihrer Duelle gegen den Ball. Die Störungen, die aber das konsequentere Anlaufen der Meppener im Aufbau des TSV 1860 verursachte, führten immer wieder zu Fehlpässen, die Meppen dann gut abfing. Der Gewinn zweiter Bälle für den TSV 1860 München war dann oft nicht möglich.
Womit wir bei der nächsten relevanten Zahl wären. 64% angekommene Pässe. Das ist der mit Abstand schlechteste Wert seit dem 24.11.2019, Michael Köllners erstem Spiel als Trainer an der Grünwalder Straße. Dies ist ganz klar nicht als Kritik am Trainer zu werten. Dass eine Mannschaft, deren Spieler fähig sind, zuvor über 23 Spiele im Schnitt eine 78%-ige Passquote auf den Platz zu bekommen, plötzlich so ungenau spielt, ist wahrscheinlich nicht nur mir ein Rätsel. Dass das am Mittwoch besser werden muss, steht außer Frage.
Die PPDA von 20,95 wurde nur im Grottenkick gegen Magdeburg unterboten. Grottenkick haben wir am Samstag definitiv keinen gesehen. Das ist klar. Mit der Systemumstellung auf 3-5-2 und der damit einhergehenden Änderung in der grundlegenden Taktik war auch klar, dass die Pressingintensität nicht weiterhin auf dem Niveau liegen würde wie zu 4-1-4-1-Zeiten. Dieser Wert ist aber auch für eine Mannschaft, die tief steht, um dann im Umschaltspiel zuzuschlagen, eindeutig zu wenig.
Meppen war in den pressingrelevanten Zonen eindeutig aggressiver. Ob die gegen den Ball gesetzten Aktionen gelangen oder nicht, ist hier nicht relevant solange sie das Spiel des Gegners effektiv stören. Dass das so war, zeigt uns die oben schon kritisierte Passgenauigkeit.
Das Spiel
Defensiv kompakt stehen und dann schnell und schnörkellos nach vorne spielen war das Credo beider Teams. Bei Meppen ging dieser Plan von Beginn an besser auf. Die Hausherren hatten im Positionsspiel wenig Probleme, in die gegnerische Hälfte einzudringen. Aber nicht, weil sie offensiv so gut in der eigenen Spielfeldhälfte agiert hätten, sondern weil der TSV 1860 München dem Gastgeber einfach den Raum dort überließ und dafür die eigene Spielfeldhälfte massiv zustellte. Die Überbrückung dieser kompakten Formation gelang den Meppenern aber bestens. In 55% der Fälle verloren die Meppener in diesen 90 Minuten den Ball erst im letzten Drittel des TSV 1860 München. Dem stehen lediglich 38% bis ins letzte Drittel vorgetragene Angriffe beim TSV 1860 gegenüber. In 24% der Fälle kam der TSV 1860 nicht aus dem eigenen Drittel heraus. Meppen verlor die Kugel nur in 12% seiner Ballbesitzphasen im eigenen letzten Drittel.
Normalerweise muss der TSV 1860 München diese Partie verlieren. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Meppen war in meinen Augen cleverer, hatte im Spiel nach vorne die besseren Lösungen und konnte vor allem dank seiner eklatant besseren Passgenauigkeit im Spiel nach vorn die Löwen immer wieder stark unter Druck setzen. Speziell in der zweiten Halbzeit ließ der SV Meppen den Löwen kaum Zeit zum Luftholen. 80% mehr zu Ende gespielte Positionsangriffe hat der SV Meppen in der zweiten Spielhälfte vorzuweisen. In der ersten Halbzeit war dieser Wert noch fast ausgeglichen. Lediglich einmal öfter als die Sechzger kam Meppen in der ersten Halbzeit bis ins letzte Drittel des TSV 1860 München.
Über fast die komplette zweite Halbzeit kann man, was die Offensive betrifft, aus Löwensicht ein Ei hauen. Andererseits waren die wenigen Gelegenheiten, welche die Löwen sich im zweiten Spielabschnitt herausspielten, von hoher Qualität. Die zuletzt gelobte Effektivität vor dem gegnerischen Kasten war hingegen leider dahin. Lex und Neudecker hatten in der 78. Minute, Biankadi in der 90. die Entscheidung auf dem Fuß. Bestraft wurde die fehlende Kaltschnäuzigkeit durch den Ausgleich von Mike Feigenspan nach Ablauf der regulären Spielzeit.
Die Tore vom TSV 1860 und dem SV Meppen
Das 1:0
Steinhart beförderte den Ball per Einwurf auf der linken Seite zu Neudecker an die Mittellinie. Der spazierte mit der Kugel am Fuß in Richtung Sechzehner. Aus halblinker Position hob er mit einem tollen und absolut gekonnten Schuss, der sicherlich kein Sonntagsschuss war, aus etwa 22 Metern das Leder über die Abwehr und Torhüter Domaschke hinweg, der den Einschlag, unterhalb der Latte rechts im Tor, im Rückwärtslaufen fast noch hätte verhindern können.
Das 1:1
Nach einem Angriff, bei dem Biankadi eigentlich auf 2:0 für den TSV 1860 München stellen muss, geht die Kugel auf die rechte Seite der Meppener. Über wenige Stationen landet der Ball bei Tankulic, der einige Meter hinter der Mittellinie in der Hälfte der Löwen das Spielgerät lang und diagonal in die Box des TSV 1860 München schlägt. Sowohl Krüger als auch Fedl können den Ball nacheinander, obwohl sie von Spielern des TSV 1860 München gedeckt werden, unbedrängt mit dem Kopf zu Feigenspan, der links in den Fünfmeterraum einläuft, weiterleiten. Der trifft den Ball perfekt und versenkt die Kugel hinter Hiller im Kasten.
Lang und Moll schaffen es beide nicht, die Vorlagen per Kopf zu verhindern. Goden, der zuvor Biankadis Chance auf die Entscheidung vorbereitet hatte, kommt zu spät, um Feigenspan am Schuss zu hindern. Ihm will ich hier absolut keinen Vorwurf machen. Ebenso wenig Merveille Biankadi. Domaschke reagiert bei dessen Schuss auf der anderen Seite einfach unfassbar gut. Dass aber Lang und Moll die Kopfballstafette von Krüger und Fedl zu Feigenspan nicht entscheidend stören können, muss man schon kritisieren. Sie waren beide zwar dicht an ihren Gegenspielern, Lang steigt wenigstens auch zum Luftzweikampf nach oben. Moll wirkt dann überrascht, dass der Ball zu Fedl kommt und schaut diesem einfach zu.
Der Größenvorteil von Krüger und Fedl gegenüber Lang und Moll spielt meiner Meinung nach hier eine untergeordnete Rolle, denn es geht meiner Ansicht nach darum, die beiden langen Meppener zu stören, nicht unbedingt um das Gewinnen dieser Zweikämpfe.
Fazit
Ein absolut glücklicher Punkt in der Fremde. 1:1 mausert sich zum Standardergebnis des TSV 1860 München gegen den SV Meppen, die letzten drei Partien der beiden Vereine endeten mit diesem Ergebnis.
Wieder einmal war der Mann des Tages aus Löwensicht Marco Hiller. Dass irgendeiner der vielen Schüsse des SV Meppen in Halbzeit zwei hineingeht, war nur eine Frage der Zeit. Dass es so spät passiert, ist doppelt bitter. Zumal die Löwen in der Schlussviertelstunde mehrfach die Entscheidung selbst auf dem Fuß hatten.
Nichtsdestotrotz darf man sich von diesem Ergebnis jetzt nicht ins Bockshorn jagen lassen. Sechs Spiele in Serie ungeschlagen. Das klingt doch auch nicht ganz verkehrt.
Ob es aber ein gutes Rezept ist, dass wir weiterhin gegen den Ball in der gegnerischen Spielfeldhälfte so dermaßen passiv bleiben, ist für mich fraglich. Die Pressinglinie muss natürlich Spiel für Spiel neu definiert werden. Gegen einen Gegner, der sich schwer tut, sich aus Pressingsituationen freizuspielen, so passiv im Anlaufverhalten zu sein, ist mit ein Grund für dieses Ergebnis.
Jetzt gilt es volle Konzentration auf das Spiel gegen das Perlacher Projekt von der Heinrich-Wieland-Straße zu richten. Im Leichtathletikstadion am Oberwiesenfeld müssen meiner Meinung nach – ohne wenn und aber – drei Punkte her.
Datenquelle: wyscout