Wie bereits im Vorjahr nutzte ich das Wochenende nach dem Saisonfinale der Profis für eine Fußballreise ins Ausland. Beim Groundhopping in Albanien stand der Länderpunkt dabei ganz im Zeichen der Jugend.

Albanischer Verband wenig kooperativ

Nachdem ich 2024 nach Bosnien gereist war, um dort die Saison ausklingen zu lassen, verschlug es mich diesmal zum Groundhopping nach Albanien. Warum gerade dorthin? Zum Einen, weil ich dort noch nie war und zum Anderen, da dort gerade die U17 Europameisterschaft stattfindet, was den Vorteil hat, dass Spielorte und Termine fix sind und die Planung durchaus erleichtern. Gerade auf dem Balkan, wo Spiele oft erst wenige Tage vorher terminiert oder verschoben bzw. sogar ganz abgesagt werden, ist dies ein großer Vorteil.

Auch diesmal wäre ich ohne das Turnier der UEFA wohl aufgeschmissen gewesen, denn die albanische Liga ist bereits beendet (Meister wurde KF Egnatia), das Pokalfinale war bereits absolviert (Pokalsieger: Dinamo City) und vom albanischen Verband kam auf meine zahlreichen Anfragen, ob an dem besagten Wochenende irgendwelche Spiele (Liga, Alter, Geschlecht – alles egal!) stattfinden, nicht eine einzige Antwort.

Verspätete Ankunft in Durres

Okay, dann halt nur U17 EM – gibt Schlimmeres! Zum Beispiel einen verspäteten Hinflug, der Zeitplanung direkt mal infrage stellt, zumal diese ohnehin sehr knapp war. Landung in Tirana um 17 Uhr, Anpfiff im 40 km entfernten Durres um 18 Uhr, da schmerzen 15 Minuten ungemein, wenn man auch noch Geld abheben und eine albanische SIM-Karte kaufen muss.

Ganz zum Anpfiff hats dann tatsächlich auch nicht gereicht, aber 20 Minuten nach Spielbeginn setzte mich das Taxi vor den Toren des Stadiumi Niko Dovana ab und kurz darauf war ich auf meinem Platz. Schon witzig, dass hier ein UEFA-Turnier ausgetragen werden darf, das Grünwalder Stadion aber nicht zweitligatauglich sein soll. Es bröckelte an allen Ecken und Enden, Sitze waren munter im ganzen Block verteilt und Inspekteure des TÜV Süd wären sicher mit Schnappatmung geflüchtet.

Sportlich war das Ganze recht eindeutig, Belgien dominierte den Gegner aus der Tschechischen Republik über weite Strecken nach Belieben und hätte noch viel deutlicher als 3:1 (Video findet Ihr HIER) gewinnen können, ja fast schon müssen. Überragender Spieler auf Seiten der Belgier war Ali Camara vom KRC Genk – der wird seinen Weg machen.

Groundhopping Albanien: Schon wieder U17!

Am nächsten Tag war nach einer kurzen und aufgrund der nicht ganz so coolen und ungepflegten Unterkunft recht unangenehmen Nacht erstmal Sightseeing in Durres angesagt. Die Stadt mit rund 100.000 Einwohnern liegt direkt am adriatischen Meer und ist im Sommer ein touristisches Zentrum Albaniens. Ende Mai hingegen hat sich Durres noch nicht wirklich rausgeputzt, der Strand schaut noch total verwildert aus, die schön hergerichtete Promenade ist noch ziemlich menschenleer. Ich nutze das schier endlose an Angebot an Kaffeehäusern ausgiebig – und toppe das dann in Tirana nochmal deutlich…

Auf meinem Spaziergang durch die Gemeinde komme ich fast schon zwangsläufig auch nochmal am Stadion vorbei und stutze. Das war doch ein Pfiff, oder? Und das ein Schrei? Also beschleunige ich meinen Schritt und tatsächlich: Auf dem Nebenplatz des Stadions wird gespielt und schnell finde ich heraus, dass sich die U17-Mannschaften von KF Teuta Durres und dem FC Kinostudio Tirana gegenüberstehen. Welch schöne Überraschung! Das hätte mir der Verband durchaus mitteilen können… In einer interessanten Partie siegen die Gäste schließlich verdient mit 4:2, wobei da munter durchgewechselt wird und am Ende auch einige Spieler von Teuta beim Gegner mitkicken, weil die nur zu zwölft angereist waren.

Pulsierendes Tirana mit dunkler Geschichte

Mit Abpfiff verlasse ich den Platz, gönne mir noch ein ausgiebiges Mahl und setze mich in den Bus nach Tirana. Im Gegensatz zum Taxi ist dieses Verkehrsmittel spottbillig, für 200 Lek (2 Euro) bringt mich der Bus in die Hauptstadt. Wobei: Der Busbahnhof liegt extrem dezentral und genau am anderen Ende der Stadt, der Fußmarsch zu meiner Unterkunft ist mir zwei Stunden veranschlagt und da gerade der Regen einsetzt und es ein bisschen donnert, nehme ich halt doch nochmal ein Taxi. Dieses umfährt den katastrophalen Stau weiträumig und so schlage ich zwanzig Minuten später in meinem Apartment auf. Erstmal duschen, dann noch eine Runde durchs Viertel und anschließend chillen. Ich hatte an dem Tag dann doch schon deutlich über 20 km in den Beinen.

Neuer Tag, volles Programm. Ich laufe 25 Minuten ins Zentrum, schlendere ein wenig planlos herum und um 10 Uhr beginnt die Free Walking Tour am Opernhaus, das am imposanten Skanderbeg-Platz liegt. Zweieinhalb Stunden lang führt uns Guide Françesko kreuz und quer durch die Stadt, versorgt uns mit allerhand Geschichten und Eindrücken und zeichnet das Bild eines Landes, das bis vor rund 30 Jahren wie ein Nordkorea in Europa regiert wurde. Eine ungemein interessante, aber auch bedrückende Historie, der man sich unbedingt auch widmen sollte, wenn man Albanien bereist.

Groundspotting in der Hauptstadt

Nach der Führung erstmal ein lokales Craft Beer, einen kleinen Snack und einen Espresso und dann die eine oder andere Sehenswürdigkeit nochmal genauer unter die Lupe nehmen. Ich beginne mit dem House of Leaves, der Zentrale der Geheimpolizei, also quasi der albanischen Stasi. Danach brauche ich was Leichtes, lasse mich durch die Stadt treiben und beschließe, mir die nächsten Stunden mit Groundspotting zu vertreiben.

Erster Anlaufpunkt ist das Stadiumi Selman Stërmasi von KF Tirana und zunächst sieht es so aus, als gäbe es keine Möglichkeit, einen Blick ins Innere zu werfen. Das letzte Tor nach Umrundung des Grounds ist dann aber doch geöffnet und so schlüpfe ich rein und schieße ein paar Fotos. Der direkt angrenzende Nebenplatz wird seit Jahren nicht mehr genutzt und verwildert zunehmend. Schade eigentlich.

Generalprobe der Hymnen

Nach einer weiteren Espressopause mit Aufladen des Smartphone-Akkus (darauf komme ich später nochmal zurück…) spazierte ich weiter zum Kompleksi Dinamo und zum unmittelbar daneben gebauten Kompleksi Federata Shqiptare e Futbollit des albanischen Verbandes. Die beiden Grounds teilen sich sogar ein Dach. Dort konnte ich das Areal leider nicht betreten und so zog ich weiter in den schönen und erholsamen Stadtpark Tiranas. Nach all der Hektik zuvor eine willkommene Oase der Ruhe.

Mit Anbruch des Abends bewegte ich mich in Richtung Air Albania Stadium, warf einen ersten Blick auf die futuristische Arena, in der auch schon ein Europapokalfinale stattgefunden hatte. Es war allerdings noch zu früh, um das Stadion zu betreten, die Generalprobe der Hymnen beim Vorbeigehen war dennoch ganz witzig. Also erstmal zum Abendessen, nochmal ein albanisches Craft probieren, ein bisschen Premier League im TV und dann zurück zum Ground.

Übereifriger Steward im Air Albania Stadium

Jetzt waren die Tore geöffnet, das Abtasten verlief problemlos, aber plötzlich wurde ich aufgehalten und mir der Eintritt verwehrt. Warum? Dem Steward passte es nicht, dass ich mein Handy-Ladegerät dabei hatte, das ich ja Richtung Spielfeld werfen könnte. Diskussion zwecklos, also hinterlegte ich das gute Stück in einem nahen Café, um dann festzustellen, dass quasi alle Jugendlichen um mich herum so ein Gerät im Stadion dabei hatten. Wie ich diese Willkür hasse!

Absolutes Highlight vor Spielbeginn war übrigens die Freude von so manchem Kind, das zum ersten Mal im Stadion war und ganz große Augen bekam. So viel echte Begeisterung und Aufregung sieht man wirklich selten.

Deutschland scheitert verdient an Portugal

Die Geschichte des Spiels zwischen den U17-Teams aus Portugal und Deutschland ist schnell erzählt. Die Deutschen mussten gewinnen, um weiterzukommen, kamen aber selten gefährlich vors Tor, während die Iberer des Öfteren am deutschen Keeper scheiterten. So wirklich unterhaltsam war das nicht.

20 Minuten vor Schluss ging Deutschland dann doch noch in Führung, der Ausgleich fiel nur wenige Zeigerumdrehungen später und in der 89. Minute versetzte Portugal den deutschen Jungs mit dem 2:1 endgültig den Todesstoß. Zur Strafe musste die deutsche Mannschaft am Tag drauf mit mir am Flughafen auf den Heimflug warten…

Ein letzter Spaziergang…

Den Montagvormittag nutzte ich erneut für einen ausgedehnten Spaziergang inklusive Besuch der Ausstellung Bunk’Art 2, die eine beeindruckende Übersicht über den Kommunismus in Albanien bietet. Danach hieß es Abschied zu nehmen, per Bus ging es zum Flughafen und zurück nach Memmingen.

War das alles die Mühen wert? Logo. Würde ich es wieder tun? Klar. Ist Albanien eine Reise wert? Ja, wenn man bereit ist, Abstriche zu machen und Bock hat, sich auf Land, Leute und die Historie Albaniens einzulassen. Die nächste Reise kommt bestimmt…

Groundhopping auf sechzger.de

In den letzten Monaten erschienen bereits einige Groundhopping-Artikel auf sechzger.de. Hier eine kurze Übersicht:

Groundhopping Rumänien
Groundhopping Mazedonien bzw. Nordmazedonien
Groundhopping Armenien
Groundhopping Thailand (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ukraine
Groundhopping Kuba
Groundhopping Montenegro
Groundhopping Indien
Groundhopping Kirgisistan
Groundhopping Saudi-Arabien
Groundhopping Antarktis (Südgeorgien)
Groundhopping Kolumbien
Groundhopping Indonesien
Groundhopping Laos
Groundhopping Georgien
Groundhopping Sansibar
Groundhopping Moldawien/Transnistrien
Groundhopping Nordkorea
Groundhopping Bulgarien
Groundhopping Senegal
Groundhopping Gambia
Groundhopping Guinea-Bissau
Groundhopping Frankreich
Groundhopping Kosovo & Nordmazedonien
Groundhopping Bosnien
Groundhopping Taiwan
Groundhopping Tunesien
Groundhopping Algerien
Groundhopping Türkei
Groundhopping Galicien (Teil I / Teil II)
Groundhopping Madrid (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ecuador (Teil I / Teil II)

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