sechzger.de hat Präsident Robert Reisinger um die Beantwortung einiger Fragen
in Zusammenhang mit den klubpolitischen Ereignissen der vergangenen Woche
gebeten.
“Bündnis” startet den Wahlkampf – Reisinger sieht Sponsorenvertreter eher in der KGaA
sechzger.de: Wie bekannt wurde, kandidieren verschiedene Sponsorenvertreter aus dem Bereich Profifußball auf der kommenden Mitgliederversammlung für den ehrenamtlichen Verwaltungsrat des e. V. – eine gute Idee?
Robert Reisinger: Jedes Mitglied hat das Recht zu kandidieren oder Wahlvorschläge zu machen. Wie sinnvoll eine Kandidatur für den Verein ist, kommt in meinen Augen auf den Einzelfall an. Sponsoren im Profifußball verfolgen legitime wirtschaftliche Interessen, die aber in der Sache und im zeitlichen Horizont nicht unbedingt mit den Zielen des gemeinnützigen Muttervereins übereinstimmen müssen. Das sind einfach unterschiedliche Rollen. Ich würde es deshalb begrüßen, wenn Sponsoren aus dem Profifußball sich mittelfristig an der KGaA als weitere Gesellschafter beteiligen und deren Vertreter dann im Aufsichtsrat der Profifußball-Gesellschaft Platz nehmen.
“Verwaltungsrat das falsche Gremium für Leute, die am Rad des Profifußballs drehen wollen”
Der Verwaltungsrat des gemeinnützigen Vereins ist das falsche Gremium für Leute, die eigentlich am Rad des Profifußballs drehen wollen. Ein Gegenbeispiel sind bei uns die “Unternehmer für Sechzig“, bei ihnen ist ein klarer Bezug zum gemeinnützigen Mehrspartenverein erkennbar. Lässt sich jemand als ehrenamtlicher Funktionär in ein Amt des e. V. wählen, müssen die Gewählten dort voll und ganz die Interessen des gemeinnützigen Vereins vertreten können und auch wollen. Bestehen mögliche Zweifel ob der persönlichen Interessenlage oder ein Loyalitätskonflikt, sollte ein solches Amt gar nicht erst angestrebt werden.
“Bündnis Zukunft 1860 hat sich einer Metamorphose unterzogen”
sechzger.de: Wie nehmen Sie das “Bündnis Zukunft 1860“ wahr?
Robert Reisinger: Das “Bündnis Zukunft 1860“ hat meiner Beobachtung nach mehrere Phasen durchlaufen und sich dabei auch einer Metamorphose unterzogen. Mir wurde das Projekt ursprünglich noch anders angekündigt. Deshalb ist es für mich schwer greifbar. Auch wenn zuletzt der etwas unglückliche Eindruck entstanden ist, dass es sich um ein Wahlkampfvehikel für die kommende Verwaltungsratswahl handelt, sehe ich die Initiative weiterhin grundsätzlich positiv. Sollte aus der intensiven Beschäftigung mit den selbstgewählten Themen bei Einzelnen ein verbessertes Verständnis für die unternehmerischen Problemlagen der KGaA und die Herausforderungen im gemeinnützigen Verein erwachsen, bin ich darüber ganz bestimmt nicht unfroh.
“Möchte gute Zusammenarbeit mit Hans Sitzberger in Erinnerung behalten”
sechzger.de: Was sagen Sie zu den Vorwürfen von Ex-Vizepräsident Hans Sitzberger in einem Interview der Abendzeitung? Er bezichtigt darin sowohl den Präsidenten wie die Mitglieder des Verwaltungsrat des Mobbings.
Robert Reisinger: Hans Sitzberger ist ein verdientes Mitglied unseres Vereins, der sich auf meinen persönlichen Vorschlag hin als Vizepräsident im Präsidium Peter Cassalette engagiert hat. Als ich im Sommer 2017 Präsident wurde, blieb Hans Sitzberger als Stellvertreter im Amt. Sein Arbeitsschwerpunkt innerhalb des Präsidiums waren die Amateur-Abteilungen. Wir haben sechs Jahre lang gut zusammengearbeitet. Das will ich in Erinnerung behalten.
Reisinger zu Sitzberger-Aussagen: “…bewegen wir uns im Bereich alternativer Fakten”
Inhaltlich möchte ich seine Schilderungen, die sehr viel mit Fühlen und wenig mit Tatsachen zu tun haben, nicht kommentieren. Irritierend finde ich, wenn ein Journalist selbst eklatanteste und offenkundige Widersprüche ignoriert, weil die Erzählung die eigene Vorstellung zu bestätigen scheint. Wo ein von einem Notar angefertigtes, im Handelsregister veröffentlichtes und vom Geschäftsführer unterzeichnetes Sitzungsprotokoll nicht mehr ausreicht, um eine ganz offensichtliche Falschaussage zu belegen, bewegen wir uns im Bereich alternativer Fakten. Wahrheit ist eben nicht, was sich wahr anfühlt. Und es ist auch nicht alles nur eine Frage der Perspektive. Man kann einzelne Vorgänge unterschiedlich interpretieren, keine Frage, aber wir brauchen schon noch ein gemeinsames Verständnis von Fakten. Sonst erzählt jeder nur noch was er fühlt und alles ist irgendwie gleichberechtigt.
sechzger.de: Für Viele klang das Interview wie der gezielte Auftakt zum Wahlkampf für die Kandidaten aus dem “Bündnis Zukunft 1860“?
Robert Reisinger: Der zeitliche Zusammenhang mit der darauffolgenden Pressemeldung über deren Kandidatur legt den Verdacht zumindest nahe. Aber ich weiß nicht, ob man mit Sudeleien gut Wahlkampf betreibt. Deshalb kann das auch reiner Zufall sein. Das schlechte Verhältnis zwischen den Gesellschaftern wird von Kritikern immer wieder gegen die amtierenden Vereinsfunktionäre ins Feld geführt. Von außen ist das leicht zu kritisieren. Wir haben als Vereinsvertreter nun mal die befremdliche Situation, mit einem Partner am Tisch zu sitzen, der gleichzeitig vor dem Bundeskartellamt dagegen klagt, mit uns überhaupt an einem Tisch sitzen zu müssen.
“50+1 soll verhindern, dass durch mögliche Handlungen eines Investors ein Klub in seinem Bestand gefährdet wird”
Die “50+1-Regel“ soll ihrem Zweck nach verhindern, dass durch mögliche Handlungen eines Investors ein Klub in seinem Bestand gefährdet wird. Bei uns hat das in der Vergangenheit nicht richtig geklappt, denn die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA ist heute weit höher verschuldet, als sie es vor dem Einstieg unseres Mitgesellschafters war. Das muss man nüchtern feststellen. Ich bin kein genereller Gegner von Investoren, wie es gerne dargestellt wird. Die KGaA wird immer Anteilseigner haben. Das ist auch bei vielen anderen Klubs in Deutschland der Fall. Der TSV 1860 München hat sich 2011 nunmal für diesen Weg entschieden. Ich wünsche mir einen oder besser noch mehrere Kapitalgeber, die eine hohe Identifikation mit den Unternehmenszielen und ein Verständnis für die Kultur unseres Klubs mitbringen. Und natürlich 50+1 respektieren.
Möglicherweise erwirbt ein “supporters’ trust” in Form einer Genossenschaft eines Tages ebenfalls Anteile an der KGaA. Dann sind die Mitglieder und Fans als Aktionäre mit im Boot. Denkbar ist vieles. Aber zunächst müssen wir den bestehenden Konflikt auflösen.
Reisinger blickt zuversichtlich auf die Entscheidung zu 50+1
sechzger.de: Wie soll das gehen?
Robert Reisinger: In den kommenden Monaten wird der Abschluss des Verfahrens beim
Bundeskartellamts zu 50+1 erwartet. Ich bin überzeugt, danach werden sich
einige Bremsen lösen.