Es wäre ungerecht, ein spezielles Medium, das über den TSV 1860 München berichtet, allein dafür verantwortlich zu machen. Es ist viel mehr die brisante Mischung aus fünf Münchner Tageszeitungen, dem Wunsch nach hohen Klickzahlen in der Onlineberichterstattung und – das ist wohl der entscheidende Faktor – einer riesigen extrem leidenschaftlichen Fangemeinde, die es hervorbringt: Das regelmäßig kommunizierte Drama! Weltuntergang etwa alle vierzehn Tage! Nach dem zugegebenermaßen etwas ernüchternden 1:1 gegen den SV Meppen am Samstag ist es schon wieder soweit.
Zwei Siege, vier Unentschieden, eine Pleite
Klar, die Mannschaft von Michael Köllner hinkt aktuell den hohen Erwartungen, die vor der Saison geweckt wurden, hinterher. Nach sieben Partien stehen nur zwei Siege zu Buche. Aber übrigens auch nur eine Niederlage. Der Trainer ist mit dem Start in die Saison keineswegs zufrieden, das macht er auch sehr deutlich. Allerdings fordert er auch – und das ist an die Adresse der Berichterstatter und Fans gerichtet – die letzte Spielzeit endlich hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken. Dies gilt hier dann speziell für den Blick auf das Erreichte zum vergleichbaren Zeitpunkt. Am Saisonende fragt nämlich niemand mehr, ob eine Siegesserie im ersten Fünftel der Spielzeit oder später stattgefunden hat.
Zweimal Weltuntergang in drei Wochen
In den letzten drei Wochen haben die Löwenprofis vier Spiele absolviert: Der 0:3-Niederlage auf dem Betze und dem gefühlten Weltuntergang folgte die heroische Wiederauferstehung gegen Viktoria Köln. Das Unentschieden in Braunschweig wurde ausnahmsweise sachlich nüchtern analysiert und – aufgrund der auf dem Rasen gezeigten Leistung – sogar gelobt. Der verpasste, aber bereits als sicher verbuchte Dreier gegen den SV Meppen, der leider nur einen Punkt einspielte, provoziert zwei Wochen nach dem letzten schon den nächsten Weltuntergang. Bezeichnend, dass am Samstag im Stadion mitunter die Aussage zu vernehmen war, die Emsländer seien ja „bereits abgestiegen“. Da ist wohl die Erwartungshaltung mit dem einen oder anderen durchgegangen.
Kritik am sportlichen Auftreten
Nun kann man (fast) niemandem vorwerfen, es würde einzig und allein auf die Ergebnisse geblickt, wie man es beispielweise dem Publikum des Vereins aus der Seitenstraße häufig zurecht unterstellt. Die Kritik in weiß und blau kommt schon differenzierter daher, beleuchtet beispielsweise die löchrige Defensive, Passivität gegen den Ball, zu wenig Bewegung im Offensivspiel und fehlende Qualität im Abschluss. Das ist grundsätzlich meist alles richtig. Und auch wichtig, dass es gesagt wird.
Spiel für Spiel betrachten!
Unnötig hingegen ist es, nach jedem Spiel aufs Neue die globale Gesamtlage an der Grünwalder Straße zu bewerten. Sinnvoller wäre es, sich ausschließlich auf die 90 vorangegangenen Minuten auf dem grünen Rasen zu konzentrieren. (Genau so eine Analyse, die durchaus kritisch daherkommen kann, findet Ihr übrigens bei uns mit der beliebten TAKTIKTAFEL) Leider behandelt das, was gestern und heute (und wahrscheinlich noch in den kommenden Tagen) zu lesen ist, ganz andere Themen: Ob es die unzureichende Einkaufspolitik von Günter Gorenzel ist, wo noch vor wenigen Wochen Stabilität und Kontinuität im Löwenkader gelobt wurden, oder die angeblich viel zu milde Ansprache des Löwendompteurs an seine Akteure – zu viele Vertreter der schreibenden Zunft suchen nach jedem Spiel nach der Erklärung im großen Ganzen.
“Köllner raus!” – Nicht ernsthaft, oder?
Ob es die Schuld der Medien ist, dass dann in den gleichnamigen sozialen gleich der nächste Schritt gegangen wird, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls wurde gestern Nachmittag von durchaus bekannten Löwenfans, die überwiegend nicht aus der heimlichen Deckung heraus und hinter einem unbekannten Tarnnamen agieren, bereits der Kopf des Trainers gefordert. Er erreiche die Mannschaft nicht mehr, sein kleiner Flirt mit Austria Wien im Frühsommer sei unverzeilich etc. Ernsthaft, Löwen? Wie oft wollt Ihr den Übungsleiter austauschen, wenn dies schon nach einem durchwachsenen, keineswegs katastrophalen Saisonstart und zwei sicher erwarteten, aber doch verlorenen Punkten der Fall ist?
Manchmal hilft es, tief durchzuatmen
Als besonnener Löwenfan kann man nur inständig hoffen, dass sich die Protagonisten auf der Kommandobrücke bei 1860 von der Stimmung im Umfeld nicht beirren lassen. Dass sie dem Druck der Straße und geschriebenen Worte Stand halten und den eingeschlagenen Weg konzentriert und fokussiert fortsetzen. Die gleichen Fans, die nämlich heute noch mosern und zetern, sind ja nach dem nächsten sportlichen Erfolg wieder überschwänglich und euphorisiert. Seit jeher Alltag bei unserem Lieblingsverein. An die in diesem Kommentar gescholtenen sei aber ein Vorschlag gerichtet:
Der Autor dieser Zeilen ist am Samstag gegen 15:50 Uhr erstmal einen längeren Moment auf seinem Platz in der Stehhalle sitzen geblieben (bzw. hat er diesen nach einer kompletten zweiten Halbzeit im Stehen wieder eingenommen). Und er hat das zuvor Geschehene in Ruhe verarbeitet und gedanklich eingeordnet. Und tief durchgeatmet. Vielleicht würde ähnliches Handeln ja auch dem einen oder anderen helfen, die Dinge ein wenig sachlicher und entspannter zu bewerten.