Nach sieben absolvierten Spieltagen ist es eigentlich noch zu früh für eine wirklich umfassende Bewertung der Neuzugänge des TSV 1860 München im diesjährigen Transfersommer. Nachdem sich aber viele Medien in dieser Woche um dieses Thema kümmern, hat sich auch Bernd Winninger, unsere sechzger.de-TAKTIKTAFEL die Performance der neuen Spieler im Team von Trainer Jacobacci einmal genau angeschaut. Hier seine Analyse.
Die formalen Transfermodalitäten und die sportliche Qualität der Neuzugänge beim TSV 1860 bewerten wir als Fanportal übrigens komplett unabhängig voneinander!
Ich hätte mir die Bewertung gerne für nach dem zehnten Spieltag aufgehoben. Das wäre meiner Meinung nach der beste Zeitpunkt, eine erste Analyse vorzunehmen. Aber wenn der Großteil der Medien jetzt schon ein Fazit ziehen will, stehe ich da natürlich nicht nach und erläutere, wie ich die externen Neuzugänge im einzelnen bewerte.
Die Volltreffer
Joël Zwarts
Der junge Niederländer, der vom SSV Jahn Regensburg zu den Löwen wechselte, ist eine absolute Granate. Mit bisher drei Treffern liegt seine Torquote knapp unter seinem xG Wert. Da das nur eine Momentaufnahme ist und sich die Quote, wenn ein zu eigensinniger Mannschaftskamerad öfter mal ein Auge für den Nebenmann hätte, vermutlich besser darstellen würde, legen wir hier mal die Messlatte nicht zu hoch. Pro neunzig Minuten Spielzeit liegt seine Ausbeute bei 0,48 Treffern.
Seine Passquote ist für einen Stürmer außerordentlich gut, die Schussgenauigkeit liegt statistisch ebenso auf einem überdurchschnittlichen Wert.
Mit knapp über drei Schüssen pro Spiel liegt er in der Kategorie Schüsse pro Spiel etwas unter dem Wert, den ein Mittelstürmer dort erreichen sollte. Aber auch das hat mit dem oben schon angesprochenen Eigensinn von Mannschaftskameraden zu tun.
Morris Schröter
Der Flügelflitzer wird derzeit als bester Mittelfeldaußen der Liga vom hier verwendeten Statistikportal geführt. Er spielt im offensiven Mittelfeld mit den linken Verteidigern der Gegner bisher Katz und Maus. Meistens weiß dann die Maus in Person des gegnerischen Außenverteidigers nach spätestens einer Viertel Stunde nicht mehr wo vorne und hinten, links und rechts oder oben und unten ist. Schröter spielt mit einer sagenhaften Quote von knapp zwei Dritteln gewonnener Dribblings jede linke Abwehrseite nach Belieben derart schwindelig, dass die Gegenspieler vermutlich noch zwei Tage nach dem Aufeinandertreffen mit Schröter ihre Gräten sortieren.
Mit seinen lediglich 56% Prozent angekommenen Pässen könnte man meinen, dieser Wert wäre schlecht. Sieht man sich aber an, wo diese Pässe bisher hauptsächlich gespielt wurden, und welche Art Pässe das waren, ändert sich das Bild wieder. In der Zone, in der Schröter den Ball eher nicht zum Adressaten bringt (nämlich dem letzten Drittel vor dem gegnerischen Tor) herrscht in der Regel viel gegnerischer Verkehr und die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Zuspiels sinkt dort dramatisch. Vergleichen wir Schröters Quote mit der des zweitbesten offensiven rechten Außenspielers der Liga, der mehr als die Hälfte der Spiele auch auf dieser Position absolviert hat, liegt Schröter in der Bewertung des Passspiels in Abhängigkeit zur offensiven Positionierung weit vor seiner Konkurrenz. Einfach kann jeder. Schröter spielt offensiv auf der rechten Außenbahn momentan in einer anderen Liga – verglichen mit der Konkurrenz.
Auch gegen den Ball hat Schröter ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Seine Quote gewonnener Defensivzweikämpfe liegt sogar noch einen Prozentpunkt höher, als bei den Dribblings. Das macht ihn besonders wertvoll.
Julian Guttau
Wie Schröter ist auch Guttau auf seiner Position im Moment den Statistiken nach der beste Spieler der Liga. Das allerdings aus gänzlich anderen Gründen.
Als erstes fällt bei Guttau die hohe Passsicherheit für seine Position ins Auge. 75% seiner Pässe finden ihr Ziel.
Mit drei Toren bisher ist er zusammen mit Zwarts der beste Torschütze in Reihen der Sechzger. Guttaus Dribbelstärke ist zwar durchaus vorhanden und seine Erfolgsquote dabei auch überdurchschnittlich hoch. Er geht jedoch nicht so oft, wie Schröter in den direkten Zweikampf und löst seine Aufgaben eher über Zusammenspiel als über Individualität.
Gegen den Ball bringt sich Guttau im Rahmen seiner Position ebenfalls gut ein. So hat er auch in Zweikämpfen gegen dem Ball eine gute Quote, die jedoch nicht an das heranreicht was Kollege Schröter an den Tag legt.
Niklas Tarnat
Mit einer Erfolgsquote bei allen Aktionen von über 76% ist eigentlich schon alles gesagt, was man über Niklas Tarnat sagen muss. Er ist ein absoluter Stabilitätsfaktor im defensiven Mittelfeld und interpretiert seine Rolle als tiefer Sechser gut. Einerseits ist die konservative Herangehensweise an die Sechserposition heutzutage von vielen Trainern nicht mehr gerne gesehen, andererseits steht und fällt die Stabilität des Defensivverbunds mit dem Stellungsspiel auf dieser Position. Der tiefe Sechser ist meiner Meinung nach – auch wenn er meistens eher unauffällig spielt – eine der Herzkammern einer jeden Mannschaft.
Noch taucht er in der Liste der besten Spieler der Liga auf seiner Position nicht auf einer Topposition auf. Das wird sich noch ein paar Spieltage lang hinziehen. Bis Weihnachten wird er sich aber, wenn der Trainer ihn berücksichtigt und spielen lässt, in seiner Kategorie auf einer Topposition zu finden sein.
Bei allen, seine Position betreffenden wichtigen statischen Werten hat Tarnat gute bis hohe Werte vorzuweisen, auch wenn man hier noch keine auf Statistiken fußende umfassende Bewertung abgeben kann. Dazu ist die Saison einfach noch nicht alt genug.
Besonders sein Passspiel ist mit knapp 91% angekommener Pässe überdurchschnittlich gut.
Die Werte gegen den Ball – Zweikämpfe, Kopfballduelle und abgefangene Pässe – kann man noch relativ schlecht bewerten, da der Gegner, wenn er durchs Zentrum kommt, offensichtlich versucht, Tarnat zu meiden und die Bälle eher auf den Flügel oder in den anderen Halbraum, dort wo sich der Box-to-Box Spieler des TSV 1860 zum Verteidigen befindet, spielt. Wenn Tarnat auf dem Feld ist, werden er bzw. die Räume die er abdecken soll, von der gegnerischen Mannschaft eher gemieden. Auch das ist allerdings ein Zeichen, für seine Qualität.
Die guten Griffe
Manfred Starke
Der nun – wegen seiner Roten Karte am vergangenen Samstag – gesperrte Manfred Starke konnte noch nicht vollends überzeugen und wird für mindestens ein Spiel auch keine Gelegenheit dazu bekommen, aber dennoch muss man den Nationalspieler Namibias für seine bisherigen Einsätze ein durchauspositives Zeugnis ausstellen.
Mit Platz elf in der Bewertung der zentralen Mittelfeldspieler auf unserem Statistikportal schafft er es nur knapp nicht in die Top Ten. Mit starken Werten gegen den Ball, aber in der offensiven Performance etwas schwächelnd, würde ich Platz elf in der ligaweiten Wertung als durchaus gerechtfertigt ansetzen.
Stark im direkten eins gegen eins zieht er aber bei offensiven Laufduellen leider öfter den kürzeren. Sein Passspiel ist auf einem für seine Position durchschnittlichem Niveau was die Genauigkeit anbelangt. Ein bevorzugtes Ziel bei Vorwärtspässen die nicht ankommen ist ein leider etwas bewegungsfauler, offensiver Mitspieler, der schon seit letztem Jahr immer wieder zeigt, dass er von der Spielauffassung eigentlich eher für eine Individualsportart wie Tennis oder Golf prädestiniert wäre und nicht für einen Mannschaftssport.
Starke wird sich im Ranking seiner Kategorie, das er im vergangenen Jahr am Saisonende deutlich anführte, noch verbessern und dort, sollte er sich nicht verletzten, meiner Meinung nach am Ende einen Platz unter den Top Fünf belegen.
Erol Zejnullahu
In jedem seiner bisher leider spärlich gesäten Einsätze hat Zejnullahu gezeigt, wie wertvoll ein mannschaftsdienlicher zentraler offensiver Spieler sein kann.
Er kommt leider bisher auf zu wenig Spielminuten insgesamt, um eine umfassende, fundierte Analyse zu erstellen. Aber wenn wir die drei Spiele, in denen er über 60 Minuten auf dem Platz stehen durfte, als Grundlage nehmen, sehen wir bei Zejnullahu knapp 60% gelungene Aktionen mit einer Passquote von 85%. Er hat insgesamt eine Ballverlustquote die um 33% besser ist, als die seines Konkurrenten auf dieser Position.
Vergangene Saison (damals noch für Absteiger Bayreuth am Ball) war er vor Nazarov (Aue) und Starke (damals noch Oldenburg) als bester offensiver Mittelfeldspieler der Liga gelistet, wenn man der letztjährigen Rangliste auf unserem Datenportal Glauben schenken darf.
Leroy Kwadwo
Der Prototyp eines Innenverteidigers. Zweikampf- und kopfballstark, mit relativ gutem Stellungsspiel ausgestattet. Alle Werte, die statistisch gesehen hier zum tragen kommen, liegen über dem Durchschnitt.
Sein Manko ist, dass er dann und wann nicht so die Position hält, wie es wünschenswert wäre. In manchen Momenten lässt er sich vom Gegenspieler aus der Position ziehen und öffnet so einen Raum, den dann ein nachrückender gegnerischer Mittelfeldspieler besetzt, was immer zu gefährlichen Momenten führen kann.
Der Durchschnitt
Kaan Kurt
Wenn es einen Spieler gibt, auf den bisher in dieser Saison das Wort Durchschnitt zutrifft, so ist das Kaan Kurt. Kaum ein Wert, der auf seiner Position als wichtig erachtet wird, sticht positiv hervor, kaum ein Wert ist derart negativ, dass man ihn als schlecht einstufen müsste.
Die Werte, die positiv auffallen sind a) die Pässe ins letzte Drittel. Dort zeigt Kurt eine gute Quote von knapp unter 75% Erfolgsquote. Und b) Laufduelle um freie Bälle wo er 60% Erfolgsquote vorweisen kann.
Der Wert, der negativ hervorsticht, ist leider seine Zweikampfbilanz in direkten Duellen gegen den Ball. Mit lediglich 50% ist er da noch verbesserungsfähig. Auch bei Kopfballduellen muss Kurt noch besser werden. Mit unter 30% ist er hier deutlich ausbaufähig.
Unterdurchschnittlich
Marlon Frey
Nach anfänglicher Sperre aus der Vorsaison in bisher fünf Spielen zum Einsatz gekommen, war Frey in jeder Partie ein Unsicherheitsfaktor. Ich will ihn hier nicht anhand seiner statistischen Werte bloßstellen. Nur soviel sei gesagt: In manchen für seine Position wichtigen Werten hat er ein Steigerungspotential das dem der Funktion y=eˣ bei der Koordinate 0 entspricht.
Als gut ist lediglich seine Performance im Passspiel zu bezeichnen. Das sollte im Normalfall auf dieser Position schon zum Durchschnitt reichen.
Bei Frey ist es aber so, dass sein Verhalten im Passspiel eher Alibifunktion hat und nicht das bringt, was man sich von einem Spieler, der hauptsächlich in der Rolle des Box-to-Box-Spielers agiert, erwarten kann. 70% seiner Pässe waren Pässe ohne Intention zum Raumgewinn. Von diesen Passen kam zwar ein Großteil an, jedoch meist ohne Mehrwert für die Mannschaft.
Nicht bewertbar
David Richter
Kilian Ludewig
Valmir Sulejmani
Tarsis Bonga
Alle vier Neuzugänge haben noch viel zu wenig Einsatzzeit, um sie bewerten zu können. Von daher lass ich das bei ihnen bleiben. Auch über Potential und mögliche Aussichten auf Einsätze der Spieler möchte ich mich hier nicht äußern. Es wäre einfach unfair, ins Blaue hinein zu spekulieren.
Einen Gedanken habe ich trotzdem: Mit seiner Größe von 1,97 m kann man Bonga meiner Meinung nach nicht auf der Außenposition einplanen. Der Junge gehört im Training ans Kopfballpendel, bis ihm der Schädel brummt und dann irgendwann im offensiven Zentrum als Brechstande eingebaut. Ein gutes Beispiel für überdurchschnittlich große Mittelstürmer wäre z.B. Jan Koller (2,02 m). Wer erinnert sich nicht an diese wuchtige Kampfmaschine in Diensten des BVB?
Datenquelle: Wyscout