Wieder einmal gibt es unsachliche Kritik an einem Spieler der Mannschaft des TSV 1860 München in den Kommentarspalten der verschiedenen Medien. War es vor einigen Wochen Marlon Frey, danach Fynn Lakenmacher, ist es nun Torhüter Marco Hiller, der unberechtigterweise Kritik über sich ergehen lassen muss.
Marco Hiller, Torhüter unserer Löwen, wird von einigen Menschen in diversen Kommentarspalten mit als Grund für die Niederlagen der letzten Zeit angesehen. Einen Vergleich mit David Richter, den viele der Kritiker als den besseren Torhüter ansehen, werde ich nicht in aller Ausführlichkeit antreten. Lediglich am Ende dieses Artikels werde ich kurz auch David Richters Werte im Vergleich mit Hiller einbeziehen. Wichtig ist mir jedoch schon zu Beginn zu sagen, dass die Kritik an Marco Hiller absolut ins Leere läuft. Die Gründe dafür werde ich Euch nun darlegen.
Marco Hiller im Ligavergleich
Gegentorquote
In 20 absolvierten Spielen in der laufenden Saison hat Marco Hiller bislang 19 Gegentreffern kassiert – also 0,95 Gegentore pro Partie. Ein besserer Schnitt gelang lediglich drei anderen Keepern in der Liga. Tim Schreiber von Pokalhalbfinalist 1. FC Saarbrücken, Stefan Drljaca, der beim potentiellen Aufsteiger Dynamo Dresden im Kasten steht, und Felix Gebhart von Absteiger und möglichem Wiederaufsteiger Jahn Regensburg.
Save Percentage
Hiller hält 80 Prozent der Bälle, die auf seinen Kasten gehen. Das ist der absolute Topwert in Liga 3. Lediglich Saarbrückens Schreiber kommt mit 79 Prozent in die Nähe von Marco Hiller. Wer Hiller bezwingen will, muss statistisch gesehen mindestens fünf Schüsse auf den Kasten bringen.
Verhinderungsquote
Vergleichen wir Chancenqualität und Gegentrefferquote pro Spiel, ist Hiller beim Verhindern von Toren ebenfalls der beste Keeper der Liga. Gehen wir vom durchschnittlichen gegnerischen xG Wert pro Spiel und den tatsächlich kassierten Toren aus, hält Hiller hier auch mit dem Topwert der Liga seinen Kasten sauber.
Unsere Nummer 1 kassiert pro Spiel 32 Prozent weniger Treffer als er von der Chancenqualität der Gegner her kassieren sollte. Der nächste in dieser Rangliste, Aues Männel, liegt hier bei 18 Prozent, danach folgen Hachings Vollath und Münsters Schulze Niehues, die beide 14 Prozent in der Verhinderungsquote aufweisen.
Strafraumspiel
Viele werfen Hiller auch vor, er würde zu sehr auf seiner Linie kleben und sich bei gegnerischen Flanken nicht ausreichend nach vorne bewegen. Der Durchschnittswert aller Keeper der Liga was das Verlassen der Linie betrifft, um Bälle im Strafraumgetümmel abzufangen, liegt bei 1,5. Mit im Schnitt 2,2 solcher Aktionen führt Lotka von Borussia Dortmund II die Liga hier an. Mit einem Wert von 1,7 positioniert sich Marco Hiller auch in diesem Ranking mit einem überdurchschnittlichen Wert.
Bei einer Erfolgsquote von rund 92 Prozent beim Fangen oder Klären von Bällen in diesen Situationen hat Hiller hier zusammen mit Vollath, Männel und Müller vom MSV Duisburg den viertbesten Wert ligaweit aufzuweisen.
Vergleich Marco Hiller – David Richter
Kommen wir nun zum kurzen, aber im Endeffekt unfairen Vergleich unserer beiden Torhüter bei den einzelnen Werten. Unfair deshalb, weil Richter, auch wenn ich Durchschnittswerte zu Rate ziehe, einfach weniger Partien absolviert hat.
Beginnen wir mit der Fangquote: Hier liegt Richter auf Rang 13 mit 10 Prozent Punkten hinter Hiller.
Die Verhinderungsquote von Gegentoren bei Richter in Abhängigkeit der Chancenqualität liegt auf einem Wert von 6 Prozent. Das heißt im Gegensatz zu Hiller, der 32 Prozent mehr Schüsse hält als erwartet, hält Richter genau 6 Prozent mehr als er sollte. Das reicht aber immerhin noch zu Platz 8 für Richter in der Liga.
Lediglich beim Wert, was das Verlassen der eigenen Linie betrifft, und der Fangquote bei diesen Aktionen weist David Richter mit 1,9 und 100 Prozent bessere statistische Werte als Marco Hiller mit 1,7 und 92 Prozent auf.
Nun folgt etwas, das sogar für mich überraschend war, denn in der nun folgenden Kategorie hätte ich Richter tatsächlich besser eingeschätzt als Hiller. Ich lag allerdings, wie vermutlich viele andere, daneben. Die Passgenauigkeit in allen Kategorien, vor allem aber, bei langen Abschlägen oder Abstößen geht ebenfalls an Hiller. Bei der Genauigkeit langer Bälle ist Richter sogar abgeschlagen auf dem letzten Platz als einziger Torhüter mit einem Wert von unter 60%.
Fazit
Das Problem, das sich in puncto Gegentore für den TSV 1860 München auftut, ist also – wenn wir diese Zahlen vernünftig einordnen können – nachweisbar nicht zwischen den Pfosten zu suchen. Im Schnitt bekommt Marco Hiller pro Spiel mit 4,75 Schüssen, die auf seinen Kasten gehen, überdurchschnittlich viele Gelegenheiten, um ein Gegentor zu verhindern.
Wo also liegt das tatsächliche Problem bei den kassierten Gegentoren? Vergleichen wir alle für die Defensive wichtigen Werte der Teams in Liga 3, fällt vor allem eines auf. Der TSV 1860 München blockt zu wenige Schüsse ab. Bei durchschnittlich zwölf zugelassenen gegnerischen Schüssen blocken die Sechzger davon drei pro Spiel. Das ist grundsätzlich kein allzu schlechter Wert. Schaut man aber genauer hin, fällt auf, dass die meisten Schüsse der Gegner, die von Feldspielern unserer Löwen geblockt werden können, außerhalb des Sechzehners abgefeuert werden. Im Strafraum kommen die Gegner relativ häufig so zum Schuss, dass eben kein Blocken mehr möglich ist.
Die Herausforderungsquote – das ist der Wert, der alle Defensivaktionen (Zweikämpfe, abgefangene Bälle, geblockte Schüsse, Kopfballduelle etc.) auf dem ganzen Spielfeld pro Minute gegnerischem Ballbesitzes wertet – ist bei Sechzig der zweitniedrigste der Liga.
Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel für ein wenig mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die Gründe von Niederlagen sorgen. Sucht die Schuld nicht beim Keeper, schaut aufs Feld zwischen den Strafräumen und sucht dort nach Gründen. Ihr werdet welche finden. Allerdings gilt es dann, wenn sie vermeintlich gefunden sind, die Kritik sachlich und im Rahmen zu halten. Denn im Moment gibt es keinen Spieler, der nicht alles versuchen würde, um mit den Löwen erfolgreich zu sein.
Datenquelle: Wyscout