Guinea-Bissau stellte die letzte Station der Groundhopping Tour unseres Lesers Stefan durch Westafrika dar. Im südlichen Nachbarstaat Senegals hatten er und seine Begleiter sogar die Möglichkeit, ein Länderspiel zu besuchen. Viel Spaß mit der Lektüre und den Bildern aus der Hauptstadt Bissau.

Überraschender Länderpunkt in Bissau

Die Pflicht war mit den Besuchen von Senegal und Gambia erfüllt, jetzt folgt die Kür. Ohne dass wir wirklich damit gerechnet hatten, wurde das Qualifikationsspiel für die Afrikameisterschaft von Guinea-Bissau gegen Nigeria (mit ihrem Star Victor Osimhen) tatsächlich wieder in das arme Nachbarland Senegals gelegt. Erstmals seit Jahren findet also im angeblich neu renovierten “Estadio 24 Septembro” wieder ein Länderspiel statt. Die Entfernung zwischen Banjul in Gambia und Bissau in Guinea-Bissau beträgt 280 Kilometer und führt über zwei Landesgrenzen. Das sollte doch irgendwie zu schaffen sein und wir begeben uns an die Planung. Vier Tage später sollte unser Rückflug wieder von Dakar (wiederum 1.000 Kilometer nördlich von Bissau) aus starten. Zur Erklärung: Das Land “Guinea” gibt es zweimal und die beiden sind Nachbarländer. Das große Land Guinea ist etwa so groß wie Rumänien und hat die Hauptstadt Conakry. Sein kleiner Bruder Guinea-Bissau ist ungefähr so groß wie Baden-Württemberg und liegt eingequetscht am Atlantik zwischen dem großen Guinea und Senegal. Der Einfachheit halber werden die beiden vor Ort nach ihren Hauptstädten “Guinea-Bissau” und “Guinea-Conakry” benannt.

Guinea-Bissau war einst eine portugiesische Kolonie und ist heute (im Gegensatz zu Senegal und Gambia) katholisch. Allerdings sind wir hier bei der Ethnie der Mandinka, sodass auch unser Fahrer, der den Wolofs angehört und gambischer Muslim ist, kein Wort mehr versteht.

Die Entscheidung für eine organisierte Tour ab Gambia mit Driver und Unterkunft, der uns außerdem bei der Visumsbeschaffung half, war letztendlich nur die logische Konsequenz aus allen Recherchen. Guinea-Bissau ist nicht unbedingt das super Land für Individualreisende. Von irgendeinem wichtigen Wirtschaftsmagazin wurde es als eines der sieben “gescheiterten Staaten” der Erde auf eine Ebene mit Syrien und Nordkorea gehievt, unfähig als Verwaltung für die soziale oder politische Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen. Neben den portugiesischen Entwicklungshilfen sind die Drogencontainer am Umschlaghafen von Bissau die einzige nennenswerte Einnahmequelle. Und genau dort wollten wir vier Weißbrote zum Fußball schauen hin. Goundhopping Guinea-Bissau – na Mahlzeit!

Groundhopping Guinea-Bissau

Für die 280 Kilometer waren 10 Stunden bis zum Anpfiff veranschlagt. Es sollte also genug Zeit vorhanden sein – dachte man. Erstmal musste das Visum beschafft werden, was einigermaßen zügig funktionierte. Der Sachbearbeiter in Sakko und Badehose überreichte mir voller Stolz Visum Nummer 315 in diesem Jahr – mehr Ausländer wollten dieses Jahr also noch nicht nach Guinea-Bissau. Und nachdem wir dann erstmal massive Probleme bekamen, unseren Driver zu bezahlen, da alle Geldautomaten defekt waren, mussten wir nicht weniger als acht Polizeikontrollen und zwei Landesgrenzen überqueren. Erstere war dabei nichts anders als pure Schikane, um das vermeintlich geringe Salär aufzubessern: zu langsame Scheibenwischer (bei einer Niederschlagsmenge von jährlich “nix”), defekte rückseitige Nummernschildbeleuchtung, zu wenig Luft im Reifen, zu viel Luft im Reifen…

Keine Idee war den Leuten zu blöd, um nicht unserem Driver einmal mehr 20 Euro aus der Tasche zu ziehen. Höhepunkt war sicherlich die etwa 90-minütige Suche nach Drogen in unserem Gepäck, die darin gipfelte, die Legalität von Malaria-Tabletten anzuzweifeln. Auch an den Grenzen lief die Bearbeitung insgesamt etwas behäbiger. Sei es der vierte Offizielle, der mittlerweile alle Reisepässe und Visa handschriftlich abschreibt, oder dass der Typ, der das als Schlagbaum fungierende Seil hochhält, in der Mittagspause ist. Ständig nur warten, warten, warten – ohne Klimaanlagen auf staubigen Pisten – this is Africa! Und die Uhr lief so knapp, dass wir pünktlich zum Anpfiff in unserem Hotel ankamen, dort unseren regulären Guide trafen und der uns sofort mit Affenzahn zum Stadion brachte und das Abenteuer “Groundhopping Guinea-Bissau” erfolgreich gestaltete.

Guinea-Bissau – Nigeria 0:1
Qualifikation zur Afrikameisterschaft 2023, 27.03.2023, Estadio 24 de Setembro Bissau

Zehn Minuten nach Anpfiff endlich im Stadion! Eine weitläufige Schüssel nach 80er-Jahre Bauart und mit knapp 18.000 Leuten voll besetzt. Doch nicht nur im Stadion waren die Schaulustigen, sondern auch auf die außenliegenden Häuser, Bäume, Container und Schilder wurde geklettert, um von draußen noch einen Blick ins Stadion zu ergattern. Schließlich war es der erste Auftritt der Nationalmannschaft von Guinea-Bissau im eigenen Land seit Ewigkeiten. Und dann noch gegen so einen Hochkaräter, den mehrmaligen Sieger der Afrikameisterschaft und WM-Teilnehmer Nigeria, mit ihrem Star Victor Osimhen (Napoli) an der Spitze. Etwa dieselbe Zahl an Stadionbesuchern befand sich noch außerhalb des Stadions und die Ordnungsmacht hatte alle Hände voll zu tun, die dauernden Versuche, ins Stadion zu kommen zu unterbinden. Nach zehn Stunden ohne Essen auf staubigen Pisten waren wir mit diesen Eindrücken bald total überladen. Und als dann auch noch ein Polizist auf uns zukam und uns “unter der Hand” Alkohol verkaufte, haben wir an gar nichts mehr geglaubt.

Das Spiel selbst war dann Gott sei Dank etwas ruhiger: Nigeria führte früh mit 1:0, ließ insgesamt nichts anbrennen und Guinea-Bissau hatte Glück, dass es nicht höher wurde. Osimhen, aufgrund seiner Blondierung auf dem Platz klar erkennbar, wurde bei jedem Ballkontakt angefeuert, obwohl er zum anderen Team gehörte. Es war also bald klar, für wen die Zuschauer da waren. Gegen Ende des Spiels wurde es dann auch im Umgriff etwas unruhig, da immer mehr Leute von außen versuchten, ins Stadion zu drängen. Als dann zum Abpfiff einerseits die Stadiontore geöffnet wurden und eine kleine Flutwelle an Menschen lostraten, begannen andere im Stadion mit einem Platzsturm, um einmal im Leben ihren Stars nah zu sein. Wir suchten uns relativ sichere Plätze mit gutem Blick weit oben auf der Tribüne und verfolgten das Spektakel aus sicherer Entfernung. Ziemlich froh war ich, dass es noch tagsüber war, denn bei Dunkelheit und schummriger Beleuchtung hätte das – meinem Gefühl nach – nicht zwingend so gut ausgehen können. Da sich das Chaos rund ums Stadion nach dem Spiel nicht legte und wir keine Chance sahen, dass uns unser Guide hier wieder finden könnte, nahmen wir nach dem Spiel die drei Kilometer Rückweg zum Hotel zu Fuß in Angriff. Die notwendige Dusche im “einzigen Hotel am Platz” und ein richtig gutes Abendessen mit einer Flasche Rotwein folgten und bildeten den Abschluss eines wahnsinnig eindrucksvollen Tages.

Vier Erstligisten gleichzeitig auf dem Platz

Wir blieben insgesamt zwei Nächte in Bissau und haben uns durch die spärlichen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt gekämpft. Da aktuell viele Fördergelder für Infrastrukturmaßnahmen aus Portugal ankommen, ist die ganze Altstadt zur Baustelle umfunktioniert. Wobei es ab dann, wenn man die Innenstadt verlässt, schon wieder deutlich dusterer aussieht. Aber das ist ja überall so. Den Drogen-Umschlaghafen wollten wir uns ebenfalls ansehen, ernteten aber viele missbilligende Blicke.

Außer dem Nationalstadion gibt es in der Innenstadt noch ein weiteres kleines Stadion. Da im Internet keine Spielpläne zu finden waren, wanderten wir in der Hoffnung auf ein weiteres Spiel zum Stadion. Obwohl zumindest die Stadionwirtschaft offen hatte, fand an dem Tag kein Spiel statt, sondern lediglich die Trainingseinheiten der vier Erstligisten aus Bissau, die – angelehnt an ihre Kolonialisten – allesamt einprägsame Namen hatten: Benfica Bissau in rot trainierte neben Sporting Bissau in grün neben Boavista Bissau in schwarz und FC Porto Bissau in blau.

So sahen wir halt noch etwas beim Training zu und tranken dabei Bier.

Die Reise nach Westafrika geht zu Ende

Den Rückweg konnten wir etwas gemächlicher angehen. Einerseits hatten wir nun keinen Zeitdruck mehr, andererseits hat unser Driver mittlerweile einen Weg gefunden, den Polizeikontrollen aus dem Weg zu gehen, indem er stolz und breit erklärte, er hätte “international agierende Fußballbeobachter” an Bord. Zuletzt fiel unsere Entscheidung, nicht den Landweg nach Dakar zu nehmen, sondern mit einer riesigen Fähre von Ziguinchor in Süd-Senegal, an Gambia vorbei in 18 Stunden auf dem Boot mit ausreichend Wein, Bier und Proviant nach Dakar in Nord-Senegal zu fahren, sodass wir überall jeweils in Ruhe eine Nacht am Pool dranhängen konnten.

Danke für die positiven Kommentare, ich lese sie auf jeden Fall und werde drauf antworten!

Groundhopping auf sechzger.de

In den letzten Monaten erschienen bereits einige Groundhopping-Artikel auf sechzger.de. Hier eine kurze Übersicht:

Groundhopping Rumänien
Groundhopping Mazedonien bzw. Nordmazedonien
Groundhopping Armenien
Groundhopping Thailand
Groundhopping Ukraine
Groundhopping Kuba
Groundhopping Montenegro
Groundhopping Indien
Groundhopping Kirgisistan
Groundhopping Saudi-Arabien
Groundhopping Antarktis (Südgeorgien)
Groundhopping Kolumbien
Groundhopping Indonesien
Groundhopping Laos
Groundhopping Georgien
Groundhopping Sansibar
Groundhopping Moldawien/Transnistrien
Groundhopping Nordkorea
Groundhopping Bulgarien
Groundhopping Senegal
Groundhopping Gambia

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Kraiburger

Übrigens läuft bei der Afrikameisterschaft aktuell die selbe Partie erneut. Nigeria führt erneut 1:0