Der 2.Juni 2017 ging beim TSV 1860 München als sogenannter “Schwarzer Freitag” in die Geschichte ein. Das Geschehen beschäftigt die Löwen noch heute – vor allem, weil Hasan Ismaik in einem Facebook-Post zuletzt ausführlich seine Sicht der Dinge zu den Vorgängen schilderte. Im Interview mit sechzger.de geben Markus Drees und Roman Beer Einblicke in die Geschehnisse rund um den Doppelabstieg des TSV 1860 München.
Interview mit Markus Drees und Roman Beer zum Vorabend des “Schwarzen Freitags”
sechzger.de: Servus Markus! Endspurt in Sachen Mitgliederversammlung – freust du dich schon auf Sonntag?
Markus Drees: Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich auf eine gut besuchte Mitgliederversammlung, andererseits ist die Stimmung sehr aufgeladen..
Roman, du hast mittlerweile kein offizielles Amt mehr inne und kannst den Wahlkampf daher entspannt von außen betrachten. Wie ruhig bist du innerlich – oder wäre aufgewühlt doch eher das richtige Wort?
Roman Beer: Entspannt bin ich nicht. Es wurde in den letzten Wochen ein Lagerwahlkampf vom Bündnis Zukunft und Hasan Ismaik angezettelt. Diese beiden habe sich nach meinem Eindruck unter dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ verbündet. Und ihren populistischen Tönen laufen leider erstaunlich viele Leute hinterher, die scheinbar aus den Erfahrungen von 13 Jahren mit Hasan Ismaik und den Ereignissen in der Saison 2016/17, als Ismaik das alleinige Sagen hatte und die bekanntlich mit Abstieg und Lizenzverweigerung endete, nichts gelernt haben.
“Geld von Ismaik gibt es nur bei Erfüllung seiner Forderungen”
Damit in Zusammenhang steht unser eigentliches Thema: Hasan Ismaik hat am vergangenen Mittwoch, 5. Juni 2024 via Facebook umfangreich auf eine Stellungnahme des e.V. reagiert, die wiederum eine Reaktion auf vorangegangene Aussagen des Mitgesellschafters in einem Videointerview mit BR24 waren. Thematisiert wurden dabei auch die Vorgänge rund um den als “Schwarzer Freitag” bekannt gewordenen Doppelabstieg. Am Tag zuvor (Donnerstag, der 1. Juni 2017) war klar, dass Geld benötigt wird. Von 11 Millionen Euro ist die Rede. Wie kam es dazu und seit wann stand dieser Umstand fest?
Markus Drees: Gehen wir dazu zurück in den März 2017. Es musste von Anthony Power als Geschäftsführer die Lizenz beantragt werden – und zwar für Liga 2 wie für Liga 3. Schon zu diesem Zeitpunkt stellte Hasan Ismaik Forderungen an den Verein, die dieser aufgrund von Regularien in DFL und DFB schlicht nicht erfüllen konnte. Man signalisierte Gesprächsbereitschaft, aber es kam keine Antwort mehr. Für Liga 2 hat er dabei mit einem auszugleichenden Fehlbetrag von 22 Mio. Euro geplant. Ian Ayre sollte im April als Powers Nachfolger seinen Dienst antreten und nach dem Klassenerhalt wollte man angeblich erheblich investieren. Von der 3. Liga durfte man unter Power aber gar nicht reden und auch nicht mit ihr planen. Aufgrund der tabellarischen Situation musste aber ein Lizenzantrag für die 3. Liga gestellt werden.
Power machte es sich leicht und ließ dafür alle Zahlen aus dem Antrag für die 2. Liga einfach kurzerhand halbieren. Somit stand ein erwarteter Fehlbetrag von 11 Millionen Euro im Falle eines Abstiegs seit März 2017 fest. Die Lizenzbeantragung ist seitens der KGaA nur mit den Gesellschaftern abzusprechen; der Verwaltungsrat des e.V. ist nicht zustimmungspflichtig. Daher erfuhren wir Verwaltungsräte von den Summen erst nach der Beantragung der Lizenz.
Zur selben Zeit tauchten erneut die oben genannten Forderungen von Ismaik auf, die er vom e.V. erfüllt sehen wollte, damit er das Geld zum Ausgleich der von Power angesetzten Fehlbeträge lockermachen würde. Dazu gehörte die Rückübertragung von ihm angeblich „gestohlenen“ e.V.- Marken, die Übertragung aller Jugendmannschaften an die KGaA sowie eine Beschränkung des Weisungsrecht des eingetragenen Vereins an die Geschäftsführer der KGaA. Es wurde in den Sitzungen des Verwaltungsrats immer darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Forderungen gar nicht realisierbar ist im Lichte von 50+1. Die Forderungen wurden vor den Relegationsspielen von der Ismaik-Seite nochmal bekräftigt und erklärt, dass er nicht verhandeln, sondern alles erfüllt sehen möchte. Bis zum Donnerstag, 1.6.2017 war also klar: Geld von Ismaik gibt es nur bei Erfüllung seiner Forderungen.
Markus Drees erscheint nicht an der Grünwalder Straße 114
Ismaik schreibt, du wurdest als “Verwaltungsratsboss” eingeladen, nachdem Peter Cassalette das Weite gesucht hatte. Warst du in diesem Zusammenhang für dieses Thema überhaupt der richtige Ansprechpartner?
Markus Drees: Nach dem Rücktritt Cassalettes vertraten die Vizepräsidenten Heinz Schmidt und Hans Sitzberger gemäß Satzung den Verein weiterhin in allen Rechtsgeschäften – und nicht der Verwaltungsrat.
Weiter schreibt der Jordanier in seinem Facebook-Statement, du seist nicht an der Geschäftsstelle erschienen – obwohl Vertreter Ismaiks dort gewartet hätten. Ist das soweit korrekt?
Markus Drees: Es passierte am Donnerstag, 1.6.2017 erstmal lange nichts, außer dass von HAM-Vertretern in der Früh nochmal in einer Mail an Ian Ayre und den Aufsichtsrat der KGaA das Festhalten an Ismaiks Forderungskatalog bekräftigt wurde. Erst abends kam Bewegung in die Sache. Zunächst wurde mein Verwaltungsratskollege Robert von Bennigsen angerufen. Er sollte zum Rücktritt genötigt werden. Dann rief man bei mir an. Ich sollte ebenfalls auf von Bennigsen einwirken und ihn zum Rücktritt bewegen. Es war absolut bizarr. Zunächst sprach ein bekannter “Allesfahrer“ mit mir, später schaltete sich Ismaiks Übersetzer Mutaz Sabbagh ein. Ich sollte sofort zur Geschäftsstelle kommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt beim Monatstreffen der Freunde des Sechz‘ger Stadions und hatte nach all den aufreibenden Telefonaten wohl einen nervlich angeschlagenen Eindruck auf die Besucher gemacht, so dass man mich zum Heimgehen überredete.
Auch zuhause wurde ich wieder und wieder angerufen, warum ich nicht erscheinen würde und dass ich feige sei. In Absprache mit Verwaltungsratskollegen bestand ich auf einem Schriftstück, das festhalten sollte: tritt von Bennigsen zurück, würden sie die 11 Millionen EUR bereitstellen – in welcher Form war übrigens völlig unklar; von einem Sponsoring war an diesem Abend noch keine Rede . Die HAM-Vertreter ließen sich scheinbar darauf ein, verlangten aber immer noch, dass ich sofort persönlich erscheinen sollte. Was für mich aufgrund der feindseligen Atmosphäre bei den Telefonaten aber ohne eigene Zeugen ausgeschlossen war.
Roman Beer spricht von einer “untragbaren Situation”
Statt dir ist dann Roman Beer am Trainingsgelände erschienen. Roman, du warst damals Fußball-Abteilungsleiter und damit auch nicht gerade “irgendwer dahergelaufenes”. Ismaik schildert, dass du lediglich erschienen bist, um ein mögliches Treffen abzusagen. Stimmt das und wenn ja, wie kam es zu der Situation?
Roman Beer: Auch ich war beim FdS-Monatstreffen und hatte wie alle Anwesenden registriert, dass Markus nervlich am Ende war. Wir waren alle der Meinung: wenn Markus alleine auf die Geschäftsstelle geht, machen die ihn fertig. Daher haben wir ihn nach Hause geschickt. Markus hat uns dann von zuhause angerufen und berichtet, dass Ismaiks Leute nicht locker lassen würden. Ich habe schließlich angeboten, als Bote das von Markus genannte Schreiben entgegenzunehmen und an den Verwaltungsrat zu überbringen. Markus hat das Ismaiks Leuten mitgeteilt.
Ich bin dann zusammen mit drei anderen FdS-Mitgliedern zur Geschäftsstelle gegangen, um auch nicht allein ohne eigene Zeugen dort aufzukreuzen. Im 3. Stock, aus dem Power im Übrigen Monate zuvor alle dort sitzenden Mitarbeiter rausgeschmissen hatte, um für Ismaiks Leute Platz zu schaffen, empfing uns Übersetzer Mutaz Sabbagh, der damals in Personalunion als Fanbetreuer fungierte. Er meinte, es gäbe kein Schriftstück und man werde mir auch keines übergeben. Dann hat er uns, also auch mich als gewählten Fußballabteilungsleiter mit sehr deutlichen Worten des Hauses verwiesen. Wir hatten zuvor aber noch einen Blick in den Raum erhaschen können, in dem Ismaiks Leute saßen. Erkennen konnten wir nur Power und Yahya Ismaik; vermutlich war auch der von Markus genannte “Allesfahrer“ dabei. Die Situation war wie in einem schlechten Film: der Raum abgedunkelt und komplett verraucht. Gott sei Dank hatten wir Markus davon abbringen können, dort alleine hinzugehen. Eine untragbare Situation.
Klare Vorgaben des DFB
Noch einmal zurück zu dir Markus: es ist unstrittig, dass es Versuche gab, den TSV 1860 München doch noch in der 3.Liga zu halten. Doch wie konkret waren diese Ideen, welche Lösungsansätze gab es und hätte das Ganze zeitlich überhaupt klappen können? Hat der DFB als Verband Gesprächsbereitschaft signalisiert?
Markus Drees: Am Morgen des “Schwarzen Freitag“ erschien ein neuer Player auf der HAM-Seite, ein Anwalt namens Frank Koch aus Hamburg. Seine erste Tat bestand darin, die Forderungen abzuschwächen auf ein „wir verhandeln danach“. Er schrieb auch, dass das Weisungsrecht des e.V. in Liga 3 und tiefer ohnehin keine Rolle spielen würde, da 50+1 in den DFB-Ligen seiner Ansicht nach nicht gelte. Hier wurde er von Heinz Schmidt vehement korrigiert, aber scheinbar hatte sich diese Sichtweise bei HAM schon festgesetzt. Wir waren dann alle ab 11 Uhr in der Geschäftsstelle versammelt, aber aus Abu Dhabi kam bis um circa 12.30 Uhr nichts. Die Regeln vom DFB waren klar: 11 Millionen Euro auf dem Konto oder alternativ ein Sponsoringvertrag zusammen mit einer Bürgschaft in niedrigerer Höhe.
Berühmte SMS “4” deutlich vor Vertragsversand
Wie wir auf unserer Seite berichtet haben, war die letzte Möglichkeit ein Ärmelsponsoring. Wieso scheiterte dieser Versuch schlussendlich und die Löwen mussten den Gang in die Regionalliga antreten?
Markus Drees: Um 12.30 Uhr kam zum ersten Mal von den HAM-Vertretern der Vorschlag mit dem Trikotsponsoring durch die Marya Group auf, also einem Unternehmen aus Ismaiks Firmenkonsortium. Dies hätte den Vorteil gehabt, dass man die 11 Millionen Euro nicht sofort auf den Tisch hätte legen müssen, sondern “nur“ eine Bürgschaft über 1 Million Euro. Von Seiten des DFB wurde Zustimmung zu dieser Lösung signalisiert. Bei einem DAX-Unternehmen wäre laut DFB keine Bürgschaft nötig gewesen. Somit war klar, dass bis zur Deadline um 15.30 Uhr der Sponsoringvertrag an den DFB gefaxt werden und eine Bürgschaft vorliegen musste.
Doch der Vertrag kam erst um 15.28 Uhr aus Abu Dhabi und war zudem mit handschriftlichen Änderungsvorschlägen versehen und er war auch nicht unterschrieben. Von einer Bürgschaft oder Geld auf einem Treuhandkonto ebenfalls keine Spur. Es wurde trotzdem alles noch an den DFB gefaxt, aber nichts ging mehr. Kurze Zeit später erfuhren wir von den SZ-Reportern die Geschichte mit der „4“, die Ismaik bereits 45 Minuten vor Ablauf der Deadline verschickt hatte, so dass man die Sache mit dem Ärmelsponsoring erst recht nicht mehr ernst nehmen konnte. Auf alle Fälle hat sich niemand vom e.V. gegen das Angebot eines Ärmelsponsorings verwehrt. Diese Behauptung ist kompletter Unsinn.
Noch eine Story am Rande: Der DFB hatte den TSV 1860 gebeten, keine Pressemitteilung zu versenden, bevor das Statement des DFB über eine Lizenzerteilung oder -verweigerung rausgehen würde. Wer verstieß dagegen? Die HAM-Seite, die um 15.32 Uhr eine Pressemitteilung versendete und dem e.V. die Schuld in die Schuhe schob. Auch ein Fingerzeig, was von dem nur 4 Minuten vorher versendeten Sponsoringvertrag zu halten war.