Sommerpause bei den Löwen heißt entweder kein Fußball für ein paar Wochen, alternativ Zeit für andere Mannschaften in der Relegation oder sogar anderen Ländern. sechzger.de-Redakteur Jan plante rund um das schwedische Pokalfinale Ende Mai gleich eine ganze Tour und berichtet davon in mehreren Artikeln. Der Groundhopping-Startschuss fiel in Litauen mit der Partie FK Kauno Zalgiris – FA Siauliai.

Groundhopping in Litauen: FK Kauno Zalgiris – FA Siauliai

Bereits vor dem letzten Spieltag gegen Erzgebirge Aue visierte ich einen Besuch beim schwedischen Pokalfinale an. Die Recherche wurde immer intensiver und brachte interessante Kombinationsmöglichkeiten zum Vorschein. So sollte es nicht wie ursprünglich geplant ein verlängertes Wochenende in Schweden werden, sondern eine deutlich längere Tour. Zehn Spiele in fünf verschiedenen Ländern wurden es schlussendlich. Das war insbesondere aufgrund Englischer Wochen in Norwegen und Schweden so möglich.

Los ging es mit dem Flieger von München aus in die litauische Hauptstadt Vilnius. Litauen – weiß man zwar, dass es das Land gibt, das war es dann aber irgendwie auch schon bei mir. Umso gespannter und unvoreingenommener war ich, was mich dort erwarten sollte. Eine der Fragen, die ich mitbrachte: wie sehen die Litauerinnern und Litauer die wachsende Bedrohung durch Russland? Früher als ich es für möglich gehalten hatte, wurde mir die Antwort präsentiert.

Denn als wir angekommen in Vilnius zum Gate rollten, erspähte ich das Flugzeug der deutschen Bundesregierung. Eine kurze Recherche ergab: Merz und Pistorius sind an diesem Donnerstag ebenfalls in Vilnius und mit ihnen 800 deutsche Soldaten. Egal wo man sich hinbegibt, überall nur Deutsche im Urlaub anzutreffen… in diesem Fall aber mit einem wichtigen und besonderen Grund. Bis Ende 2027 wird die Bundeswehr in Litauen eine Brigade stationieren. An diesem Tage erfolgte der sogenannte Aufstellungsappell, dem eben auch die beiden Vertreter der Bundesregierung beiwohnten.

Deutsche Soldaten zum ersten Mal eingeladen

Aufstellungsappell Deutsche Bundeswehr In Vilnius Litauen Panzer Am Hauptplatz

Überall waren Soldaten und militärische Fahrzeuge, darunter auch zahlreiche Panzer. Mich beschlich da schon ein etwas mulmiges Gefühl bei so einem Anblick mitten in einer Stadt. Die Litauerinnen und Litauer freuten sich hingegen sichtlich. Ganze Schulklassen strömten auf den Kathedralenplatz, Kinder wie auch Erwachsene kletterten in sowie auf die militärischen Fahrzeuge und machten Selfies. Meine Stadtführerin brachte es passend auf den Punkt: “Das ist das dritte Mal, dass deutsche Soldaten auf diesem Platz stehen – nur jetzt sind sie zum ersten Mal eingeladen worden.” Wenn man sich die Landkarte und entsprechend die Lage von Litauen vor Augen führt, sieht man schnell, wieso der baltische Staat von besonderer strategischer Bedeutung ist. Er grenzt an die russische Enklave Kaliningrad und wäre damit ein willkommener Landgewinn für die Russen.

Aber zurück zum Wesentlichen: meine Stadtführung fand auf deutsch statt und war sehr informativ. Binnen etwa 2,5 Stunden konnten wir das Wichtigste der Stadt erkunden. Die Hauptstadt ist nach Angaben der Führerin unter anderem auch die schönste Stadt Litauens, weil ein Großteil der finanziell vorhandenen Mittel in Vilnius investiert werden (60%). Einen weiteren beträchtlichen Anteil erhält die zweitgrößte Stadt, der Rest muss mit viel weniger auskommen. Das klingt schon nach einem ziemlichen Ungleichgewicht.

Litauen schrumpfte massiv

Spannend war außerdem zu erfahren, dass das Land ein massives Abwanderungsproblem hatte. In Zahlen: 2000 lebten 3,5 Millionen Menschen in Litauen, aktuell sind es nur noch 3,0. Dazu muss man allerdings sagen, dass sich der Trend zuletzt wieder zum Positiven gewendet hat und sich in Litauen viele Start-Ups, insbesondere aus der Tech-Branche, angesiedelt haben.
Ein weiteres Problem: Die meisten jungen Leute gehen studieren, obwohl durchschnittlich 10% von ihnen keinen Job finden. Zudem ist das Lohnniveau niedrig, was dazu führt, dass (studierte) Litauerinnen und Litauer lieber im Ausland beispielsweise in einem Hotel arbeiten, weil sie dort mehr verdienen. Erschwerend hinzu kommt,dass die Preise in Vilnius in Gäststätten für Pizza oder Bier nahezu auf Münchner Niveau waren, was mich völlig überraschte. Das passt dann erst recht nicht mit dem niedrigen Verdienst der Bevölkerung zusammen.
Ich machte mich im Anschluss noch etwas alleine auf den Weg und wurde dabei einmal komplett vom Regen durchweicht. Was für ein ungewohntes Gefühl, diese Nässe auf der Haut, nachdem in Deutschland in den Wochen zuvor alles knochentrocken war…

Am darauffolgenden Morgen ging es entspannt in einem modernen Zug nach Kaunas in die zweitgrößte Stadt des Landes. Hier sollte am Abend dann auch der Länderpunkt eingetütet werden. Nach einer kurzen Mittagspause erkundete ich die Stadt auf eigene Faust. Punkten kann sie vor allem mit zwei Flüssen, die sich am Ende der City vereinigen sowie einer kilometerlangen Fußgängerzone. Klein, aber fein würde ich das Ganze abschließend bewerten.

Kaunas Blick Auf Die Stadt Von Oben Aussichtspunkt

Und nun zum Fußball

Nach einem hervorragenden Burger war es dann endlich soweit: König Fußball rief! Eine Karte wollte ich direkt am Stadion kaufen, doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Einen Ticketshop erblickte ich nicht, sodass kurzerhand doch der Onlineshop aufgerufen wurde. Dabei versagte allerdings meine Kreditkarte aus bislang ungeklärten Gründen. Nach etwas hin und her brachte mich ein netter, junger Vereinsmitarbeiter zum absolut unscheinbaren Ticketverkauf und wenig später konnte es zum Glück los gehen. Einen Elfmeter für die Gastgeber verpasste ich aufgrund der Kartenproblematik, der Schütze konnte jedoch nicht das frühe 1:0 erzielen. Insgesamt fand sich im Nationalstadion Litauens heute eine überschaubare Zuschauermenge ein. Vergangene Woche war beim Spiel gegen den Hauptstadtklub Zalgiris Vilnius mit 6.000 Zuschauern noch deutlich mehr geboten. Beim Spiel gegen Siauliai waren es gerade mal wenige hundert. Auch hier folgte wieder ein Preishammer: 6,50€ wurden für ein Carlsberg aufgerufen – Prost Mahlzeit…

Auf dem Platz dominierten die Gastgeber das Geschehen größtenteils und gingen entsprechend auch verdient mit 3:0 als Sieger vom Platz. Ebenso kurios wie nervig war der Versuch des Stadionsprechers während dem Spiel die wenigen Zuschauer zum Anfeuern zu animieren. Ansonsten konnte man auf der Heimseite eine Familie mit einer Trommel als Supportergruppe ausmachen. Gäste waren nur eine Handvoll angereist, die auf der Gegengerade Platz nahmen. Meine insgesamt niedrigen Erwartungen deckten sich also mit der Realität – viel mehr als ein Spiel muss man in Litauen also nicht unbedingt gesehen haben. Das fußballerische Niveau war ganz in Ordnung, unsere Löwen hätten sicherlich mithalten können.

Nach Abpfiff ging es zu Fuß zurück zur Unterkunft, da am nächsten Morgen früh der Bus zur nächsten Station auf meiner Reise abfahren sollte. Es war auf jeden Fall spannend ein neues Land zu besuchen und einen weiteren Länderpunkt einzusammeln. Doch die Highlights der Tour sollten erst noch folgen.

Stadion Kaunas Beim Spiel FK Kauno Zalgiris FA Siauliai

Groundhopping auf sechzger.de

In den letzten Monaten erschienen bereits einige Groundhopping-Artikel auf sechzger.de. Hier eine Übersicht:

Groundhopping Rumänien
Groundhopping Mazedonien bzw. Nordmazedonien
Groundhopping Armenien
Groundhopping Thailand (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ukraine
Groundhopping Kuba
Groundhopping Montenegro
Groundhopping Indien
Groundhopping Kirgisistan
Groundhopping Saudi-Arabien
Groundhopping Antarktis (Südgeorgien)
Groundhopping Kolumbien
Groundhopping Indonesien
Groundhopping Laos
Groundhopping Georgien
Groundhopping Sansibar
Groundhopping Moldawien/Transnistrien
Groundhopping Nordkorea
Groundhopping Bulgarien
Groundhopping Senegal
Groundhopping Gambia
Groundhopping Guinea-Bissau
Groundhopping Frankreich
Groundhopping Kosovo & Nordmazedonien
Groundhopping Bosnien
Groundhopping Taiwan
Groundhopping Tunesien
Groundhopping Algerien
Groundhopping Türkei
Groundhopping Galicien (Teil I / Teil II)
Groundhopping Madrid (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ecuador (Teil I / Teil II)
Groundhopping Albanien

 

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Kraiburger

Top, Danke für den Bericht Jan.

Ich war im Oktober 2021 für 2 Wochen in Kaunas und Vilnius. Kaunas war damals aufgrund der anstehenden Feierlichkeiten für die “Kulturhauptstadt” eine Großbaustelle und konnte kaum betreten werden. Aber die Anwesenheit deutscher NATO-Soldaten war damals schon enorm. Ich bin in einer Boazn auf ein paar Soldaten getroffen, die mir von der Gefahr berichtet haben die von Russland ausgehen würde. Das hab ich damals nicht geglaubt und sie ordentlich belächelt. Wenn man sich aber mal ansieht, wie klein der Landstrich ist, der Litauen mit Europa verbindet (Grenzland zwischen Kalinigrad und Belarus), dann kann man die Sorgen allerdings schon deutlich verstehen.

Überrascht war ich von deinen Bierpreisen, das hatte ich damals so nicht in Erinnerung. Ich war nur bei einem Spiel in Vilnius, da war der Eintritt frei und das Bier ziemlich günstig. Wie teuer es bei der Futsal-WM in Kaunas war weiß ich nicht mehr, aber es muss günstig gewesen sein weil ich nicht mehr weiß wie ich zur Unterkunft zurück bin. Dort hab ich damals übrigens das Spiel USA gegen Iran gesehen. Aufgrund Corona einst aber nahezu noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und die Maske durfte nur zum Trinken abgenommen werden – mit ein Grund …