Über die WM-Zeit machte sich unser Leser Schnauzer zum Groundhopping auf den Weg nach Mexiko. Neben zwei besuchten WM-Spielen gab es aber auch reichlich Kultur. Viel Spaß beim lesen von Teil 1!

Ob man WM-Spiele bei horrenden Ticketpreisen, maximaler Vermarktung und dem ganzen Theater um Trump, Infantino und die große FIFA-Inszenierung noch guten Gewissens besuchen kann, ist eine berechtigte Frage, die sich an dieser Stelle vermutlich viele stellen. Ganz ausblenden lässt und ließ sie sich nicht, denn mit jedem Ticket und jedem Stadionbesuch wird ein System mitgetragen, dass sich immer weiter von dem entfernt, was wir alle am Fußball eigentlich lieben. Gleichzeitig bleibt aber auch die Faszination für das Spiel, die Stadien, die Menschen vor Ort und die einmaligen Geschichten, die nur auf solchen Reisen entstehen. Eine einfache Antwort gibt es für mich deshalb nicht – eher den Versuch, den Widerspruch auszuhalten und sich trotzdem bewusst zu machen, wem man am Ende Applaus, Geld und Aufmerksamkeit schenkt.

Am Ende der 18-tägigen Tour konnten je ein Spiel in Monterrey und Mexico City, tausende Kilometer mit Auto, Bus und Flugzeug sowie massig neue Eindrücke und Geschichten verbucht werden. Im nachfolgenden Erlebnisbericht soll es um Fußball, aber überwiegend um erlebtes auf der Reise gehen.

Die ersten Tage in Mexiko

Am 06.06.2026, dem Samstag vor der WM, ging es für mich also endlich über den großen Teich, nach Mexiko. Nach einem knapp über zwölfstündigen Direktflug von München nach Mexico City konnte spätabends die Base für die kommenden Wochen bezogen werden. Dank bester Kontakte in die mexikanische Hauptstadt war diese auch noch kostenfrei. Ein herzliches Vergelt’s Gott noch mal an dieser Stelle für die herausragende Gastfreundschaft, Sophia!

Am ersten Tag nach der Ankunft ging es für uns abends in den „Palacio de los Deportes“, eine große Mehrzweckhalle in Mexico City, zu einem Konzert der venezolanische Band „Rawayana“, die ihren Stil selbst als „Trippy Pop“ bezeichnet und Genres von Reggae über Funk bis Salsa verbindet. Trotz der hohen Bierpreise von 200 Pesos (1 EUR = 20 MXN) lieferte die Band eine dreistündige Party mit verschiedensten lokalen Gastauftritten. Die über 20.000 Mexikanerinnen und Mexikaner feierten eine große Party und so ging quasi jeder nach stundenlangem Tanzen vollgeschwitzt und zufrieden nach Hause.

Mit Beginn der neuen Woche rückte auch das WM-Eröffnungsspiel in der Stadt immer näher, von großer WM-Stimmung war jedoch zunächst noch wenig zu spüren. Vor allem das Centro versprühte durch die seit Anfang Juni anhaltenden Proteste der Lehrergewerkschaft CNTE wenig WM-Atmosphäre. Diese kämpfte für bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse sowie die Rücknahme einer Rentenreform, indem sie in der gesamten historischen Altstadt zelteten. Vereinzelt gab es Meldungen, dass Cops mit Gewerkschaftlern gefüllte Busse auf der Anreise in die Hauptstadt kontrollierte und dabei mehrere Sprengkörper beschlagnahmte. Außerdem wurden ca. fünf Meter hohe Fußballer-Statuen, die wenige Tage vor der WM aufgestellt wurden, zu Boden gerissen und teilweise in Brand gesetzt. Zu potenziellen Störungen der Eröffnungszeremonie und der WM-Spiele in Mexiko kam es am Ende dann aber nicht. Die Streiks waren zunächst nicht erfolgreich und wurden bis 20. Juni aufrechterhalten.

Lucha Libre in der Arena Mexico

Zwei Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel ging es für uns noch zum Lucha Libre, dem mexikanischen Wrestling. Bereits vor den Toren der Arena Mexico, die ausschließlich für Lucha Libre genutzt wird und 16.000 Plätze fasst, war klar erkennbar, dass die WM in den Startlöchern stand. Die berühmten Masken konnten in sämtlichen Varianten gekauft werden, das am meisten angebotene Modell war jedoch im Stil des mexikanischen WM-Trikots gehalten. Außerdem rüsteten auch die restlichen Straßenverkäufer in der Hauptstadt mit Nationalflaggen und „originalen“ Trikots auf.

Eine interessante Erfahrung, aber das ist und wird definitiv keine Randsportart, die ich regelmäßig verfolgen werde und wer mich kennt, der weiß, dass ich ein großes Herz für Randsportarten habe und mir wirklich jede Sportart ansehe, die kompetitiv ausgeübt werden kann. Für umgerechnet drei Euro bot die Veranstaltung aber zwei Stunden beste Unterhaltung. Bei reichlich Bier konnte man Einheimische dabei beobachten, wie sie ihre Luchadoras und Luchadores anfeuern oder ihre Kontrahenten beleidigen. Der Bierpreis variierte während der Veranstaltung, wurde interessanterweise von Runde zu Runde ein wenig günstiger und befand sich umgerechnet irgendwo zwischen sieben und zehn Euro.

WM-Eröffnung

Dann war er also gekommen, der große Tag der WM-Eröffnung. Nach Tagen des Ankommens, Herumstreifens und ersten vorsichtigen WM-Anzeichen rückte der Fußball nun endgültig in den Mittelpunkt. Dass das Eröffnungsspiel für den europäischen TV-Markt auf 21 Uhr (MESZ) terminiert wurde, bedeutete in Mexico City allerdings einen Anstoß um 13 Uhr Ortszeit. Entsprechend früh mussten wir uns also bereits auf die Suche nach einer geeigneten Kneipe machen und zogen durch das von Autos leergefegte Mexico City. Da wir keine Reservierung hatten, gestaltete sich die Suche schwieriger als gedacht. Vorbei an unendlich vielen Mexikotrikots zogen wir von ausreservierter oder bereits um 10:30 Uhr überfüllter Bar durch die Hauptstadt, ehe wir noch einen Platz ergattern konnten. Die Lokalität bot neben dem ein oder anderen Untappd-Bier im Sonderangebot (ein Liter für umgerechnet 5 Euro) auch reichlich Tacos.

Mit der Eröffnungszeremonie und spätestens mit der mexikanischen Hymne war das Knistern überall zu spüren und der Sieg der mexikanischen Nationalmannschaft tat sein Übriges. Wer die Bilder der feiernden Mexikanerinnen und Mexikaner auf der „Reforma“ auf Social Media gesehen hat, kann sich ungefähr vorstellen, was auch noch Stunden nach Abpfiff in der Stadt los gewesen ist und das obwohl unmittelbar nach Abpfiff ein starkes Unwetter über die Stadt gezogen ist, wobei mehrere Bäume umstürzten.

Schweden gegen Tunesien in Monterrey

Am Samstagabend (13.06.2026) ging es für uns weiter nach Monterrey. Dort sollte die WM am Folgetag mit dem Spiel Schweden gegen Tunesien auch für mich endlich beginnen. Nachdem um 11 Uhr morgens das Spiel Deutschland gegen Curaçao in einem Pub verfolgt wurde, ging es über das Fan Fest zum Stadion. Der Weg vom Fan Fest zum Stadion wurde zur großen Verwunderung der örtlichen Securities zu Fuß angetreten. Diese waren aber nicht verwundert, weil die Gegend unsicher ist, sondern weil der Einfluss der USA in Monterrey bereits so stark ist, dass sämtliche Distanzen von mehr als 200 Meter mit dem Auto gefahren werden. Na gut, es waren auch ca. fünf Kilometer, aber schließlich hatten wir auch noch vier Stunden bis zum Anpfiff und im Stadion konnte sich die Zeit nur mit viel zu teuren Fast Food und Getränken um die Ohren geschlagen werden.

Den berühmten 1.820 Meter hohen Berg „Cerro de la Silla“ konnte man bereits tagsüber am Horizont erblicken und auch wenn der Gipfel an jenem Tag immer wieder in Wolken gehüllt war, bot er ein traumhaftes Panorama, fast wie daheim. Im Stadion angekommen, fanden wir uns für umgerechnet 120 Euro in der Kategorie 3 mit bestem Ausblick auf den zuvor erwähnten „Cerro de la Silla“ wieder und konnten diesen Ausblick noch bis kurz vor Anpfiff genießen, ehe die Sonne endgültig untergegangen war. Wenig überraschend hatten es auch deutlich mehr Schweden- als Tunesienfans nach Monterrey ins 51.000 Zuschauer fassende Stadion verschlagen. Trotz des stattlichen Bierpreises von knapp 15 Euro für den halben Liter durfte das Länderpunkt-Bier nicht fehlen, bevor das Spiel endlich angepfiffen wurde.

Die Elf um Gyökeres und Isak startete traumhaft in die WM und ging bereits früh durch Ayari in Führung. Die restliche erste Halbzeit blieb relativ ausgeglichen und so ging es nach einem Patzer von Tunesiens Torwart Chamakh, der den Schuss von Isak quasi passieren ließ und einem schönen Tor durch Tunesiens Rekik mit 2:1 in die Pause. In der zweiten Hälfte war Tunesien dann spätestens nach dem 3:1 durch Gyökeres in der 59. Minute gebrochen. So endete das Spiel nach weiteren Treffern für Schweden durch Svanberg und Ayari mit 5:1.

An dieser Stelle wird es noch mal Zeit für ein weiteres Vergelt’s Gott an die Eltern meiner mexikanischen Arbeitskollegin Brenda, die uns zwei Nächte aufgenommen und bestens verpflegt haben. Die Gastfreundschaft ist ungeschlagen. So wurden wir reichlich bekocht, durch Monterrey kutschiert und am Ende sogar noch mit Geschenken auf die Weiterreise geschickt.

Über Guanajuato und Querétaro zurück in die Hauptstadt

Um die Zeit bis zum zweiten Spiel am Mittwoch (17.06.2026) zu überbrücken, ging es von Monterrey über Guanajuato und Querétaro zurück in die Hauptstadt.

Guanajuato entpuppte sich als wunderschöne Kolonialstadt mit ca. 200.000 Einwohnern, die mit ihren engen Gassen, steilen Treppen und bunten Häuserfassaden sofort Eindruck machte. Besonders überraschend war, wie lebendig die Stadt selbst an einem Montagabend noch war: Bis spät in die Nacht füllten Einheimische die Plätze, Gassen und kleinen Bars, ohne dass es sich wie eine reine Touristenkulisse anfühlte. Genau diese Mischung aus kolonialem Charme, Farben und echtem lokalen Leben machte den Zwischenstopp besonders lohnend. Zwischenzeitlich landeten wir schließlich in der Bar „Consulado“, die von 1864 bis 1867 als ehemaliges preußisches Konsulat in Guanajuato diente, ein historisch etwas skurriler, aber passender Abschluss für diesen Stopp.

Am nächsten Tag fanden wir uns dann ab Mittag in Santiago de Querétaro wieder. Die Stadt zeigte sich deutlich aufgeräumter und ruhiger als Guanajuato, überzeugte aber ebenfalls mit kolonialer Architektur, schönen Plätzen und einem entspannten historischen Zentrum. Kulturprogramm gab es im Museum of Contemporary Art, wo die Andy-Warhol-Ausstellung begutachtet wurde (Wir sind Löwen, kultivierte Löwen, gehen in Museen oder in die Pinakothek!). Am Abend führte der Weg schließlich noch zur Hércules-Brauerei, die mit ihrem Gelände und dem ein oder anderen Untappd-Bier einen passenden Abschluss bot.

In Teil 2 des Groundhoppingberichts könnt ihr euch dann unter anderem auf einen Spielbesuch im legänderen Aztekenstadion, einen Roadtrip durch Baja California Sur sowie Kulinarik freuen.

Groundhopping auf sechzger.de

In den letzten Jahren erschienen bereits einige Groundhopping-Artikel auf sechzger.de. Hier eine Übersicht:

Groundhopping Rumänien
Groundhopping Mazedonien bzw. Nordmazedonien
Groundhopping Armenien
Groundhopping Thailand I
Groundhopping Thailand II
Groundhopping Ukraine
Groundhopping Kuba
Groundhopping Montenegro
Groundhopping Indien
Groundhopping Kirgisistan
Groundhopping Saudi-Arabien
Groundhopping Antarktis (Südgeorgien)
Groundhopping Kolumbien
Groundhopping Indonesien
Groundhopping Laos
Groundhopping Georgien
Groundhopping Sansibar
Groundhopping Transnistrien
Groundhopping Nordkorea
Groundhopping Bulgarien
Groundhopping Senegal
Groundhopping Gambia
Groundhopping Guinea-Bissau
Groundhopping Frankreich
Groundhopping Kosovo & Nordmazedonien
Groundhopping Bosnien
Groundhopping Taiwan
Groundhopping Tunesien
Groundhopping Algerien
Groundhopping Türkei
Groundhopping Galicien (Teil I / Teil II)
Groundhopping Madrid (Teil I / Teil II)
Groundhopping Ecuador (Teil I / Teil II)
Groundhopping Albanien I
Groundhopping Albanien II (Teil 1 / Teil 2)
Groundhopping Schweden (Teil I / Teil II)
Groundhopping Finnland
Groundhopping Norwegen
Groundhopping Litauen
Groundhopping Lettland
Groundhopping Kanada
Groundhopping Sri Lanka
Groundhopping Moldawien
Groundhopping Belgien & Luxemburg

0 0 votes
Artikelbewertung
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Newest
Oldest Most Voted