Ach, Michael! Gestern war es soweit. Endlich, haben die meisten Löwenfans gesagt. Deine unausweichliche Entlassung wurde bekannt gegeben und der TSV 1860 München steht vor einem Neuanfang. Dennoch finde ich es irgendwie schade, dass es soweit kommen musste.
Ein Sieg in den letzten sieben Spielen war zu wenig
In meinen gestrigen Giesinger Gedanken schrieb ich, dass es nach der Leistung gegen Dynamo Dresden nicht so weiter gehen könne. Zu wenig Gegenwehr leisteten die Löwen und ergaben sich wie in Mannheim einfach in das Schicksal einer Niederlage trotz frühem Führungstor. Zu Buche stehen seit dem 22.10.2022 ein Sieg, ein Unentschieden und fünf Niederlagen. Macht in der Tabelle der letzten sieben Spiele Rang 18 und sieben Punkte Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz. Da blieb Günther Gorenzel logischerweise nichts anders übrig, als die Notbremse zu ziehen und Dich von Deinen Aufgaben zu entbinden.
Der gut gelaunte Köllner übernimmt im November 2019
Ich frage mich immer noch, wie es soweit kommen konnte. Ich weiß noch, dass ich das erste Mal in meinem Leben eine Pressekonferenz im Internet angeschaut habe, als 1860 am 02.11.2019 4:2 gegen Viktoria Köln gewonnen hatte. Die Whatsapp-Gruppen trommelten, dass Daniel Bierofka in katastrophaler Laune zu einem verbalen Rundumschlag ausgeholt hätte. Trotz des damals sehr wichtigen Sieges. Also kurz gegoogelt, angeschaut und den Kopf geschüttelt. Ein paar Tage später war Bierofka Geschichte und Du solltest ihm nachfolgen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie mich Christian Jung nach Deiner Vorstellungs-PK anrief und mir jauchzend vor Glück erzählte, der neue Löwentrainer wäre gut gelaunt aufgetreten und es würde richtig Spaß machen, ihm zuzuhören. Gut gelaunt? Löwentrainer? Das musste ich mir selbst anschauen und tatsächlich! Ich dachte mir, “ein Unterschied wie Tag und Nacht!”. Und Du warst der Tag.
Aus dem Abstiegskampf ins Aufstiegsrennen
Musste man als Löwenfan im November 2019 noch auf das untere Ende der Tabelle spähen, konnte man den Blick in der von Geisterspielen geprägten Rückrunde 19/20 immer weiter nach oben richten. Unter Dir spielten die Löwen immer stärker und so fanden wir uns auf ein Mal im Aufstiegsrennen wieder und durften bis zum letzten Spieltag auf den Aufstieg hoffen. Am Ende hat es nicht gelangt, aber das war weit mehr als man erwarten konnte und der Löwenkosmos hat Dich zu Recht gefeiert. Du hast aus wenigen Mitteln sehr viel rausgeholt.
Die grandiose Aufholjagd im Frühjahr 2021
Unvergessen wird allen Löwenfans das Frühjahr 2021 bleiben. Nach einem zähen Unentschieden in Lübeck wurden die Aufstiegsambitionen ad acta gelegt, nur um dann eine epische Aufholjagd zu starten, die alle Löwenfans vollkomen mitgerissen hat. In meinen Giesinger Gedanken nach dem Spiel gegen Kaiserslautern, bei dem wir Fans wenigstens in Form eines halblegalen Spaliers entlang der Grünwalder Straße nach all den Geisterspielmonaten der Mannschaft wenigstens etwas nahe kommen konnten, schrieb ich:
“Ich habe schon häufiger geschrieben, wie sehr ich dieses Kollektiv von Mannschaft und Betreuerteam schätze. Aber ganz ehrlich, könnt Ihr Euch an eine sympathischere Löwentruppe erinnern? Und einen besseren Löwendompteur als Michi Köllner?
Ich nicht. Was dieser Mann aus der Truppe holt, wie die sich fußballerisch weiter entwickelt haben, wie er die jungen Talente an die Mannschaft herangeführt hat. Wahnsinn! Mir gefällt diese Bescheidenheit, diese Zielstrebigkeit, dieses leise Arbeiten. Da wird nichts an die große Glocke gehängt. Da wird von Woche zu Woche gearbeitet. Da werden auch „Rückschläge“ (wenn man denn z.B. ein Unentschieden in Lübeck überhaupt als solchen bezeichnen will) weggesteckt und man steht wieder auf und kämpft weiter.”
Am Ende hat es dann nach einer Niederlage in Ingolstadt ganz löwenlike wieder nicht gereicht. Trotzdem haben die Mannschaft und Du uns in den zähen Corona-Monaten viel Freude gemacht.
Der Flirt mit Austria Wien
Gegen Ende der Saison kamen aber die ersten Schatten in unsere Beziehung. Austria Wien wollte Dich abwerben, Du hast Dich dort im Saisonfinale vorgestellt und von Dir kamen irgendwie nur halbherzige Dementis. “Möglicherweise einfach ein Faux-pas, der ihm nicht nochmal passieren wird”, dachte ich mir. Rückblickend muss ich einfach sagen, dass das der Punkt ist, wo es anfing schief zu laufen.
Trainingsauftakt 21/22
Für den Trainingsauftakt 21/22 besorgte ich meinem Sohn und mir Eintrittskarten. Die Erwartungshaltung war nach der löwenstarken Rückrunde 20/21 hoch und Du verströmtest wieder Ehrgeiz und Biss. Es war ein schönes Training, die Spieler verteilten Radler an die anwesenden Fans und auf dem Rasen ging es trotz Affenhitze hoch her. Danach durfte mein Sohn Photos mit einigen Spielern machen und auch mit Dir. Der Kleine war danach im siebten Himmel, weil er im Löwenstüberl eine ganze Zeit lang Rücken an Rücken mit Dir sitzen durfte. Das war 1860! Volksnah, bodenständig, familiär.
Durchwachsene Saison 21/22
Es folgte eine von Auf’s und Ab’s gekennzeichnete Saison, von der sicherlich die Trennung von Sascha Mölders am meisten in Erinnerung bleiben wird. Emotional habt Ihr mich und viele andere Löwenfans leider nicht so mitgenommen wie in der Vorsaison. Und Du wurdest immer weniger volksnah, bodenständig, familiär. Außer vielleicht, wenn es um den Sohn Deiner Lebenspartnerin ging. Wenige konnten nachvollziehen, warum er immer öfter auf der Bank saß und Einsatzzeiten bekam, obwohl nach Meinung vieler Löwenfans talentiertere Spieler verfügbar gewesen wären. Dieses Fass hättest Du vielleicht nicht aufmachen sollen. Ich kann mir vorstellen, dass das in Deiner Mannschaft nicht nur positiven Anklang gefunden hat. Am Ende der Saison folgte der zweite vierte Platz in Folge, allerdings war 1860 schon vor dem letzten Spieltag aus dem Aufstiegsrennen ausgeschieden.
Sommerpause 2022
Was dann folgte war eine Sommerpause, in der ich Dich nicht mehr wieder erkannt habe. Der genügsame, gut gelaunte Mann aus dem Jahr 2019 wurde immer verkrampfter und begann auf einmal unverholen Spieler um Spieler zu fordern und mit seinem Abgang zu drohen, falls seine Wünsche nicht erfüllt werden sollten. Das war der Zeitpunkt, an dem es für mich mit Dir vorbei war. Da hat der Schwanz mit dem Hund gewedelt. Auch mein Freund Jan Schrader sah das so und konnte Dich dafür hundert Mal “am Arsch lecken”. Das fand ich weniger wegen der Sprache daneben, sondern wegen Deiner absoluten Unsouveränität in der Sache.
Vom Traumstart ins Desaster
Du hast dann zwar all Deine Wünsche erfüllt bekommen und Deine Mannschaft hat einen Traumstart hingelegt. Der Bruch erfolgte dann im Totopokal-Spiel in Illertissen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber seitdem hat die Mannschaft eigentlich nix mehr auf die Reihe gekriegt. Du wolltest es wohl erst nicht wahr haben, hast die Probleme klein geredet und dann nochmal die Keule ausgepackt. Vor dem Spiel gegen RW Essen hast Du verschwommene Andeutungen gegen den Präsidenten oder andere Vereinsvertreter geäußert, die den Erfolg angeblich nicht wollten. Das war für meinen Geschmack schon drüber.
Aber man ließ Dich weiter machen. Trotz eines sportlich unbefriedigenden 1:1. Es folgte eine zweimonatige Winterpause mit einem sündteuren Trainingslager in der Türkei, sehr unglückliche Äußerungen über Spieler aus Deiner Mannschaft und der heute schon legendären Polter-PK am Flughafen, in der Du vehement eine weitere Verstärkung gefordert hast. Das konnte nicht gut gehen. Leider hat Deine Mannschaft dann spielerisch da weiter gemacht, wo sie im November aufgehört hat und Günther Gorenzel blieb keine andere Wahl, als Dich zu entlassen.
Ironischwerweise fehlt das Geld für einen Nachfolger
“Ich bin abhängig in meinen Entscheidungen von den wirtschaftlichen Grundlagen, die mir gegeben sind. Wir müssen mal schauen, was für Mittel stehen zur Verfügung, wie können wir welche freischaufeln, was für Möglichkeiten gibt es?”, sagte der Sportgeschäftsführer gestern der SZ. Da wurde also der letzte Cent der KGaA für Deinen Wunschspieler Holzhauser ausgegeben und nun ist kein Geld mehr für Deinen Nachfolger da. Das gibt’s auch nur bei Sechzig.
Falsch abgebogen
Ich weiß nicht genau, wann Du falsch abgebogen bist und wann Du die Bodenhaftung verloren hast. Ich hoffe, Du kannst wieder der Michael Köllner von November 2019 bis Juni 2021 werden. An den erinnere ich mich sehr gerne zurück. Den Michael Köllner seit Juni 2022 möchte ich gerne vergessen. Mach’s gut! Und danke für das Frühjahr 2021, das war echt geil!













